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Vier Verletzte auf dem Auerweg

Dass es eine Übung ist, wissen die Weinböhlaer und Moritzburger Feuerwehrleute erst vor Ort. Für sie trotzdem ein Ernstfall.

© Norbert Millauer

Von Ines Scholze-Luft

Weinböhla/ Moritzburg. Verärgert wendet der junge Mann seinen Pkw auf dem kleinen Parkplatz am Auerweg. Ausgerechnet zur dicksten Verkehrszeit am Nachmittag ist die Straße, eine beliebte Abkürzung zwischen Moritzburger und Köhlerstraße, gesperrt. Die Sperrscheibe hat er gar nicht gleich gesehen, sagt der Autofahrer. Aber dann weiter hinten auf der Straße Blaulicht erspäht. Da ist wohl einer in die Büsche gekracht, so sein Verdacht, bevor er schnell weiter will.

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Die Moritzburger Feuerwehrleute retteten den Lkw-Fahrer.
Die Moritzburger Feuerwehrleute retteten den Lkw-Fahrer. © Norbert Millauer

Eine beinahe richtige Vermutung. Schwer verdaulich, was sich am Straßenrand zeigt: Ein umgestürzter, demolierter roter Ford Escort und ein stark beschädigter blauer Lkw. Noch schlimmer: In den Fahrzeugen befindet sich je ein Verletzter, unter dem Pkw ist jemand eingeklemmt. Daneben ein Jugendlicher, der klagt, es habe seinen Kumpel erwischt. Sie seien zu Fuß unterwegs gewesen, plötzlich wäre ein Auto auf sie zugekommen, habe sich überschlagen, den Freund unter sich begraben. Er konnte gerade noch zur Seite springen. Zuvor sei ein Lkw auf den Pkw geknallt.

17.08 Uhr: Weinböhlas Feuerwehrchef Eckhard Häßler telefoniert mit der Leitstelle. Für die jährliche Übung der Wehr ist alles klar, die Schrottfahrzeuge sind ordentlich präpariert, die Statisten an ihrem Platz, ebenso Rettungsdienst und Polizei.

17.10 Uhr: Die Piepser springen an, Alarm. Achtungszeichen auch für die Beobachter. Darunter Kai Walther, erster Stellvertreter des Weinböhlaer Wehrchefs, für Einsatz und Ausbildung zuständig – er hat die Übung geplant – und Heiko Irmer, zweiter Stellvertreter und Technikchef.

Die „goldene Stunde“ beginnt. Mehr Zeit sollte Kai Walther zufolge nicht vergehen von der Alarmierung bis zum Einliefern des Patienten ins Krankenhaus.

17.18 Uhr: Die erste Weinböhlaer Feuerwehr trifft ein, in der vorgegebenen Hilfsfrist von zehn Minuten. Sofort geht der Gruppenführer zu den verunglückten Fahrzeugen, prüft die Lage, spricht die Verletzten an. Jetzt sind auch die ebenfalls alarmierten Moritzburger da. Die Weinböhlaer übernehmen den Pkw, die Moritzburger den Lkw. Klappt gut, kommentiert Kai Walther die Abstimmung zwischen den Wehren.

Doch wie viele Verletzte gibt es eigentlich? Bisher sind drei gefunden. Gut betreut wird auch der junge Mann, der zwar unverletzt, aber mächtig geschockt ist wegen seines eingequetschten Kumpels, dem gerade mit vereinten Kräften geholfen wird. Oft ist die Wehr zuerst am Unfallort, muss Erste Hilfe leisten, hat sogar einen Defibrillator dabei.

17.20 Uhr: Der erste Patient wird dem Rettungsdienst übergeben. Der unterm Pkw Eingeklemmte. Mit großer Mühe haben die Weinböhlaer den Ford hochgewuchtet, den Dummy hervorgeholt. Allerdings: Nicht ganz sachgerecht gerettet, wird Wehrleiter Häßler später einschätzen. Stoff zum Lernen.

17.28 Uhr: Übergabe des zweiten Patienten, des Pkw-Fahrers. Er hatte sich aus dem Auto befreit, war in den Wald gelaufen und umgekippt. Die Suche nach ihm startet, als klar ist, dass der noch im Pkw Befindliche nicht am Lenkrad saß. Der muss jetzt rausgeholt werden. Ein Feuerwehrmann hat sich zu ihm reingeschlängelt, ihn beruhigt, ihm einen Helm aufgesetzt. Zur Sicherheit. Eine hydraulische Akku-Schere macht den Weg frei. Autotüren und B-Säule verschwinden. Blech knackt und knirscht. Weitere Rettungswagen werden angefordert.

17.58 Uhr: Auch der aus dem Pkw Befreite ist beim Rettungsdienst. Inzwischen arbeiten die Moritzburger angestrengt, um den Lkw-Fahrer zu retten. Doch Vorsicht, da ist ein Gefahrgut-Warnschild. Zwei Leute mit Schutzmaske nähern sich, prüfen die Ladung. Entwarnung. Die gefährliche Last wurde schon abgeladen. Nun muss es ganz schnell gehen.

Ein Gerüst als Arbeitsplattform entsteht. Gegen die verklemmte Fahrertür hilft die große Schere. Mit vollem Einsatz sind auch die Rettungssanitäter am Werk. Als das Reanimationsgerät ausfällt, ist Herzdruckmassage angesagt. Zuvor wird der Verletzte ausgetauscht, der Statist überlässt seinen Platz der Testpuppe. Für Reanimation ohne Unterbrechung.

18.05 Uhr: Der Verletzte aus dem Lkw ist im Rettungswagen. Sein menschlicher Vertreter hat nach der Übung allerdings Kritik parat. Für ihn als Verunfallten habe es eine Ewigkeit gedauert, bis sich jemand richtig um ihn gekümmert habe. Lob seinerseits gibt es, weil alle aufpassten, dass bei der Befreiungsaktion niemand geschnitten wird.

Auch die Wehrleitung hat für die 27 aktiven Feuerwehrleute und alle Helfer viel Anerkennung parat. Vor allem, weil die Einsatzübung ruhig und zügig absolviert wurde. Weniger gut: Dass die Gefahrguterkennung dauerte.

Was nicht erwähnt wird, aber durchaus zur Gefahr für die Retter werden kann: Dass Sperrscheiben für viele Autofahrer offensichtlich nicht existieren. Sie fuhren trotzdem in den Auerweg rein. Und sorgten ununterbrochen für Wendemanöver.