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Verschollene Familie

Ein Holländer sucht nach Verwandten in Radebeul und Umgebung. Ein tragisches Schicksal hat die Familie einst auseinandergerissen.

Das alte Foto zeigt die Familie Brandt aus Kötzschenbroda in den 1910er-Jahren. Mit einem Kreuz in der Mitte des Bildes markiert ist Hildegard Margarethe Brandt. Sie emigrierte nach Holland. Ein Verwandter von dort sucht jetzt nach Nachkommen.
Das alte Foto zeigt die Familie Brandt aus Kötzschenbroda in den 1910er-Jahren. Mit einem Kreuz in der Mitte des Bildes markiert ist Hildegard Margarethe Brandt. Sie emigrierte nach Holland. Ein Verwandter von dort sucht jetzt nach Nachkommen. © privat

Radebeul. Koos Rijnsburger war noch nie in Radebeul. Trotzdem verbindet den 74-Jährigen, der in Ter Ar, einer holländischen Kleinstadt – 30 Kilometer von Amsterdam entfernt – lebt, eine besondere Geschichte mit der Lößnitzstadt. 

Hierher, genauer nach Kötzschenbroda, kamen seine Großcousinen Ende der 20er-Jahre. Seitdem hat die Familie in Holland nicht mehr von ihnen gehört. Koos Rijnsburger sucht seit Jahren nach den verschollenen Verwandten.

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Die Geschichte beginnt in Kötzschenbroda. Dort kommt Hildegard Margarete Brandt am 23. Februar 1898 zur Welt. Mit 14 Jahren wird sie in der Friedenskirche konfirmiert. Den alten Konfirmationsschein, ausgestellt am 4. April 1912 im Pfarramt von Kötzschenbroda, hat Koos Rijnsburger aus dem Nachlass seiner Tante gerettet. 

Darauf ist ein Bild der Kirche und vom Altar zu sehen. Nach ihrer Schulzeit emigriert die junge Frau nach Holland, um Geld zu verdienen. Sie bekommt eine Stelle als Hausmädchen in Den Haag, wo sie den Holländer Petrus Oene Rijnsburger kennenlernt. Die beiden verlieben sich und heiraten im Jahr 1922.

Ein Jahr später kommt ihre erste Tochter Sjoukje Alwina zur Welt. 1925 wird das zweite Mädchen geboren, das anders als die große Schwester einen typisch deutschen Namen trägt: Hildegard Elisabeth. Doch über dem jungen Familienglück hängt ein dunkler Schatten.

 Vater Petrus ist an Tuberkulose erkrankt. Er hat sich während seiner Zeit in der Armee mit der Lungenkrankheit infiziert. Gegen den „weißen Tod“, wie die Krankheit früher auch genannt wurde, werden zu dieser Zeit noch kaum Leute geimpft. Die Erkrankten leiden an Husten, Fieber und Auswurf. Hinzu kommen Atemnot und Schmerzen in der Brust. Meist verläuft die Krankheit tödlich.

Bei Familie Rijnsburger schlägt das Schicksal doppelt zu. Denn auch Mutter Margarete erkrankt, angesteckt von ihrem Mann. Im Januar 1927 stirbt sie im Alter von nur 29 Jahren. 

Der schwer kranke Vater kann sich nicht um die zwei kleinen Mädchen kümmern. Sie kommen nach dem Tod der Mutter zu ihren Großeltern nach Kötzschenbroda. Sjoukje Alwina ist da gerade drei Jahre, ihre kleine Schwester Hildegard Elisabeth erst ein Jahr alt. Vier Monate später erliegt auch der Vater in Holland der Tuberkulose.

Der Konfirmationsschein von Hildegard Margarete Brandt wurde am 4. April 1912 in Kötzschenbroda ausgestellt. Dieses Dokument, Fotos und Briefe würde der Holländer Koos Rijnsburger gerne an ihre Nachkommen übergeben.
Der Konfirmationsschein von Hildegard Margarete Brandt wurde am 4. April 1912 in Kötzschenbroda ausgestellt. Dieses Dokument, Fotos und Briefe würde der Holländer Koos Rijnsburger gerne an ihre Nachkommen übergeben. © privat

Von da an hört keiner von der holländischen Familie mehr von den Mädchen. „Es gab keinen Kontakt mehr“, sagt Koos Rijnsburger heute. Er selbst hat die Mädchen nicht mehr kennengelernt, wird erst fast 20 Jahre nach deren Wegzug geboren.

Die Geschichte der Familie kennt der 74-Jährige von seiner inzwischen verstorbenen Tante. Sie hatte ganz in der Nähe der Familie in Den Haag gewohnt und die Mädchen oft besucht.

Doch was aus ihnen geworden ist, weiß in Holland niemand. Sind sie in Kötzschenbroda zur Schule gegangen? Wurden sie wie einst ihre Mutter in der Friedenskirche konfirmiert? Haben sie hier geheiratet? Kinder bekommen?

Um das herauszufinden, kontaktiert Koos Rijnsburger von Holland aus die Friedenskiche. Doch er erfährt, dass die Unterlagen von damals zerstört wurden. Auch das Radebeuler Stadtarchiv kann nicht helfen. „Es gibt leider keine Meldeunterlagen bis 1949/1950 für Radebeul“, sagt Archivarin Annette Karnatz. Ohne explizite Angaben könne das Archiv nicht suchen.

Möglicherweise führt eine Spur nach Meißen. Dort wurde Mutter Margarete wahrscheinlich beerdigt. Warum dort und nicht in Kötzschenbroda, ist nicht bekannt. In einer Traueranzeige, aufgegeben von Familie Brandt am 24. Januar 1927, steht: „Herzlichsten Dank allen denen, die uns beim Heimgange unserer lieben, unvergesslichen, so früh verschiedenen Frau Margarete Rynsburger geb. Brandt ihre Anteilnahme bekundeten.“ Warum der Nachname in der Anzeige mit y geschrieben ist, ist unklar. Vielleicht eine Art deutsche Übersetzung.

Die SZ hat bei der Stadt Meißen nachgefragt, ob es irgendwelche Belege zur Familie gibt. Doch Stadtsprecherin Katharina Reso hat keine guten Nachrichten: „Stadtarchiv, Bürgerbüro und Standesamt haben nach den Gesuchten recherchiert – leider ohne Erfolg. Einwohnerverzeichnisse aus der Zeit existieren bei uns nicht. Über Adressbücher ist es schwierig, da die Kinder erst in den 1940er-Jahren selbstständig wurden.“

Sollten sie noch leben, sind beide Schwestern heute über 90 Jahre alt. Koos Rijnsburger hofft, noch einen Kontakt herstellen zu können. Zu den Frauen oder ihren Kindern oder Enkeln. „Ich habe über 20 Fotografien und alte Briefe von ihren Eltern“, erzählt er. „Die würde ich gerne an die Familie überreichen.“

Vielleicht, so hofft er, kann sich ein Leser der Sächsischen Zeitung an die Schwestern erinnern. Gerade auch wegen des in Deutschland ungewöhnlich Namens der Älteren Sjoukje Alwina. Womöglich wissen noch ehemalige Schulkameraden von den Mädchen, die bei Oma und Opa in Kötzschenbroda aufgewachsen sind.

Oder ist die Familie weggezogen? Wohnen die Nachkommen heute wo ganz anders? Koos Rijnsburger hat schon zig Leute mit dem Nachnamen Brandt bei Facebook angeschrieben. Doch bisher waren es nie die Richtigen. Keiner hatte Verwandtschaft in Radebeul und Umgebung oder konnte sich daran erinnern, dass Familienmitglieder von dort stammten.

Wer Informationen zur Familie oder Tipps für weitere Suchansätze hat, kann sich gerne bei der SZ melden.

Sie wollen noch besser informiert sein? Schauen Sie doch mal auf www.sächsische.de/meissen oder www.sächsische.de/radebeul