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Verzweifelte Suche nach Hilfe

Eine 14-Jährige leidet an Depressionen. Dringend sucht sie einen Therapieplatz – doch die Wartelisten sind lang.

© Karl-Ludwig Oberthuer

Von Theresa Hellwig

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In ihrer Pause ruft Gabriele Schulze bei der Zeitung an. Ihre Stimme klingt leise, brüchig. Sie ist verzweifelt. „Ich bitte Sie von ganzem Herzen“, schrieb sie bereits zuvor per SMS, „Lisa geht es schlecht.“ Jeder Tag sei ein Kampf zwischen Leben und Tod. Nun bittet, ja fast fleht die Frau, die eigentlich anders heißt, die Zeitung möge doch etwas tun und ihrer Tochter einen Platz in einer Klinik besorgen. Denn die 14-Jährige möchte nicht mehr leben. „Sie hat sich wieder die Hände zerschnitten, sie weint, schreit und sagt, niemand wolle ihr helfen“, erzählt Schulze.

Schon seit Langem kämpft Lisa mit Depressionen. Etwa 3,4 Prozent der Kinder im Grundschulalter und 8,9 Prozent der Jugendlichen in Dresden wie im Bundesdurchschnitt leiden an der psychischen Krankheit. Lisa, die auch anders heißt, spricht auch in der Schule über ihre Krankheit, die bei vielen Menschen noch immer stigmatisiert ist. Ihr Problem aber ist ein anderes: Verzweifelt warten sie und ihre Familie auf einen Therapieplatz in einer Klinik. Das Mädchen möchte gerne auf die offene Station, doch in Arnsdorf – dem Einzugsgebiet der Freitalerin – gibt es keine Plätze. Auch in Dresden wird sie nicht aufgenommen.

Das Klinikum in Arnsdorf verweist bei Anfragen an das Sozialministerium. Veit Rößner, Kinder- und Jugendpsychiater am Dresdner Uniklinikum, spricht offener über das Thema. Er kennt viele verzweifelte Eltern. Nicht selten weinen sie am Empfang, bitten um einen Therapieplatz für ihr Kind – doch er kann nichts tun. Es gibt zu wenige Kinder- und Jugendpsychiater, das sagt er schon lange.

Um die Situation zu verbessern, spricht der Dresdner Kinder- und Jugendpsychiater immer wieder im Sozialministerium vor. Vor allem in den ländlichen Gebieten Sachsens mangele es an Fachärzten. „Die Not ist einfach da“, sagt Rößner. Es gebe nicht genügend Bewerber.

Vor allem jetzt, in der dunklen Jahreszeit, werden die Wartelisten in den Kliniken länger und die Wartezeiten damit auch. Bis zu neun Monate müssen Betroffene in Dresden zurzeit einplanen. Und dabei sei doch gerade bei Menschen jungen Alters wichtig, besonders schnell zu reagieren, findet Rößner. „Die Lebenswelt der Kinder hat nicht dieselbe Zeit wie die von Erwachsenen“, erklärt er. Die Schule wartet nicht, Lücken im Lebenslauf sind in diesem Alter schwerer zu erklären als beispielsweise nach dem Schulabschluss. „Monatelang auf einen Therapieplatz zu warten, das ist für Kinder ein riesiges Problem.“ Aus diesem Grund plädiert Rößner auch dafür, bei jungen Menschen schneller mit Medikamenten zu arbeiten als bei Erwachsenen. „In diesem Alter ist keine Zeit für langes, erfolgloses Herumtherapieren.“

Auch Lisa betrifft der Mangel an Kinder- und Jugendpsychiatern im ländlichen Raum. Sie war zwar bereits in Dresden in Behandlung, doch eigentlich gehört sie in das Einzugsgebiet des Klinikums in Arnsdorf. Rößner weiß, dass diese Klinik vom Ärztemangel betroffen ist. Mehrfach waren Lisa und ihre Mutter bereits dort, doch bislang ist für die Schülerin kein Platz frei. Mutter und Tochter sind verzweifelt.

Denn gerade diese Wartezeit sei ein Problem, erzählt Lisas Mutter. Es ist etwa ein Jahr her, da überredete sie ihre Tochter, zu einer Therapeutin zu gehen. Danach hieß es: Warten auf einen Klinikplatz. In dieser Zeit sei es schlimm geworden; Lisa habe damals begonnen, sich selbst zu verletzen. Die Narben auf den Armen des Mädchens sind stille Zeugen ihres Schmerzes.

Vier Monate verbrachte Lisa danach in der Klinik. Durch die Medikamente wurde es zwar besser – innerlich durchlebte Lisa in dieser Zeit aber einen Kampf. „Mein Kopf sagte stirb, nach außen hin habe ich gelacht“, erinnert sich das Mädchen mit den modischen Röhrenjeans und leicht geschminkten Augen. Als sich die Therapie dem Ende neigte, packte Lisa die Angst. „Ich wollte nicht entlassen werden. Ich wusste, dass es wieder von vorne losgeht“, sagt sie. Und so war es dann auch. Besonders für ihre Freunde war das schwer zu verstehen.

Eigentlich aber ging das Ganze schon viel früher los. „Mir geht es seit der Grundschule nicht gut“, erzählt Lisa. Damals setzte sie sich selbst unter starken Leistungsdruck, dem sie nicht gerecht werden konnte. Lisa ging es schlecht – und das, obwohl sie eine liebevolle Familie hat, wie sie sagt. Und Freunde, die zu ihr halten. „Erst dachten wir, das sei die Pubertät“, erinnert sich Schulze. Aber Lisa weinte viel, hatte Wutausbrüche und Suizidgedanken. Der Mutter fiel es damals schwer, zu verstehen, was in ihrer Tochter vorgeht.

Die Großmutter des Mädchens litt auch an Depressionen. Aber ein Kind? „Ich wusste nicht, dass es so etwas gibt“, erzählt Schulze. Ihre Stimme zittert, beim Erzählen dreht sie sich weg. Auch, wenn ihre Tochter spricht, muss sie immerzu schlucken. Es sind schwere Worte, die sie ertragen muss, wenn Lisa sagt: „Damals war ich der Meinung, dass ich mich nicht umbringen würde. Heute weiß ich nicht mehr, ob das stimmte.“ Damals kam sie auf die geschlossene Station in Dresden. Das war als Ausnahme möglich.

So unfrei zu sein, fand sie zunächst schlimm. Heute wäre es eine Option für sie, auch wenn sie die offene Station bevorzugen würde. Ganz direkt erklärt Lisa: „So wie jetzt kann es nicht weitergehen. So kann ich keine Zukunft sehen.“