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Volksverhetzer und Dealer im Visier

An der Hochschule verfolgen Studenten Spuren im Internet. Über deren Arbeit ist selbst der Innenminister erstaunt.

© Falk Bernhardt

Von Tina Solysiak

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Mittweida. Michelle Steubner hat eine Software entwickelt, mit der sie Daten der Wegfahrsperre von Autos auslesen kann. Wie diese funktioniert, hat die 21-jährige Studentin der allgemeinen und digitalen Forensik dem Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) am Mittwochabend bei seinem Besuch im Forensik-Labor der Fachhochschule (FH) Mittweida erklärt. Auf zwei Computern und einem Oszilloskop – einem Gerät, zum Abbilden von Spannungsverläufen – werden verschiedene Daten angezeigt, die der Laie nur schwerlich interpretieren kann. „Wir können prüfen, ob die Module sicher sind. Momentan sind wir in der Phase, dass wir die Daten auslesen können. In einem weiteren Schritt schauen wir, inwieweit die Steuergeräte manipulierbar sind“, so Michelle Steubner. Das kann der Polizei bei ihrer Ermittlungsarbeit helfen.

Dies ist nur ein Forschungsfeld der Mittweidaer Forensiker. Sie sind eine Kooperation mit dem Innenministerium sowie den Landeskriminalämtern Sachsen, Thüringen und Niedersachsen eingegangen. Hessen wird wohl nächsten Monat hinzukommen. „Wir arbeiten an echten Fällen“, sagt Prof. Dr. Dirk Labudde vom Fachbereich IT-Sicherheit und digitale Forensik. Er und seine Kollegen bilden auch Polizisten im Bereich der Bekämpfung sogenannter Cyberkriminalität aus. Darunter sind Straftaten zu verstehen, die sich im Internet abspielen. Jüngstes Beispiel: Der weltweite Hackerangriff, der unter anderem zum Produktionsstillstand im Waldheimer Florena-Werk geführt hatte. 24 Polizisten beginnen im Oktober das entsprechendeStudium beziehungsweise die Weiterbildung.

Der Professor demonstrierte auf beeindruckende Weise, welches wissenschaftliche Know-how in der mittelsächsischen Hochschulstadt von Studenten und Dozenten in den vergangenen Jahren entwickelt wurde. Anhand von Videomaterial aus Überwachungskameras können sie sogar Gangbildanalysen erstellen, sprich wie ein Tatverdächtiger seine Füße aufsetzt und dergleichen. Das helfe vor allem bei der Überführung von Personen, die sich vermummt haben, beziehungsweise die ihr Gesicht verdecken. „Wir können auch Bewegungsprofile ableiten und Audioanalysen erstellen“, so Labudde.

Sona und Mona sind ein weiteres Steckenpferd der Forensiker. Das steht für Social beziehungsweise Mobile Network Analyser. Mit Hilfe dieser beiden Softwarelösungen können soziale Netzwerke, wie beispielsweise Facebook, und Kurz- und Chatnachrichten, wie SMS und Whatsapp, gezielt nach bestimmten Wörtern durchsucht werden. Ein Ziel ist, Volksverhetzer und Meinungsführer ausfindig zu machen, die sich im Umfeld der Pegida-Bewegung tummeln. „Was die Methodik betrifft, sind wir besser als Facebook“, ist Labudde überzeugt. Das interessiert Thomas de Maizière besonders, denn das US-Unternehmen behaupte dem Ministerium gegenüber, dass die Filtermöglichkeiten begrenzt wären, sagte er. „Wir arbeiten mit Sprachwissenschaftlern zusammen, denn Maschinen können nicht unterscheiden, was Satire und was Ernst gemeint ist“, so Labudde. Allerdings könne dank der mathematisch-statistischen Methode, die Sona und Mona zugrunde liegt, die Datenflut gezielt eingegrenzt werden.

Nicht nur Volksverhetzern, auch Drogenhändlern sind die Forensiker auf der Spur. „Wir haben ein beschlagnahmtes Handy bekommen und Tausende Chatnachrichten innerhalb kurzer Zeit ausgelesen und auf bestimmte Schlüsselwörter hin ausgewertet. Das ist eine Arbeit, für die die Beamten sonst mehrere Wochen brauchen“, sagte Dirk Labudde. Sein Team hat ein großes Ziel: Eine Art eigenes, bundesweit geführtes Wörterbuch, in dem sich Synonyme und „versteckte Semantik“ für den Drogenhandel wiederfinden.