merken

Vier Hektar werden täglich zugebaut

Der Verbrauch an unbebauter Fläche im Freistaat ist immer noch doppelt so hoch wie von der Landesregierung geplant.

© Jan Woitas/dpa

Von Alexander Buchmann

Das Ziel ist klar: Bis zum Jahr 2020 soll in Sachsen der Flächenverbrauch pro Tag auf unter zwei Hektar gesenkt werden. Das beschloss die Landesregierung bereits 2009.

Anzeige
Ausschreibung der Gemeinde Lohsa
Ausschreibung der Gemeinde Lohsa

Wir suchen zur Betreibung der Kindertagesstätten in Lohsa einen Träger.

Rund neun Jahre später ist man davon noch weit entfernt. Im vergangenen Jahr wurden täglich 4,3 Hektar für Siedlungs- und Verkehrsbau neu in Anspruch genommen. Das entspricht der Fläche von sechs Fußballfeldern. Das ergab eine SZ-Nachfrage beim Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung in Dresden. Dessen Leiter für den Forschungsbereich Monitoring der Siedlungs- und Freiraumentwicklung, Gotthard Meinel, hat herausgearbeitet, dass der Flächenverbrauch in anderen ostdeutschen Ländern deutlich niedriger ausfällt: In Thüringen war es weniger als ein Hektar, in Brandenburg waren es knapp anderthalb und in Sachsen-Anhalt rund zweieinhalb Hektar.

Mit den jüngsten Zahlen liegt Sachsen in etwa auf dem Niveau von 2015, wo ebenfalls sechs Fußballfelder pro Tag zugebaut wurden. Zwischen 2010 und 2014 waren es sogar acht Fußballfelder pro Tag, auf denen neue Straßen, Wohnungen oder Gewerbegebiete entstanden. In den 1990er-Jahren lag der tägliche Verbrauch bei mehr als elf Fußballfeldern. Den negativen Spitzenplatz in Deutschland nimmt derzeit Bayern ein. Dort wurden im vorigen Jahr pro Tag 15,6 Hektar bebaut .

Flächen für Gewerbe und Autobahn

Von der gesamten Fläche Sachsens entfallen mittlerweile 14,4 Prozent auf den Siedlungs-, Verkehrs und Bergbau. Ein weiterer Anstieg dieser sogenannten SuV-Flächen ist absehbar: So soll zwischen der Autobahn 17 und dem Elbtal bei Pirna der Industriepark Oberelbe entstehen, auf einer Fläche, die der Größe von 196 Fußballfeldern entspricht. Die Planungen dafür laufen bereits. Auch für den von der Landesregierung angestrebten Ausbau der Autobahn 4 mit zusätzlichen Fahrspuren zwischen Nossen und Burkau werden noch viele bislang unbebaute Flächen benötigt werden.

Nach Angaben des sächsischen Umweltministeriums werden die größten Flächen für Gewerbegebiete entlang der Autobahnen gebraucht. Der Neubau von Straßen hingegen falle deutlich weniger ins Gewicht. Eine Ausnahme sind derzeit jedoch die Arbeiten an der Verlängerung der Autobahn 72 von Chemnitz nach Leipzig. Die Bebauung freier Flächen mit neuen Wohnhäusern und Eigenheimen spiele kaum eine Rolle. „Der Schwerpunkt des Wohnungsbaus liegt gegenwärtig in der Nutzung von innerstädtischen Flächen“, heißt es aus dem Ministerium. Die Experten nenen das „Innenverdichtung“. Diese Areale seien von vornherein als SuV-Flächen ausgewiesen worden, sodass keine Änderung der Nutzungsart stattfinde.

Das Umweltministerium weist zudem darauf hin, dass neu in Anspruch genommene Flächen nicht zwangsläufig versiegelt werden. Straßen wiesen zwar einen sehr hohen Versieglungsgrad auf, der aber dennoch unter hundert Prozent liege. Denn auch nicht asphaltierte Randflächen gehörten zur Straße. Außerdem zählten auch Erholungsgebiete zu diesen SuV-Flächen, die wiederum einen sehr geringen Versieglungsgrad hätten. Im Schnitt seien somit lediglich zwischen 40 und 50 Prozent der SuV-Flächen versiegelt.

Gravierende Folgen für die Umwelt

Dass mit dem Landverlust diverse Probleme verbunden sind, dessen ist sich auch die Landesregierung bewusst. Nachzuvollziehen ist das in den Statistiken des Berichts „Flächenerhebung nach Art der tatsächlichen Nutzung im Freistaat Sachsen“: die Bodenqualität lasse nach; Lebensräume für Flora und Fauna gingen verloren; die Zerstückelung von Lebensräumen führe zu einem Rückgang der Arten- und Biotopvielfalt; die Grundwasserverkommen seien weniger geschützt und ihre Neubildung werde erschwert, weil weniger Niederschlag versickern könne. Immer mehr Regen müsse über die Kanalisation und Oberflächengewässer abgeführt werden. Auch das Klima in Ballungszentren werde negativ beeinflusst, heißt es in dem vom Statistischen Landesamt verfassten Bericht.

Um den Flächenverbrauch dauerhaft zu senken, will die Landesregierung verstärkt die bislang brachliegenden Flächen revitalisieren. Zudem arbeitet der Freistaat mit der Deutschen Bahn zusammen, um nicht mehr benötigte Bahnflächen anderweitig nutzbar zu machen. Die Federführung solcher Maßnahmen hat im Januar 2017 der Staatsbetrieb Zentrales Flächenmanagement Sachsen übernommen.

Dem sächsischen Ableger des Bundes für Umwelt- und Naturschutz in Deutschland gehen die Ziele der Landesregierung nicht weit genug. BUND-Sachsen-Chef Felix Ekardt fordert eine Neuversiegelungsrate von null. Das entspräche den UN-Nachhaltigkeitszielen von 2015. „Wir brauchen ein Gleichgewicht von Neuversiegelungen und Entsiegelungen.“