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Viele Athleten, wenige Stars

© dpa

Der Russe Wiktor Ahn beteuert seine Unschuld. Dennoch darf er nicht zu den Winterspielen.

Von Friedemann Kohler

Olympia-Legende Wiktor Ahn geht auf Konfrontationskurs zu Thomas Bach, doch das Olympia-Aus vieler russischer Sportstars ist unumgänglich. Nachdem das Nationale Olympische Komitee Russlands (ROC) mit einer Liste von 169 Startern für die Winterspiele vorgeprescht ist, ist klar, dass Russland weitgehend namenlose Athleten nach Pyeongchang schickt. Ahn, Biathlon-Olympiasieger Anton Schipulin und Skilanglauf-Weltmeister Sergej Ustjugow fehlen als Teilnehmer. Russland, das 2014 in Sotschi noch den Medaillenspiegel gewann, muss sich auf deutlich weniger erfolgreiche Winterspiele einstellen.

Der sechsfache Shorttrack-Olympiasieger Ahn findet sich mit seinem Olympia-Aus nicht ab und richtet in einem offenen Brief deutliche Worte an Bach als Boss des Internationalen Olympischen Komitees: „Während meiner gesamten Shorttrack-Karriere hat es nie einen Grund gegeben, an meiner Ehrlichkeit und Integrität zu zweifeln. Es ist empörend, dass es keinen konkreten Grund gibt, der meinen Ausschluss von den Olympischen Spielen erklärt, und außerdem sehen mich die Leute jetzt als einen Athleten an, der gedopt hat.“

Das IOC stellt nur nebulös dar, warum Ahn in Südkorea unerwünscht ist. Einen positiven Dopingbefund gibt es bisher nicht. „Unser Job war die Zusammenstellung aller Information aus allen bisherigen Ermittlungen und Quellen“, sagte Günter Younger, Chefermittler der Welt-Anti-Doping-Agentur. Sie nutzte auch Daten aus dem Moskauer Doping-Analyse-Institut von 2012 bis 2015, die ihr zugespielt wurden. Die Wada zog aber ebenso Untersuchungsergebnisse von Richard McLaren in Russland, Steroidprofile und Blutpässe der Athleten, DNA-Analysen von Urinproben und Ergebnisse der vorolympischen Doping-Tests heran.

Das IOC verweist dagegen auf die ROC-Sperre aufgrund der Sotschi-Dopingaffäre. Daher benötigen Russen eine IOC-Einladung. Sie dürfen nur unter neutraler Fahne und ohne Hymne starten. Aus 500 Aktiven wurden bereits 111 Athleten aussortiert. Schließlich legte Russland eine Liste von 169 Sportlern vor, die mit dem IOC abgestimmt sei. „Die darin aufgeführten Athleten erhalten eine Einladung des IOC“, sagt Sportminister Pawel Kolobkow. Vom IOC in Lausanne gab es zunächst keine Bestätigung, dass die Aufstellung endgültig sei. Ursprünglich sollte erst am Sonnabend über die Einladungsliste entschieden werden.

Schipulin schrieb, er sei tieftraurig. „Ich habe in meiner ganzen Karriere nie Anlass zu Zweifeln gegeben, ob ich sauber bin.“ Der Kapitän der Biathlon-Auswahl fragt das IOC nach dem Grund des Ausschlusses.

Auf der russischen Liste stehen viele Nachwuchstalente. Das Niveau dieser Mannschaft sei schwächer, als es sein könnte, und das liege nicht nur an fehlenden Stars. Beispielsweise können die Russen im Biathlon erstmals seit 1968 nicht bei den Staffeln mitlaufen. Gemeldet sind nur je zwei Frauen und Männer. Daher ist nur ein Start im Mixed möglich.

Erstklassig besetzt, wenn auch ohne Spieler aus der nordamerikanischen Profiliga NHL, ist die Eishockey-Mannschaft mit Ilja Kowaltschuk und Pawel Dazjuk. Im Eiskunstlauf gehören die Paar-Europameister Jewgenija Tarassowa und Wladimir Morosow zu den Gegnern von Aljona Savchenko und Bruno Massot. Die 15-jährige Europameisterin Alina Sagitowa und die 18-jährige Jewgenija Medwedjewa dürften Olympia-Gold unter sich ausmachen.

Aufgrund des Ausschlusses vieler Helden gibt es in Russland Forderungen, dass auch die anderen Aktiven auf den Start verzichten sollen. Doch das ROC lehnt einen Boykott ab. Kolobkow sagt, jeder Athlet müsse entscheiden. Seines Wissens gebe es aber keinen, der verzichte. Shorttrack-Weltmeister Semjon Jelistratow kündigt an, er fahre auf alle Fälle. (dpa)