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Voller Einsatz für die Festtagswäsche

In Hartha gibt es nur noch eine Wäschemangel. Die Technik hat es in sich. Redakteurin Sylvia Jentzsch hat sie gestestet.

© André Braun

Hartha. Dass die Tischwäsche fürs Fest glatt und glänzend sein muss, steht fest. Bisher habe ich das mit dem Bügeleisen ganz gut hinbekommen. Doch als ich erfuhr, dass die Wohnungsgenossenschaft in Hartha noch eine Wäschemangel betreibt, wollte ich diese ausprobieren.

Ein Blick in die laufende Mangel zeigt, dass ich mich auf eine glatte Weihnachtstischdecke freuen kann.
Ein Blick in die laufende Mangel zeigt, dass ich mich auf eine glatte Weihnachtstischdecke freuen kann. © André Braun
Geschafft. Die Dogge wird aufgerollt und die Tischdecke herausgenommen.
Geschafft. Die Dogge wird aufgerollt und die Tischdecke herausgenommen. © André Braun

Zuerst vereinbarte ich mit Günter Guhlmann einen Termin. Seine Frau Christine ist für die Ordnung, Sauberkeit und für das Aufschließen des Raumes zuständig. Günter Guhlmann übernimmt als ehemaliger Lehrmeister für Zerspanungstechnik bei Elmo kleinere Reparaturen. Reißt mal ein Stahlseil, muss die Schlosserei Behrenz ran. Die ist für die Wartung der Maschine zuständig. Die Mangel ist in einer Garage im Komplex an der Straße des Friedens untergebracht und von Montag bis Freitag von 8 bis 18 Uhr geöffnet. Wer sich eine Zeit sichern will, schreibt sich in den Kalender ein. Manche versuchen es auch auf gut Glück. Vor allem in den warmen Monaten sind die Termine gefragt. Denn in den Wintermonaten ist es im Garagenraum nicht gerade gemütlich.

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Um auf meinen Mangeltermin vorbereitet zu sein, packe ich Tischwäsche, Handtücher, Bettwäsche und Unterhemden in einen Korb. Ich habe sogar noch ein Mangeltuch – ein Erbstück.

Es ist früh und es ist kalt, als ich mich mit Günter Guhlmann treffe. Ein Eisenbahnheizkörper könnte Wärme spenden. Doch bei meinem kurzen Rendezvous mit der Wäschemangel lohnt sich das Anschalten nicht. Im Mangelraum ist es blitzsauber. Zuerst bin ich etwas verwirrt. Ich kann mich noch schemenhaft an die alte Mangel in der ehemaligen Wäscherei an der August-Bebel-Straße erinnern. Die war aus Holz und riesig. Die in der Garage ist moderner. Ein Schild weist darauf hin, dass sie noch vor der Wende im VEB Hauswirtschaftliche Dienstleistungen und Reparaturen in Gera hergestellt worden ist. „Früher haben wir auf der Basis des Vertrauens die Abrechnung der Mangel vorgenommen. Die Leute haben das Geld in einen Briefkasten geworfen. Jetzt gibt es einen Zählautomaten. Für 30 Minuten sind 50 Cent fällig“, so Günter Guhlmann.

Der Hauptschalter

Zuerst muss der Hauptschalter bedient werden. Sonst passiert gar nichts. Dann weist mich Günter Guhlmann ein, welche Knöpfe wann zu drücken sind. „Wichtig ist, dass immer eine Dogge, gefüllt oder ungefüllt, eingelegt wird. Sonst fällt die Mangel auf einer Seite ab und dann muss ich ran“, so der Rentner.

Am Tisch, der neben der Mangel steht, wird aufgedoggt. Jetzt kommt das Mangeltuch zum Einsatz. Wenn ich meins vergessen hätte, wäre das nicht so schlimm gewesen. Mangeltücher sind vorrätig. Die Dogge wird aus der Holzhalterung genommen und der Anfang des Tuches um das Holz gewickelt. Dann ist das erste Wäschestück an der Reihe. Es gibt viel zu beachten. Günter Guhlmann erklärt: „Zum einen muss das Wäschestück glatt gestrichen werden, damit keine Falten entstehen. Dann muss alles ganz fest aufgerollt werden. Damit das gelingt, wird mit dem Oberkörper das Mangeltuch gegen den Tisch gedrückt. Mit beiden Händen wird die Dogge zum Körper gerollt und dann wieder zurückgesetzt, um das nächste Stück einzulegen.“ Beachtet werden muss auch, dass die Wäschestücke wechselseitig eingelegt werden, damit nicht eine Seite zu dick wird.

Dann kann die erste Dogge in die Mangel eingelegt werden. Zuerst muss die Mangel auf eine Seite fahren. Das passiert, wenn man den Knopf „Mangel aufsteigen“ drückt. Dann knattert die Mangel auf die linke Seite. Bevor die Dogge eingelegt werden kann, ist das Schutzgitter zu öffnen. Das ist eine der einfachen Aufgaben. Schwerer wird es, die aufgerollte Dogge in die Mangel zu legen. Das Gewicht ist nicht ohne. Ich staune, dass auch ältere Frauen diese Arbeit verrichten können.

Die Dogge muss so eingelegt werden, dass sie direkt an der Innenseite liegt und nicht zu weit nach vorn herausschaut. Liegt alles ordnungsgemäß, wird das Schutzgitter geschlossen und der Knopf „Nur wenn Kasten aufgestiegen“ gedrückt.

Gewicht ist zu spüren

Die Mangel rattert auf die andere Seite und gibt Quietschtöne von sich. „Das Knacken liegt am trockenen Holz“, erklärt Guhlmann. Es ist förmlich zu spüren, mit welchem Gewicht die Wäsche nun gepresst wird.

Nun muss die andere Seite bestückt werden. Dafür wird die leere Dogge herausgenommen, die Wäsche sorgfältig aufgewickelt und das Ganze zurück in die Mangel gelegt. „Wir lassen die Mangel viermal hin und her laufen. Dann ist die Wäsche wirklich glatt“, sagt Günter Guhlmann. Und ich überzeuge mich selbst. Die Weihnachtstischdecke ist so glatt wie nie zuvor. Auch die Unterhemden meines Mannes sind ganz glatt. Das trifft auf meine Tops nicht ganz zu. Sie haben synthetische Fasern. Dadurch kann sich das Wäschestück in sich verschieben und es entstehen Falten.

Als ich meine Bettwäsche aus dem Korb nehme, runzelt Günter Guhlmann die Stirn. „Die Bettwäsche von heute hat meist Kunststoffknöpfe oder Reißverschlüsse. Die zerdrückt die Mangel. Wäsche mit Knöpfen oder Reißverschlüssen sollten lieber gebügelt werden“, so Guhlmann. Er kommt ins Schwärmen, wenn er von gerollten Bettlaken und -bezügen, Unterwäsche und Handtüchern spricht. Alles werde einwandfrei und die Wäsche lasse sich gut tragen.

Auf die Mangel will Familie Guhlmann nicht verzichten. Um sie zu erhalten, meldete sich Christine Guhlmann nach der Wende bei der Wohnungsgenossenschaft Hartha und ist seitdem für die Mangel zuständig. „Meine Frau war damals arbeitslos und hatte damit wieder eine Aufgabe“, so Günter Guhlmann. Als die Mangel aus dem Verwaltungsgebäude in die Garage umgelagert wurde, hatten die Zwei viel zu tun. „Die Garage war eine Bruchbude. Ich habe die Wände gestrichen und den Fußboden ausgelegt“, so der Rentner. Seine Frau mache jede Woche richtig sauber. „Sie glauben gar nicht, was hier manchmal liegenbleibt“, sagt der Rentner.

In Hartha sei die Mangel der Wohnungsgenossenschaft doch die Einzige öffentlich zugängliche. Früher habe es wesentlich mehr gegeben, so Guhlmann. Im ländlichen Bereich rattert noch eine Mangel in Schönerstädt. Schade eigentlich.

Ich packe meine Wäsche in den Korb und freue mich auf die Festtagstafel mit einer superglatten Tischdecke.