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Volleyhasen gehen über Grenzen

Der Sportkomplex in Rothenburg wird saniert. Deswegen finden Heimspiele der Mannschaft nun in Polen statt.

© André Schulze

Von Katja Schlenker

Rothenburg. Das Navi spinnt. Es zeigt beharrlich, dass der Weg der richtige nach Piensk ist. Aber statt an der Neiße entlang geht es immer weiter ins Landesinnere Polens. Das fühlt sich nicht richtig an. Und plötzlich taucht die Zufahrt zu einer Schnellstraße auf. Das kann einfach nicht stimmen. Also muss es im Nachbarland doch mit Intuition statt Navigation gehen. Erst mal ein Stück zurück fahren auf der holprigen Asphaltstraße. Stellenweise lugt das Kopfsteinpflaster darunter hervor. Bald geht eine Straße rechts ab. Vielleicht führt die nach Piensk. Die Richtung fühlt sich zumindest besser an.

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Elisabeth Hänchen kennt das. Ihr sei es die ersten Male auch so gegangen, als sie nach Piensk gefahren ist, erzählt die junge Frau. In der polnischen Kleinstadt 13 Kilometer nördlich von Görlitz finden derzeit Heimspiele der Volleyhasen statt. Im Team spielen polnische und deutsche Volleyballerinnen gemeinsam. Elisabeth Hänchen managt die Gruppe junger Spielerinnen. Die Mannschaft gehört zum Allgemeinen Sportverein ASV „Vorwärts“ Rothenburg. Und am vergangenen Wochenende hat das erste Heimspiel stattgefunden. Wobei das Wort in dieser Saison nicht ganz korrekt ist. Normalerweise werden Heimspiele im Sportkomplex an der Friedensstraße ausgetragen. Doch in dieser Saison ist alles anders. Denn die Anlage im deutschen Rothenburg wird saniert. Vereine müssen vorerst draußen bleiben. Und die Heimspiele finden stattdessen im polnischen Piensk statt – der zweiten Heimat des Teams.

Doch die ist gar nicht so einfach zu finden. Auf einer schmalen, delligen Straße geht es voran. Ein Dorf folgt dem nächsten. Langsam kommt das Gefühl zurück, dass der Weg nicht der richtige ist. Irgendwann steht dann aber doch das beruhigende Schild mit der Aufschrift Piensk am Straßenrand. Jetzt nur noch die Sporthalle finden. Unscheinbar steht das Gymnasium mitten in der 6 000 Einwohner zählenden Stadt. Kaum ist das klar, zieht die Einfahrt zum Schulkomplex auch schon vorüber. Also bremsen, Rückwärtsgang rein und abbiegen. Zum Glück kommt gerade keiner. Hinter dem Gymnasium verbergen sich Sporthalle und Sportplatz. Gebaut für rund 325000 Euro vor einigen Jahren und mit Hilfe von europäischen Fördermitteln. Und auch der Anfang der Volleyhasen.

Die deutsch-polnische Mannschaft entsteht aus der Kooperation zwischen den Städten Rothenburg und Piensk sowie dem ASV, sagt Trainer Jörg Bergner. Am Anfang wird ab und zu mal miteinander gespielt, hobbymäßig. Das Gymnasium in Piensk bietet Volleyball und Leichtathletik allerdings intensiv an, auch im Unterricht. „Irgendwann haben sie uns gefragt, ob wir gemeinsam trainieren wollen“, erklärt Jörg Bergner. „Danach hat sich alles relativ zügig entwickelt.“ Innerhalb kurzer Zeit steigen die Volleyhasen auf und spielen mittlerweile in der Sachsenklasse.

Am Wochenende hat die neue Saison für die Mannschaft begonnen. Und das gleich mit zwei Spielen hintereinander. Das ist jedoch nicht ungewöhnlich, erklärt der Trainer. Bei Heimspielen müssen die Gastgeber immer zwei Spiele bestreiten. Diesmal erst gegen die Volleyballerinnen des Universitätssportvereines der Technischen Universität Dresden und dann gegen das Team des Boxdorfer Volleyballclubs.

Die Ränge in der Piensker Sporthalle sind nur zaghaft besetzt. Bei Heimspielen der Volleyhasen sieht das ganz anders aus. Da kommen regelmäßig über hundert Besucher aus dem Umkreis von Rothenburg. Diesmal sind es gerade einmal zwei Dutzend Leute. Viele deutsche Fans trauen sich nicht nach Polen, erzählt ein Mann auf der Tribüne. Warum kann er nicht nachvollziehen. Die Vorurteile gegenüber Polen scheinen groß, sagt er. Obwohl die Grenze zum Nachbarland kaum mehr vorhanden ist, scheint sie in den Köpfen der Menschen bestehen zu bleiben.

Wer nach Polen fährt, fühlt sich im Ausland. Vor allem die Sprache halte viele von einem Besuch ab. Dabei ist Kommunikation viel weniger ein Problem als zunächst befürchtet. Das hat auch Volleyhasen-Trainer Jörg Bergner festgestellt. „Viele Polen lernen Deutsch in der Schule“, sagt er. „Und Volleyball ist eine Sprache, bei der manchmal nicht viele Worte nötig sind.“ Auch Englisch können viele Polen. Die Sprachbarriere existiert also eher in den Köpfen der Menschen als in der Realität. Dass andere Vereine die Möglichkeiten nicht nutzen, kann Jörg Bergner nicht nachvollziehen. „Ich habe mich in der Vergangenheit immer wieder gewundert, dass eine deutsch-polnische Mannschaft in der Region so unüblich ist“, sagt er. Warum es kaum Angebote zwischen Görlitz und Zgorzelec gibt, fragt er sich.

Aufwendig ist das Spielen in Polen für die Rothenburger dennoch. Denn der nächste Grenzübergang ist in Görlitz. Und damit mit einem großen Umweg verbunden, wenn sie mit dem Auto zur polnischen Sporthalle fahren wollen. Oft stellen die Teammitglieder daher ihre Autos in Deschka ab und laufen über die kleine Brücke bis nach Piensk auf der anderen Seite der Neiße. Etwa fünfzehn bis zwanzig Minuten dauert das, erzählt Trainer Jörg Bergner. Meist wird die Zeit genutzt, um Verschiedenes zu besprechen. Das eine oder andere Mal hat es unterwegs aber auch begonnen zu regnen. Wenn Bälle und andere Sachen für das Training mitgenommen werden, bleibt keine freie Hand mehr für einen Schirm. Das sind dann die frustrierenderen Tage.

Viermal pro Woche trainieren die Volleyhasen – dienstags, freitags und sonnabends in Piensk sowie mittwochs in Rothenburg. Diese Trainingseinheit fällt nun vorerst weg, weil der Sportkomplex bis 2018 saniert wird. Und damit fehlt auch Zeit, um sich mit technischen Problemen einzelner Spielerinnen zu beschäftigen, erklärt Jörg Bergner. Denn bei dem Training in Rothenburg sind oft nicht alle Volleyhasen dabei.

Der erste Spieltag am Wochenende verläuft durchwachsen. Das erste Spiel gegen den Aufsteiger aus Dresden ist eine wahre Zitterpartie. Am Anfang spielen die Volleyhasen nervös. Nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen über drei Sätze können die Damen des hiesigen Teams das Spiel für sich entscheiden. Im zweiten Spiel wirken die Volleyhasen erneut unkonzentriert. Noch dazu verletzt sich die stark spielende Außenangreiferin Natalia am Ende des ersten Satzes am Fußgelenk und fällt aus. Die Boxdorfer Damen gewinnen das Spiel daher am Ende mit drei zu einem Satz.

Nach den zwei Punktspielen am Wochenende ist aufräumen angesagt. Denn die Sporthalle in Piensk nutzen auch andere Vereine und die Schüler des Gymnasiums. Das Volleyballnetz wird abgebaut, die Sitzbänke am Rand werden beiseite geschoben und die Plakate der Sponsoren an den Wänden wieder abgehängt. Zum Schluss wird noch das Licht ausgemacht. Bis zum nächsten Mal. Zwei Heimspiele in Polen stehen in dieser Saison noch an.