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Vertuschte Ladendiebstähle?

Im Netz kursieren Meldungen über ausländische Diebesbanden in Meißen. Die Polizei warnt vor falschen Gerüchten.

© Claudia Hübschmann

Von Peter Anderson

Meißen. Nachmittagsbesuch bei einem möglichen Kriminalitäts-schwerpunkt: Im Lidl-Einkaufsmarkt auf der Meißner Fabrikstraße herrscht reger Betrieb. Weißwürste, Leberknödel und Obazda sind im Angebot. Ein älterer Herr fragt die Kassiererin, ob er ihr kurz seine Tasche zur Aufsicht überlassen dürfte. Eine grauhaarige Dame stellt ihren Einkaufskorb hinter sich, um besser im Regal suchen zu können. Zwei kleine Männer dunkler Hautfarbe mit den gleichen, billigen Winterjacken haben Cola, Wasser und Tiefkühlpizza in ihren Wagen geladen. Die Atmosphäre ist entspannt.

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Anders liest sich das im Internet-Netzwerk Facebook. Dort wird das Areal als Diebeshöhle von Flüchtlinge geschildert. Der Meißner Ralf Harenburg schreibt, am Lidl würden Gruppen stehen, „wo meist Kinder eingekaufte Sachen aus den Wagen stehlen als Ablenkung.“ Von hinten schlichen sich dann „die Großen“ heran und versuchten Wertsachen von den Kunden zu entwenden. Die Opfer seien zumeist Frauen und ältere Menschen. Harenburg beendet seinen Beitrag mit einem Appell: „Bitte liebe Meißner, geht nicht mehr allein vor die Tür und passt auf eure Mitmenschen auf.“

Die Reaktionen auf die warnenden Worte des Meißners lassen nicht lange auf sich warten. „Einzelfälle! Der Scheiß ist garantiert von oben organisiert! Bürgerkrieg!“, so interpretiert es einer der Kommentator. In einem anderen Beitrag heißt es zu den angeblichen Dieben aus einer der Meißner Asyl-Unterkünfte: „Ja die haben sich schön eingelebt und alles abgecheckt, und jetzt tun die genau das, was sie im eigenen Land gewohnt sind.“

Es ist nichts bekannt

Lidl-Pressesprecher Claudius Günther nimmt den Facebook-Eintrag und die darauffolgenden Reaktionen verwundert zur Kenntnis. „Wir können die beschriebenen Vorgänge nicht bestätigen“, teilt er mit. Ähnlich fällt die Antwort des Meißner Rathauses aus. Von organisierten Diebesbanden an der Fabrikstraße sei nichts bekannt, heißt es auf Anfrage der SZ. Im Ordnungsamt lägen keine Hinweise auf außergewöhnliche Vorfälle in diesem Stadtteil vor.

Für die zuständige Polizeidirektion Dresden antwortet deren Sprecher Marko Laske. Er ermuntert dazu, bei Diebstählen – egal ob durch Ausländer oder Deutsche – zuallererst die Polizei einzuschalten und Anzeige zu erstatten. Falsch und gefährlich sei es dagegen, mit ungenauen Angaben Gerüchte in die Welt zu setzen, welche sich schnell verselbstständigen und immer weiter ausgeschmückt werden.

Bei den Fakten bleiben

Tatsächlich kursieren in Meißen seit Ankunft größerer Zahlen von Asylsuchenden vor rund einem Jahr immer wieder Geschichten über vertuschte Ladendiebstähle und andere Straftaten krimineller Ausländer. Vom Grundmuster her ähneln sich diese Gerüchte oft und weisen Parallelen in anderen Gegenden auf.

Bei seinen öffentlichen Auftritten weist der Leiter des Meißner Polizeireviers Hanjo Protze deshalb regelmäßig darauf hin, dass die Region weiterhin als sehr sicher gelten darf. Der Revierchef bietet einen Selbsttest an und begleitet skeptische Bürger – ohne Uniform – in dunklere Ecken der Stadt. Gleichzeitig räumt Protze ein, dass die Straftaten durch die Ankunft der Flüchtlinge zugenommen hätten. Bestätigt wird dies von Sachsens Ausländerbeauftragten Geert Mackenroth. Wenn Zehntausende Menschen kämen, nehme auch die Zahl der Straftaten zu, gerade in der Altersgruppe alleinstehender Männer im Alter von 18 bis 25 Jahren, so der CDU-Politiker.

In den Verhandlungen am Meißner Amtsgericht ist die Zahl der Ausländer im vergangenen Jahr leicht angestiegen. 11,2 Prozent aller angeklagten Straftäter waren Nichtdeutsche, ein halbes Prozent mehr als 2014. Ein Jahr vorher hatte deren Anteil noch bei 4,7 Prozent gelegen. Gemessen an der Bevölkerungsstruktur, wo der Anteil an Ausländern bei rund zwei Prozent liegt, ist die Kriminalitätsrate von Nichtdeutschen demnach deutlich höher als deren Bevölkerungsanteil.