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Verrückte Hochstapler!

Sachsens Unternehmerpreis geht in die 14. Saison. Zwei Gerüstbauer aus Roßwein werfen ihren Helm erneut in den Ring.

Mal wieder obenauf: Walter Stuber und Dirk Eckart (v. l.), Geschäftsführer und Inhaber der Gemeinhardt Gerüstbau Service GmbH in Roßwein. Auf den Höfen der drei Niederlassungen lagern Stellrahmen für 80.000 Quadratmeter Gerüst.
Mal wieder obenauf: Walter Stuber und Dirk Eckart (v. l.), Geschäftsführer und Inhaber der Gemeinhardt Gerüstbau Service GmbH in Roßwein. Auf den Höfen der drei Niederlassungen lagern Stellrahmen für 80.000 Quadratmeter Gerüst. © Thomas Kretschel/kairospress

Sie seien schon sauer gewesen, dass sie im Mai bei Sachsens Unternehmerpreisgala nicht auf die Bühne gerufen wurden, geben Walter Stuber und Dirk Eckart zu. Die Chefs und Inhaber der Gemeinhardt Gerüstbau Service GmbH in Roßwein hatten damit geliebäugelt, im zweiten Anlauf um „Die Träumende“, die vergoldete Bronzestatue für den Sieger, unter den Top 5 zu sein. Schließlich sind sie Schulterklopfen gewohnt und ob ihrer schrägen Ideen auch medial präsent.

Das Duo weiß, was es kann, bleibt trotz der Gerüste auf dem Boden, begehrt aber dennoch Aufmerksamkeit: sei es mit einer Protest-Kutschfahrt gegen Dieselfahrverbote durch Frankfurt am Main, mit der nach dem Unternehmen benannten Zufahrtsstraße, Stellenanzeigen auf 12 000 Pizzakartons, Werbespots in West-Kinos, Talkshow-Auftritten, eigenen Bücher. „Wir wollen wahrgenommen werden“, sagen sie.

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Wer sich ihren Projekten, in diesem Jahr rund 270, nähert, staunt. Das Unternehmen baut Gerüste auch von oben nach unten – dort, wo die meisten der 3 000 Konkurrenten in Deutschland kapitulieren. So an der Talsperre Sosa, an der Trinkwasser-Talsperre Lehnmühle in Hartmannsdorf bei Dippoldiswalde, an den Unterbögen der Dresdner Albertbrücke. Zum Kundenkreis gehören Industriebetriebe, öffentliche Auftraggeber und Baufirmen.

Die Wurzeln der Firma liegen in einem 113 Jahre alten Münchner Familienbetrieb. Dessen 1994 gegründete Niederlassung in Roßwein hatten der Schwabe Stuber und sein einstiger Kolonnenführer Eckart, ein Sachse, 2001 gekauft. Drei Mitgesellschafter sind später ausgestiegen. Mittlerweile hat die Firma in Roßwein, Braunschweig und Frankfurt am Main 50 Mitarbeiter, die wohl auch in diesem Jahr wieder rund vier Millionen Euro Umsatz erwirtschaften.

Ihre Chefs nennen sich selbst „verrückt“ – auch wegen ausgefallener Ideen wie dem Wunschlohn für Mitarbeiter mit zwei Zusatzprojekten, Weihnachtskarten im Sommer, 80 Euro Zuschuss für Kita- oder Hortplatz, betriebliche Altersvorsorge, Nichtraucher- und Nicht-krank-Bonus. Die Fahrzeit zur und von der Baustelle bezahlen sie ihren Leuten – alles andere als üblich. Die acht Azubis werden gefördert: in einer eigenen Lehrlingskolonne mit viel Mitsprache und weniger körperlicher Belastung. Dafür vergeben Mitarbeiter bei der Onlineplattform Kununu 4,4 von 5 Sternen – wovon andere Arbeitgeber nur träumen.

Dennoch sucht der Gerüstbauer nicht nur in Sachsen dringend Leute – filmreif per 35-Sekunden-Kinospot: nach der Premiere im Sommer in Stuttgart demnächst auch in München. Bewerber sollten schwindelfrei sein, denn es winken Einsatzorte wie das Bahnviadukt Markersbach, der 170 Meter hohe Schlot eines Heizkraftwerks in Leipzig oder Leuchttürme an der Nordsee. Getreu dem Schwaben-Motto „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ soll der Clip den Nerv von Familienvätern treffen, deren Traum von den eigenen vier Wänden wegen horrender Immobilienpreise im Süden unerfüllt bleibt. In Sachsen gebe es attraktive Großstädte und auf dem Land günstiges Bauland – außerdem fair zahlende Arbeitgeber. So heißt es in dem Werbefilm, der sich nicht zuletzt an rückkehrwillige Auswanderer richtet und bei YouTube bereits 75 000 geklickt wurde.

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Die „Goldene Höhe“ haben die Gerüstbauer bereits erklommen. Kein großer Akt für Stuber & Eckart, denn so heißt das Gewerbegebiet in Roßwein mit derzeit zehn Adressen. Doch sie wollen mehr: „Mit dem Unternehmen langfristig Sinn stiften“, sagen die Chefs. Gewinn definieren sie auch über die „Ökonomie Gemeinwohl“, was Fairness mit Lieferanten, Mitarbeitern, Behörden einschließe. Sie engagieren sich auch sozial: vom Kinderheim über die Förderschule bis zum örtlichen Sportverein.

Noch stehen in der Schrankwand ihres Konferenzzimmers nur Fußballpokale neben Mannschaftsfotos der Belegschaft und Ratgeberbüchern für Unternehmer. Viele tragen „Motivation“ oder „Erfolg“ im Titel. 2017 sind Stuber und Eckart selbst unter die schreibende Zunft gegangen. „Mutmacher – Das Praxishandbuch von zwei verrückten Unternehmern“ soll zur Selbstständigkeit ermuntern, zum Querdenken und dazu, Neues auszuprobieren, sagen die Autoren. In Schulen und Universitäten liege der Fokus auf künftigen Arbeitnehmern statt darauf, dass man als Selbstständiger seinen Lebensunterhalt verdient, beklagt Eckart. „Unternehmer übernehmen Verantwortung für sich und die Gesellschaft, die Anstrengung lohnt sich.“

Gerüstbauer sind von Haus aus Hochstapler, doch „Mutmacher“ ist von entwaffnend offen und ehrlich. Stuber gibt zu, ein Tyrann gewesen zu sein, der Leute entlassen konnte, nur weil sie ihm mal widersprachen. Auch seine Gehbehinderung habe ihn geerdet, sagt er und räumt freimütig ein: „Ich bin nicht schwindelfrei.“ Und das als Chef eines Gerüstbaubetriebs.

Ist der erste Band noch von eigenen Höhen und Tiefen geprägt, so kommen im zweiten mehrere Gründer zu Wort. „Unsere Wirtschaft braucht Innovationen, Investitionen und Gründer jeden Alters, die bereit sind, ihr wohlbehütetes Gehaltsschema aufzugeben, um etwas Neues zu schaffen“, heißt es im Vorwort von Dagmar Wöhrl, Ex-Politikerin, Unternehmerin und Jurorin in der „Höhle der Löwen“. Die gerade beendete fünfte Staffel der TV-Show um Kapitalspritzen für Gründer und Erfinder hatten drei Millionen Zuschauer verfolgt.

Die Nachfolge in der gemeinsamen Firma haben die Chefs mit ihren Söhnen langfristig geregelt. Während Dirk Eckart mit seinen 51 Jahren noch länger durch die rote Saloontür am Eingang gehen wird, ist für seinen 57-jährigen Partner die Zeit im Container endlich. Das sei aber nicht das Ende, denn er wolle noch mal durchstarten, sagt Stuber, und: „Die meisten Leute sitzen mit 65 daheim und warten auf den Tod, das nervt mich.“ Was er über sein ehrenamtliches Engagement in Vereinen hinaus vorhat, verrät er noch nicht.

Fest steht: 2020 soll der nächste „Mutmacher“ erscheinen. Apropos: Auch beim Wettbewerb „Sachsens Unternehmer des Jahres“ wollen sie dabei sein und setzen bei der 3. Teilnahme auf ein altes Sprichwort. „Wir werfen nicht den Hut, aber den Helm in den Ring“, sagt Dirk Eckart. Das klingt entschlossen – und gar nicht so verrückt.

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