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Versuch einer Lesung im Knast ist gescheitert

Mike Altmann und Axel Krüger stellen spontan das Programm um. Die Lust an weiteren Experimenten haben sie nicht verloren.

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Von Jenny Thümmler

Der Eindruck wirkt auch einen Tag später nach. Als Axel Krüger und Mike Altmann gestern von ihrer Lesung in der Görlitzer Justizvollzugsanstalt erzählen, erscheinen sie ernster als sonst. Nachdenklicher. „Wir waren zu Gast in einer völlig anderen Welt“, sagt Axel Krüger und erzählt von einer verschlossenen Tür nach der anderen, durch die sie in die Turnhalle geführt wurden, wo die Lesung stattfand. Auch vorbei an Zellen, aus denen ein unfreundlicher Spruch zu hören war. „Die Atmosphäre wurde immer bedrückender. Und ich wusste nicht, wie ich mit den Blicken umgehe.“ Mike Altmann beschreibt es ähnlich, spricht von einem völlig fremden Gefilde und diesem plötzlichen Mittendrinsein in einer Welt, mit der man sonst nie zu tun hat.

Es ist ein Experiment. Eine Lesung der zwei Autoren, die sonst bei den Jazzhappen auf der Bühne des Apollo stehen. Weihnachten entsteht der Wunsch nach einem Geschenk, einer Art guten Tat. Als zufällig die Anfrage für die Weihnachtsfeier in der JVA kommt, ist die Sache klar. Wenn auch nicht einfach. „Je näher der Auftritt kam, desto aufgeregter wurde ich“, sagt Mike Altmann, „aber nicht die Art Lampenfieber wie sonst. Sondern wegen der Konfrontation mit dieser fremden Welt.“

Das Experiment scheiterte, sagen beide nachher. Als sie ihre Texte vortragen, hören die rund 40 anwesenden Häftlinge nicht zu. Es ist keine aggressive Stimmung, keine Ablehnung dieser Abwechslung im Zellenalltag. Es ist Desinteresse. Lieber unterhalten sich die Insassen miteinander, nur eine Hand voll hört zu. Axel Krüger und Mike Altmann entscheiden, nach zwei Texten aufzuhören. Und überlassen den beiden Musikern, die dabei sind, die Bühne. Michael Mönnig, musikalischer Leiter der Jazzhappen, und Katrin Hilbig von der Musikschule Fröhlich unterhalten mit Saxofon und Akkordeon – und reißen die Häftlinge mit. Sie werden aufmerksam, wippen im Takt und singen schließlich sogar Weihnachtslieder mit. „Das war phänomenal“, sagt Axel Krüger. „Die Musiker haben uns gerettet.“

Die Lust auf Experimente haben die Autoren trotzdem nicht verloren. Die Jazzhappen ziehen monatlich Dutzende Gäste am Sonntagabend ins Apollo. Und die Literaturseite „Kostblog“ im Internet hat beachtliche Besuchszahlen. Laut Mike Altmann lesen täglich 200 Menschen die Texte auf der Seite. Das hat Krüger und Altmann auf eine neue Idee gebracht: Ihre Texte erscheinen im März 2012 als Buch, bekannte wie unveröffentlichte. Und dazu erfüllen sie sich den Traum einer Lesereise. Im nächsten Jahr wollen sie ihre Texte vor Publikum in verschiedenen Städten vorstellen. Kontakte über den Kostblog sollen helfen. „Die Vorstellung, dass Leute Bücher mit unseren Texten kaufen, berührt uns sehr.“