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Viertklässler stehen auf der Straße

Wegen Personalnot können 16 Grundschüler in Brockwitz nach der Schule nicht mehr in den Hort. Die Eltern sind ratlos.

© Norbert Millauer

Von Peggy Zill

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Coswig. Der viel beschriebene Erziehermangel hat nun ganz konkrete Auswirkungen auf Kinder und Eltern: Weil es im Hort nicht genügend Personal gibt, sitzen einige Grundschüler von Brockwitz ab 1. November nachmittags auf der Straße. Der Betreiber, die AWO Kinder- und Jugendhilfe gemeinnützige GmbH, hat 16 Betreuungsverträge kündigen beziehungsweise bis Ende Januar stilllegen müssen.

Betroffen sind die Viertklässler. Darunter auch die Tochter von Anett Heichel. Die Neunjährige muss ab November mittags in den Bus nach Coswig steigen und ist dann bis zum späten Nachmittag allein zuhause. Selbstständig genug sei sie dafür, sagt Anett Heichel. „Wir bekommen das schon irgendwie hin. Aber sie ist dann eben allein, nicht mit ihren Freunden zusammen.“ Und ob sie vorher noch Mittagessen kann, ist laut Heichel auch nicht geklärt, weil das mit zur Hortbetreuung gehörte.

Auch an den Ganztagsangeboten, die ab 13 Uhr beginnen, kann die Grundschülerin nicht mehr teilnehmen. Anett Heichel weiß, dass es ab der 5. Klasse sowieso keinen Hort mehr gibt, aber noch sei ihre Tochter eben Grundschülerin. „Und viele Eltern haben auch den Frühhort in Anspruch genommen“, erklärt Heichel, die mit im Elternrat sitzt und sich über die Kurzfristigkeit der Information ärgert. „Ich weiß, dass man keine Erzieher backen kann, aber dass es Kündigungen gibt, war doch schon länger bekannt.“

Laut AWO haben im September zwei Mitarbeiterinnen gekündigt, die noch in der Probezeit waren. Die fehlen nun seit Anfang Oktober, erklärt AWO-Sprecherin Ulrike Novy. Die Ausschreibungen der Stellen sowie entsprechende Anfragen bei den Zeitarbeitsfirmen blieben erfolglos – die Stellen konnten nicht neu besetzt werden.

Mit der permanenten Unterbesetzung der Einrichtungen werde das Wohl der Kinder gefährdet. Das ließe sich nicht mit den Werten der AWO vereinbaren. Die Hort-Betreiber sprachen mit Eltern über die Verkürzung der Öffnungszeiten des Hortes und alternative Lösungen sowie mit dem Landesjugendamt. „Leider brachte das nicht den gewünschten Erfolg, sodass keine andere Möglichkeit bleibt, als einige Betreuungsverträge zu kündigen“, erklärt Ulrike Novy. Das sei für die betroffenen Eltern nicht überraschend gekommen, da sie seit Auftreten des Betreuungsproblems ständig eingebunden waren, es persönliche Gespräche gab.

Die AWO hat im Vorfeld den Betreuungsbedarf abgefragt. In Absprache mit der Einrichtungsleitung und der Stadt Coswig wurde festgelegt, dass Kinder von Alleinerziehenden und die, die noch nicht so selbstständig sind beziehungsweise einen weiten Heimweg haben, bevorzugt behandelt werden. Ursprünglich hätte es sogar noch mehr Eltern und Kinder betroffen. Kurzfristig konnte jedoch eine 32-Stunden-Stelle besetzt werden.

„Es ist leider noch unklar, wie es weitergehen wird“, so die AWO-Sprecherin. Die AWO habe alles dafür getan, die Betreuung für die Viertklässler sicher zu stellen und werde auch weiterhin alles dafür tun. „Wenn es aber keine Fachkräfte gibt, steht das Kindeswohl und die damit verbundene Einhaltung des gesetzlichen Personalschlüssels an erster Stelle.“ Von Ehrenamtlichen kann die Betreuung nicht übernommen werden. „Das Fachkräfteproblem ist nicht erst seit heute bekannt. Das ist ein stetiger Kampf und der wird sich noch verschärfen“, befürchtet Ulrike Novy.

Auch in der Stadtverwaltung ist man mit der Situation unzufrieden. „Jedoch ist eine andere Lösung als die Einschränkung der Betreuung von Hortkindern derzeit nicht vorhanden“, sagt Bürgermeister Thomas Schubert. Die umfangreichen Veränderungen in den Kitas in den letzten Jahren – Rechtsanspruch Krippe, besserer Personalschlüssel, anspruchsvollere inhaltliche Aufgaben – führen zu einer Verknappung des Personalangebotes. Auch andere Träger würden die Knappheit der Fachkräfte bei Stellenbesetzungen merken.

Die AWO sucht weiter. Auf Wunsch wird der Betreuungsvertrag nicht gekündigt, sondern bis 31. Januar stillgelegt. Ab diesem Zeitpunkt sei eine Neueinstellung von pädagogischem Fachpersonal realistisch. „Wir hoffen, dass diese Situation, welche für Kinder, Eltern und auch das Personal – auch emotional – sehr belastend ist, mit der hoffentlich baldigen erfolgreichen Stellenbesetzung nur vorübergehend ist“, teilt Ulrike Novy abschließend mit. Heute Abend sind die Eltern der Viertklässler zum Elternabend eingeladen.