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Viel Sekt für Liese

Während die beiden Uwes mordeten, habe sie zu Hause gesessen und zu viel Sekt getrunken. Beate Zschäpe bleibt dabei: Von den NSU-Verbrechen haben sie nichts gewusst. Allerdings nennt sie Namen von Unterstützern.

© dpa

Von Karin Schlottmann, München

München. Die Beate hatte die Jungs im Griff. Sie verwaltete das Geld des Neonazi-Trios. Sie ließ sich die Butter nicht vom Brot nehmen. So oder so ähnlich haben Zeugen die Rolle von Beate Zschäpe beschrieben. 13 Jahre lang hatte sie sich mit ihren beiden Männern in Sachsen versteckt. Zschäpe müht sich seit Dezember, dieses Bild zu zerstören. Von den Morden habe sie nichts gewusst, verhindern konnte sie sie auch nicht, ließ sie ihren Anwalt vor sechs Wochen vor dem Oberlandesgericht München vortragen. Am Donnerstag schob sie weitere Details nach. Das Gericht hatte ihr über 50 konkrete Fragen zu ihrer ersten Aussage gestellt.

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Zwei bis drei Flaschen Sekt pro Tag habe sie getrunken, immer heimlich, denn ihre beiden Gefährten, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, mochten keinen Alkohol. Da alle Drei ein eigenes Zimmer in der Zwickauer Wohnung hatten, habe jeder sein Ding gemacht. Wenn die Uwes auf Tour waren, sei sie häufig betrunken gewesen. „Nur so war das Leben erträglich.“ Manchmal sei sie sogar in ihrer Kleidung eingeschlafen. Wichtig ist ihr, dass der Sekt von Penny und Aldi stammte.

Es war die Abhängigkeit von diesen zwei Männern, die sie daran gehindert habe, das illegale Leben zu beenden. Emotional und finanziell habe sie nicht allein existieren können. Böhnhardt war ihre große Liebe, Mundlos ein guter Freund. Zschäpe schilderte die ausländerfeindliche Gesinnung der beiden. Deutschland sei überfremdet, „Kanaken“, „Dreckstürke“, „Rotfront verrecke“ und solche Sprüche hätten die Männer verwendet und den Nationalsozialismus verherrlicht. Auf ihre eigene politische Einstellung geht sie nur knapp ein. Sie habe als Jugendliche die Nazilieder mitgesungen, später nicht mehr. Zwischen dem Grölen von Liedern und dem Töten von Menschen bestehe ein Unterschied, sagte sie in der Erklärung des Verteidigers.

Böhnhardt sei ein Waffennarr gewesen, leicht reizbar und gewalttätig. Auch ihr gegenüber sei er handgreiflich geworden, gibt sie an. Niemals hätte er sich irgendjemandem untergeordnet. Sich der Polizei zu stellen, sei für die Männer unter keinen Umständen infrage gekommen. Sie betrachteten ihr Leben als verpfuscht. Beide hatten jederzeit eine Waffe bei sich, um ihrer Verhaftung zu entgehen, so Zschäpe. Tatsächlich erschossen sie sich am 4. November 2011 in Eisenach in ihrem Wohnmobil, weil die Polizei sie nach dem Überfall auf die Sparkasse entdeckt hatte.

Einerseits schildert Zschäpe ihr Leben im Untergrund als einsam und trostlos. Selbst in der aufwendig gesicherten Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße hätten die Drei sich, so behauptet Zschäpe, mit ihren Decknamen angesprochen: Liese, Gerri und Max. Andererseits berichtete die Angeklagte am Donnerstag von regelmäßigen Treffen mit ihrer Freundin Susann E., Ehefrau des Mitangeklagten Andre E. Sie habe Susann mehrfach pro Woche besucht, sie seien gemeinsam ausgegangen, zum Beispiel zu Auftritten von Cindy von Marzahn oder hätten mit den Kindern der Familie E. gespielt. Zschäpe: „Das tat mir gut, da ich selbst keine Kinder bekommen kann.“ Und Zschäpe gibt zu, dass Susann ihr ihre Identität zur Verfügung stellte für die Krankenkassen-Karte und die Bahncard. Andre E. habe eine Wohnung für das Trio angemietet und ihr frische Kleidung gebracht, nachdem sie im November 2011 die Wohnung in Zwickau in Brand gesteckt hatte. Zschäpe nennt zudem weitere Namen von Unterstützern, die Konten einrichteten, Wohnungen anmieteten und persönliche Daten für falsche Pässe lieferten. Wirklich neu waren diese Informationen allerdings nicht. Gegen die meisten laufen seit Langem Ermittlungsverfahren.

Eine Mitverantwortung für die zehn Morde hatte Zschäpe im Dezember strikt zurückgewiesen. Die Männer hätten sie erst informiert, wenn sie nach mehreren Wochen zurückgekommen seien. Sie habe die Taten verabscheut, aber nicht verhindern können. Am Donnerstag leugnete sie sogar, von den großen Waffen- und Munitionsvorräten in der gemeinsamen Wohnung gewusst zu haben. „Jeder hatte seine Privatsphäre.“ Nur eine Waffe habe häufig im Wohnzimmer herumgelegen – für die Überfälle, die Zschäpe nicht leugnet. Um bei den zahlreichen Überfällen auf Banken und Einkaufsmärkte noch mehr Eindruck auf das Personal zu machen, habe sich Mundlos in Zwickau sogar eine Pumpgun besorgt. Dann nennt sie noch den Namen des einstigen Anführers von „Blood and Honour“, Jan W., der Böhnhardt zufolge eine weitere Waffe besorgt haben soll.

Zschäpes Absicht ist eindeutig: Sie schildert sich als Opfer, schwach und ohne Einfluss. Ein konkretes Bild über die Zeit zwischen 1998 und 2011 ergibt sich aber auch nach der zweiten Aussage nicht.