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Vier neue Wolfsrudel in der Lausitz

Die Raubtiere jagen nun auch bei Biehain und Cunewalde, doch mehr Schafe reißen sie bisher nicht.

© Lupus

Von Irmela Hennig

Die Wölfe heulen in der Wolfsscheune auf dem Rietschener Erlichthof. Das eindrucksvolle Geräusch kommt hier nur vom Band. Doch es wird wahrscheinlicher, im Landkreis Görlitz einem Wolf zu begegnen. Tatsächlich ist es in einigen Ecken schon so normal geworden, dass die Menschen Sichtungen gar nicht mehr melden, bedauert Ilka Reinhardt vom Lupus Institut für Wolfsmonitoring und Wolfsforschung. Die Wissenschaftler aber sind unbedingt angewiesen auf jeden Tipp aus der Bevölkerung – gerade in der Oberlausitz, wo inzwischen wohl 16 Rudel und Paare leben. Hinzu kommen Rudel wie das Spremberger, die in Nachbarbundesländern oder gar in Polen und Tschechien leben, zum Teil aber in Sachsen jagen. All das mache es nicht leicht, herauszufinden, wie viele Familien, Paare und Einzeltiere es tatsächlich gibt. Außerdem verschieben sich die Wolfsreviere immer wieder. Deswegen appelliert Ilka Reinhardt an die Oberlausitzer, Sichtungen an die Experten weiterzugeben.

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Das Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz hat am Mittwoch über den Stand der Dinge in Sachen Wölfe insgesamt informiert. Demnach gibt es in der Oberlausitz gesichert vier neue Wolfsrudel. Sie haben ihr Revier in den Königshainer Bergen, um Biehain im Osten des Landkreises Görlitz, bei Cunewalde und bei Knappenrode.

Nachwuchs in acht Rudeln

Hinzu kommen zwei Paare – bei Bernsdorf und bei Neustadt im Landkreis Bautzen, wobei das Neustädter vielleicht schon Nachwuchs hat und damit ein Rudel ist. Außerdem leben in Sachsen zwei weitere neue Rudel – in der Gohrischheide bei Zeithain sowie bei Raschütz im Landkreis Meißen, recht nahe der Oberlausitz. Unklar ist, ob es auch im Zittauer Gebirge schon eine Wolfsfamilie gibt. Die Experten konnten zwar immer wieder einzelne Hinweise und Spuren finden, aber nicht in kurzen Zeiträumen. Ein bestimmtes Tier muss im Abstand von sechs Monaten mindestens zweimal in einem Territorium nachgewiesen werden, sodass man zumindest vermuten kann, dass es sesshaft ist. Allerdings sei es ziemlich sicher, dass es bei Rumburk in Tschechien Wölfe gibt. „Die kommen möglicherweise auch zu uns“, schätzt Ilka Reinhardt.

In ganz Sachsen leben inzwischen 18 Rudel und Paare sowie ein Einzeltier in der Hohwaldregion. Im Beobachtungszeitraum 2014/2015 zählte man lediglich zehn Rudel und ein Einzeltier. In acht Rudeln konnte für dieses Jahr Nachwuchs festgestellt werden. Welpen kamen bei den Wolfsfamilien in Daubitz, Nochten, Biehain, Milkel, Knappenrode und Raschütz zur Welt. Bei den Tieren in Dauban und Neustadt konnte das Muttertier, die Fähe, mit Gesäuge entdeckt werden. Bei den anderen Rudeln, unter anderem in den Königshainer Bergen, bei Niesky und Cunewalder Rudel, gibt es noch keine Hinweise auf Junge.

Genügend Nahrung vorhanden

Ilka Reinhardt geht davon aus, dass die Zahl der Rudel in Sachsen zunehmen wird. Wann und wo sie sich niederlassen, könne man nicht vorhersagen. Es sei aber schon überraschend, dass sich die Tiere in der Oberlausitz auf relativ engem Raum immer noch neue Gebiete suchen. So ist es im Fall des Biehainer Rudels direkt an der polnischen Grenze. Das nutzte eine Lücke, die frei geworden war. Zuvor war das Nieskyer Rudel dort ansässig. Das ist aber weiter gen Westen gerückt, nachdem dort das Kollmer Rudel verschwunden war.

Die Nähe – „das geht wohl nur, weil die Wölfe hier oft miteinander verwandt sind“, sagt Ilka Reinhardt vom Lupus Institut. In der Oberlausitz gründen mitunter Töchter unweit ihrer Eltern eine eigene Familie. Das werde teilweise geduldet. „Es zeigt auch, dass genügend Nahrung für alle vorhanden ist, sonst würden das die Eltern nicht zulassen“, so Ilka Reinhardt. Das sei ein Indiz dafür, dass der Bestand an Reh- und Rotwild nicht zurückgeht.

Wild steht an erster Stelle auf dem Speiseplan

Dies aber wird von einigen Jägern angedeutet. Helene Möslinger vom Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz weist aber darauf hin, dass die Zahl der von Jägern erlegten Rehe – dem Lieblingsmahl der Wölfe – nicht rückläufig sei. Das zeigen die Zahlen der Unteren Jagdbehörde im Landkreis Görlitz. Außerdem ergeben Kotuntersuchungen auch immer wieder – Wild steht auf dem Speiseplan der Wölfe in der Oberlausitz an erster Stelle und muss nicht ersetzt werden, weil die Rehe fehlen. Nutztiere wie Schafe und Ziegen spielen nur eine untergeordnete Rolle.

2016 wurden dem Kontaktbüro bislang 42 Fälle gemeldet, in denen Wölfe Nutztiere gerissen haben sollen. In 23 Fällen konnten Sachverständige das bestätigen oder nicht ausschließen. Dabei wurden 135 Tiere getötet, zehn werden vermisst, vier wurden verletzt. Einen Schwerpunkt wie 2015 gab es bislang nicht – letztes Jahr hatten Wölfe auf einen Schlag in der Königsbrücker Heide 64 Tiere gerissen. Allerdings sei der Herbst die Jahreszeit, in der verstärkt Übergriffe auf Nutztiere vorkommen. „Die Welpen sind dann größer, und die Rudel brauchen mehr Nahrung“, erklärt Vanessa Ludwig vom Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz. Die meisten Wolfsangriffe auf Vieh gab es dieses Jahr im Landkreis Bautzen mit 13 Fällen; im Landkreis Görlitz waren es sieben. Dass mehr Wölfe mehr Nutztierrisse bedeuten, bestätigen die Experten nicht. Es sei eher so, dass es mehr Angriffe auf Schafe, Ziegen und Co. gibt, wenn sich irgendwo ein Rudel neu ansiedelt. „Dann sind die Herden oft noch nicht ausreichend geschützt“, so Vanessa Ludwig. Deswegen schwanke die Zahl der Risse von Jahr zu Jahr, nehme aber nicht kontinuierlich zu. Den Schutz der Nutztiere lässt sich der Freistaat einiges kosten. 2015 gab es dafür über 311 000 Euro. Das war ein deutlicher Sprung im Vergleich zum Vorjahr, hatte aber damit zu tun, dass ganz Sachsen als Wolfsland eingestuft wurde – überall können Halter nun Geld beantragen.

Wölfe jagen nicht nur selbst, sie kommen auch zu Tode. Bislang wurden dieses Jahr vier Wölfe tot aufgefunden. Einer wurde überfahren, einer starb auf natürliche Weise. Bei zwei Tieren ist die Ursache unklar. Der mutmaßliche Abschuss eines Tieres Anfang 2016 bestätigte sich nicht.

www.wolfsregion-lausitz.de