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Mittelsachsen schlafen schlecht

Die Ursachen sind vielfältig. Oftmals scheuen Betroffene den Gang zum Arzt.

© André Braun

Von Maria Fricke

Mittelsachsen. Bis zu 300 Patienten pro Jahr landen in Leisnig im Schlaflabor. Für die fünf zur Verfügung stehenden Plätze gibt es eine Warteliste von bis zu drei Monaten. Das teilte Thomas Michel, Oberarzt im Schlaflabor der Helios-Klinik, mit. Die Nachfrage macht es deutlich: Viele Mittelsachsen haben offenbar ein Schlafproblem. Und folgen damit einer bundesweiten Entwicklung, wie sie die DAK-Gesundheitskasse mit ihrem Gesundheitsreport 2017 belegt.

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Über 30 Prozent der Sachsen sind nach einer Umfrage der Gesundheitskasse unter rund 1 000 Versicherten meistens müde und haben dreimal pro Woche oder öfter Probleme beim Ein- oder Durchschlafen. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Neben den psychischen Belastungen spielen organische Erkrankungen eine große Rolle. Nach Angaben der DAK leidet jeder zehnte befragte Sachse an einer besonders schweren Form der Ein- beziehungsweise Durchschlafstörung. Dafür muss der Patient mehr als sechs Wochen mindestens an drei Tagen in der Woche oder öfter schlecht schlafen, Störungen beim Ein- oder Durchschlafen haben und infolge dessen am Tag beeinträchtigt sein.

Im Vergleich zu 2009 ist die Zahl der diagnostizierten Insomnien, so der Fachbegriff für die schweren Schlafstörungen, von 4,8 auf 10,3 Prozent gestiegen. „Das Bewusstsein dafür, dass es sich dabei um eine Erkrankung handelt, hat zugenommen. Die Fälle werden öfter diagnostiziert“, erklärt Thomas Michel. Das zeige auch die Tatsache, dass immer mehr Fachärzte sich Polygraphie-Geräte zulegen. Mit den tragbaren Geräten können bei den Patienten über Nacht Schnarchgeräusche, Atmung und Sauerstoffsättigung mit einem Fühler gemessen werden. Mit dem Messergebnis werden die Patienten meist ins Schlaflabor geschickt. „Im Vorfeld waren sie schon beim Hausarzt, der sie an den Facharzt verwiesen hat, weil er keine Diagnose stellen konnte“, erklärt Michel. Die Patienten, die zu ihm kommen, leiden zu 80 bis 90 Prozent an schlafbezogenen Atemstörungen, deren Ursache meist organisch ist. Diese machen jedoch nur einen Teil der von Schlafstörung Betroffenen aus.

Bei vielen spielt die sogenannte Schlafhygiene eine Rolle, die, so Michel, immer weniger gepflegt werde. Gemeint sind damit feste Rituale vor dem Schlafengehen, wie sie eigentlich bei Kindern üblich sind: Essen, Zähneputzen, Geschichte vorlesen und dann schlafen. „Mit dem Schlafumfeld wird eine Erwartungshaltung für den Körper geschaffen“, beschreibt der Oberarzt die Funktion. Doch bei vielen gebe es so etwas nicht mehr. Und das beginne schon in der Kindheit. „Gemeinsame Mahlzeiten fehlen, es wird vor dem Fernseher gegessen und danach noch draußen getobt“, schildert Michel.

Über 80 Prozent der DAK-Befragten gaben an, vor dem Schlafen Filme oder Serien zu schauen. Immerhin noch über 70 Prozent genießen die Zeit mit dem Partner. Aber ebenso viele nehmen moderne Techniken wie Laptop, Mobiltelefon oder Tablet mit ins Bett. Nur knapp 50 Prozent lesen ein Buch oder hören Hörbücher. Fast 20 Prozent beschäftigen sich kurz vor dem Schlaf noch mit dienstlichen Dingen.

Doch obwohl das Problem offenbar so viele Menschen betrifft und im Bewusstsein der Gesellschaft mehr an Bedeutung gewonnen hat, scheuen sich viele Betroffene davor, mit ihrem Arzt über die Probleme zu sprechen. Von 200 befragten Arbeitnehmern in Sachsen haben sich 2016 nur sechs Prozent wegen Schlafproblemen in ärztliche Behandlung begeben. „Die Hemmschwelle, die Probleme dem Arzt mitzuteilen, ist sehr hoch“, sagt auch Oberarzt Michel. „Der Leidensdruck bei den Betroffenen durch die Schlafstörungen ist offenbar noch nicht so groß, dass sie deswegen zum Arzt gehen“, vermutet Dr. Andreas Prokop, Amtsarzt im Landratsamt.

Dabei können die Experten den Betroffenen helfen. Wird im Schlaflabor eine schlafbezogene Atemstörung nachgewiesen, dann erhalten die Patienten in der Regel eine Atemmaske für die Nase als Therapie. Zudem kann jeder selbst durch eine bessere Schlafhygiene etwas gegen die Probleme tun, die keine organischen Ursachen haben. Dazu gehören unter anderem regelmäßige Schlafenszeiten, richtige Bedingungen im Schlafzimmer wie eine passende Temperatur oder das Pflegen von individuellen Schlafritualen.

Auf den Krankenstand der Mittelsachsen hat die Schlaflosigkeit kaum einen Einfluss. Zwar haben sachsenweit die Fehltage aufgrund von Schlafstörungen zugenommen. Doch mit rund zwei Fehltagen je 100 Versicherten sind sie sehr gering. Bedeutender beim Blick auf die Statistik des Krankenstandes sind die Arbeitsausfälle aufgrund von Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems, Verletzungen, Erkrankungen des Atemsystems sowie psychische Erkrankungen. Gerade im Bereich der Verletzungen, zu denen auch die Vergiftungen gehören, hat es einen erheblichen Anstieg an Fehltagen im Vergleich zum vergangenen Jahr gegeben. So lagen die Fehltage je 100 Versicherten 2015 bei rund 180, 2016 bei fast 290. Zurückgegangen sind die Krankschreibungen aufgrund von Erkrankungen des Atemsystems sowie des Bewegungsapparates, wie Rückenbeschwerden.

Allgemein ist der Krankenstand in Mittelsachsen im Vergleich zum Vorjahr leicht gesunken und lag 2016 bei 4,8 Prozent. Datengrundlage für diese Zahl sind die Erwerbsunfähigkeitsmeldungen von rund 49 000 DAK-Versicherten im Landkreis. Der Krankenstand in Mittelsachsen ist etwas höher als in Sachsen insgesamt (4,5 Prozent). Die meisten sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten fallen eher kurzfristig für ein bis sieben Tage aus. Den größten Anteil an Arbeitsunfähigkeitstagen bringen Langzeiterkrankungen mit sich. Meist handelt es sich dabei um psychische Störungen sowie Erkrankungen des Bewegungsapparates.