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„Viele Brüche passieren beim Schneeschippen“

Chefarzt Dr. Lars Thomaschewski über Rutschgefahr im Winter, Knochenbrüche und Tipps, wie man Stürze vermeidet.

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© Karl-Ludwig Oberthür

Herr Dr. Thomaschewski, sind Sie diesen Winter schon ausgerutscht?

Nein, bisher bin ich verschont geblieben. So wie jeder andere, bin ich im Winter aber auch schon mal ausgerutscht.

Wie macht sich das Winterwetter in der Notaufnahme bemerkbar?

Sobald der Winter einbricht und es glatt wird, merken wir das natürlich in unseren Notfallambulanzen in Freital und Dippoldiswalde. Dann häufen sich die Patienten, die nach glättebedingten Stürzen mit Verletzungen zu uns kommen. Ist der Winter dann ein paar Tage da, nimmt die Zahl der Fälle wieder ab. Die Menschen haben sich dann auf die Glätte eingestellt. Erfahrungsgemäß stürzen die Menschen am häufigsten beim Schneeschaufeln oder beim Aussteigen aus dem Auto.

Mit welchen Verletzungen kommen die Leute zu Ihnen?

Sehr oft sind es Patienten mit Brüchen im Unterarm, etwa in der Speiche, und im Handgelenk. Das liegt daran, dass man sich bei so einem Sturz meist mit den Händen oder Armen abfängt. Auch Verrenkungsbrüche in den oberen Sprunggelenken sind nicht selten. Außerdem sehen wir im Winter öfter Frakturen im Bereich der Hüftgelenke und im Oberschenkel. Bei Menschen, die beim Stürzen auf dem Gesäß landen, müssen wir häufig Verletzungen an den Wirbeln behandeln.

Ist das Risiko für Knochenbrüche bei älteren Menschen höher?

Ja. Bei jüngeren Patienten sind meist die Sprung- und Handgelenke betroffen. Bei älteren Patienten sind außerdem auch Brüche im Becken- und Hüftbereich oder in den Wirbeln häufig. Das hängt mit der Knochenqualität zusammen, die im Alter tendenziell abnimmt. Kinder brechen sich seltener etwas, weil die Knochen mehr Elastizität aufweisen.

Muss bei solchen Glatteis-Brüchen immer gleich operiert werden?

Das kommt auf den Bruch an. Grundsätzlich ist es das Ziel, durch eine Operation schnell die Funktion des Knochens wieder herzustellen. Die Ansprüche sind hier auch gestiegen: Die Patienten wollen so schnell wie möglich wieder zur Arbeit gehen und aktiv sein. Bei unverschobenen Brüchen kann es auch genügen, die betroffene Stelle ruhig zu stellen. Ob nach einer Operation oder nicht – wichtig ist, dass die Stellen nicht zu lange ruhiggestellt werden, damit die Beweglichkeit erhalten bleibt.

Sie sind seit 22 Jahren Unfallchirurg. Wie haben sich seither die Operationsmethoden bei Brüchen entwickelt?

Vor allem bei den Implantaten hat sich viel getan. Inzwischen gibt es zum Beispiel winkelstabile Plattensysteme, bei denen die Schrauben in einem frei wählbaren Winkel in den Knochen gebracht werden können. Das ermöglicht eine hohe Stabilität in der Bruchzone und erlaubt außerdem eine frühzeitige Beweglichkeit der benachbarten Gelenke.

Wie sieht es mit den Verletzungsrisiken beim Wintersport aus?

Unsere Erfahrung zeigt, dass in unserer Mittelgebirgsregion mehr Unfälle beim Skilanglauf und beim Rodeln passieren als beim Abfahrtski oder beim Snowboarden. In den alpinen Regionen, wo die Hänge steiler und länger sind, ist das sicher anders. Grundsätzlich aber ist Sport, auch im Winter, gut. Denn Bewegung trainiert das Gleichgewichtsgefühl. Das kann bei Glatteis helfen.

Man kann das Stürzen trainieren?

Das geht. In vielen Kampfsportarten, beispielsweise beim Judo, werden spezielle Falltechniken geübt. Wer diese verinnerlicht hat, kann die Abläufe auch bei einem Sturz im Alltag anwenden. Das ist natürlich nicht für jeden etwas.

Kann man sich sonst irgendwie vor Stürzen schützen?

Das Wichtigste ist, den Wetterbericht zu beherzigen und sich für seine Wege mehr Zeit einzuplanen. Auch falsche Eitelkeit hilft nicht. Glatte Schuhsohlen ohne Profil sehen für die Arbeit vielleicht besser aus, sind aber gefährlich. Auf jeden Fall sollte man langsam gehen und sich, wenn es denn geht, festhalten. Für diejenigen, die längere Wege zu Fuß gehen müssen, empfehle ich Spikes, die man an den Schuhen befestigen kann.

Das Gespräch führte Carina Brestrich.