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Völlig frei erfunden

Eine Frau hat eine Vergewaltigung durch Ausländer vorgetäuscht. Ihr Motiv ist unklar. Aber in Dresden geht die Angst um.

© Montage: SZ

Von Alexander Schneider

Fünf Wochen lang hat die Dresdner Kriminalpolizei einen brutalen Vergewaltiger und dessen Komplizen gesucht. Doch jetzt entpuppt sich die Sache als Erfindung des mutmaßlichen Opfers. „Die Tat hat nicht stattgefunden“, sagte Polizeisprecher Thomas Geithner am Freitag. Die Frau habe gegenüber Ermittlern vom Kommissariat für Sexualdelikte zugegeben, sich die Sache ausgedacht zu haben.

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Die 29-Jährige hatte angezeigt, am 21. Oktober gegen 13 Uhr vor einem Wohnhaus in der Münchner Straße von zwei ausländischen Männern überfallen worden zu sein. Angeblich zerrten sie die Frau in ein Haus, wo sich einer der Täter im Keller an ihr verging, während der zweite sie festgehalten habe. Die Täter hätten eine ihr unbekannte Sprache gesprochen.

Die Nachricht von der vermeintlichen Tat hatte in Dresden großes Entsetzen ausgelöst. Nur einen Monat zuvor war bereits eine 31-jährige Frau von einem Asylbewerber überfallen und vergewaltigt worden. Auch tagsüber, ganz in der Nähe im Bereich der Nossener Brücke. Der inzwischen Beschuldigte, ein 31-jähriger Marokkaner, war noch am Tag der Tat festgenommen worden. Und nun schon wieder ein Angriff eines Vergewaltigers auf eine Frau?

Schon seit Wochen geht die Angst vor Sexualstraftätern in Dresden um – wegen der angeblich stark angestiegenen Zahl von Flüchtlingen. Vor allem in sozialen Netzwerken wie Facebook und auf den Seiten von „Asylkritikern“ wurden solche Taten vielfach verbreitet. Immer wieder machen Gerüchte die Runde, Frauen oder Jugendliche seien missbraucht worden – meist von mehreren Flüchtlingen.

Auf Nachfrage bei der Polizei entpuppten sich die Fälle jedoch als bösartige Behauptungen im „Stille-Post-Prinzip“ ohne Grundlage. Eine 17-Jährige habe sich nach einer Tat in einer psychiatrischen Klinik das Leben genommen, in Löbtau sollen Asylbewerber einer Frau sogar die Brüste abgeschnitten haben – schwer vorstellbar, dass solche Taten unter der Decke bleiben. Erst kürzlich soll eine Verkäuferin abends in der Tiefgarage des Elbeparks von mehreren Flüchtlingen vergewaltigt worden sein. Wieder eine Falschmeldung.

Auch Polizeisprecher Geithner kann davon ein Lied singen. Seit September klingelt sein Telefon mehrmals die Woche und er muss sich Vorwürfe entrüsteter Bürger gefallen lassen. „In allen Gerüchten heißt es immer, die Zeugen dürften nichts sagen, und wir, die Polizei, würden die Taten vertuschen“, sagt Geithner. Sein Problem: „Wir können nicht beweisen, was es nicht gegeben hat.“ Dabei habe die Polizei nur in Ausnahmefällen nicht über in der Öffentlichkeit begangene Vergewaltigungen oder Versuche informiert, etwa als ein psychisch gestörter Mann nachts in der Prager Straße zwei Frauen angegriffen habe und noch dort gefasst wurde.

Ein bundesweites Phänomen

Seit Januar ermittelt die Dresdner Polizei in sieben Fällen zu solchen Angriffen – versuchte und vollendete Vergewaltigungen in der Öffentlichkeit, bei denen sich Täter und Opfer nicht kannten. Im Januar und im September haben Asylbewerber eine Frau vergewaltigt. Auch Ende Oktober soll es in einem Hausflur in der Alaunstraße zum Versuch durch einen Ausländer gekommen sein. Der Unbekannte flüchtete, nachdem es der 25-jährigen Frau gelungen war, Mieter zu alarmieren. Bei den übrigen vier Taten wurden laut Geithner deutsche Verdächtige ermittelt.

Erst am Mittwoch war der Polizeisprecher im ARD-Magazin Zapp zu sehen. Gerüchte über angebliche Massenvergewaltigungen von Flüchtlingen sind längst ein bundesweites Phänomen. Laut Zapp steckten dahinter auch rechtsextreme und rassistische Hetzer, die gezielt Stimmungsmache gegen Ausländer betrieben, um die Angst der Bevölkerung zu instrumentalisieren. Wen wundert es, dass auch in Dresdner Läden Reizgas und andere Abwehrwaffen zwischenzeitlich vergriffen waren?

Dabei ist die Zahl aller in Dresden bekannt gewordenen Sexualdelikte – Beleidigung, Nötigung bis zur vollendeten Vergewaltigung – in den letzten Jahren konstant geblieben. 2013 registrierte die Polizei 306 „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“, 2014 waren es 296. Der Anteil der Asylbewerber stieg dabei von einem auf sechs Verdächtige.

Die Tat vom 21. Oktober haben die Ermittler lange ernst genommen. Die 29-Jährige wurde intensiv befragt und beschrieb den Haupttäter sogar für ein Phantombild. Erst als sie sich jetzt in Widersprüche verwickelte, weil die Ermittlungsergebnisse der Polizei nicht zu ihren Aussagen passten, habe sie den Schwindel zugegeben.

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Das bestätigte Oberstaatsanwalt Lorenz Haase nun gegenüber der SZ. Gegen die Frau werde nun wegen Vortäuschens einer Straftat ermittelt. Zum möglichen Motiv der Frau hält sich Haase bedeckt. „Wir schließen jedoch einen fremdenfeindlichen Hintergrund aus“, sagte er.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Frau aufgrund ihrer eigenen persönlichen Situation sich das alles nur ausgedacht hat. Sie selbst könnte psychisch erkrankt sein.