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Vom Abitur in den Krieg

Wie radikale Wahhabiten Jugendliche für den Kampf gegen das Assad-Regime in Syrien anwerben.

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© picture alliance / dpa

Von Thomas Roser, SZ-Korrespondent in Belgrad

Er galt in seinem Gymnasium als einer der besten Schüler. Doch über die Gründe, warum der 19-jährige Mirza Ganic zwei Monate vor dem Abitur die Schule im südserbischen Novi Pazar in Richtung Syrien verließ, wollen seine früheren Lehrer aus Angst vor dem „gefährlichen“ Thema lieber nicht reden. Mirza habe vor seinem Aufbruch erzählt, er wolle in Kairo Mathematik studieren, so sein Onkel: „Doch wenige Tage später meldete er sich von der türkischen Grenze – und sagte, dass er in den Dschihad ziehe.“

Mit schweren Waffen und in Uniform präsentiert sich der aus dem überwiegend muslimischen Sandzak stammende Wahhabit seitdem auf seiner Facebook-Seite. Mal steht er neben einer verkohlten Leiche, mal posiert er hinter einer großen Sonnenbrille mit anderen „Heiligen Kriegern“ fürs bizarre Erinnerungsfoto. Doch mit visuellen Botschaften allein gibt sich das neue Idol junger Islamisten in Novi Pazar keineswegs zufrieden: Von Ministern in Bosnien und Serbien bis hin zu missliebigen Bürgerrechtlern reicht die Liste der Personen, die von Ganic aus dem fernen Syrien düstere Todesdrohungen erhalten haben.

„Sie werben Kinder für den Dschihad an“, titelt entsetzt die serbische Zeitung „Blic“. Es sei die Pflicht jedes Muslims, Glaubensbrüdern in Not zu helfen, begründet Ganic derweil per Facebook seinen Waffengang in Syrien. Ganic sei ständig im Internet, versende Fotos und Botschaften – und wirke für einen Kämpfer im Krieg in seinen auffällig sauberen Uniformen viel zu gut rasiert, sagt die von ihm bedrohte und mittlerweile unter Polizeischutz stehende Aida Corovic, bis vor Kurzem Direktorin einer Bürgerrechtsgruppe in Novi Pazar: „Ich vermute, dass er dazu gebraucht wird, andere Jugendliche und Glaubensbrüder anzuwerben.“

Mirza sei in der Moschee von extremistischen Wahhabiten indoktriniert und für den „Heiligen Krieg“ in Syrien gewonnen worden, klagen dessen Angehörige, die von Mirza Ganic inzwischen auch zu „Feinden“ erklärt worden sind. Tatsächlich ist der Gymnasiast in der Region kein Einzelfall. Vor allem im nahen Bosnien macht sich nach den Erkenntnissen der Sicherheitsdienste eine wachsende Zahl von muslimischen Jugendlichen in Richtung Syrien auf.

Bitte um Bruderhilfe

Nach Informationen der Zeitung „Dnevni Avaz“ kämpfen nachweislich 70 junge Bosniaken in Syrien, darunter auch Frauen. Einige seien bereits gefallen. Die Dunkelziffer dürfte höher sein. Denn verlässliche Zahlen liegen nicht vor: Nur wenige Eltern melden das Verschwinden ihrer Kinder den Behörden. Es mehrt sich die Sorge vor einem Nachahmer-Effekt – und um die Sicherheit des Landes bei Rückkehr der waffenerprobten Islamisten. Bosniens Sicherheitsminister Fahrudin Radoncic hat eine Gesetzinitiative zur harten Sanktionierung von Rekrutierungsversuchen angekündigt: Deren Organisatoren sollten mit zehn, die angeworbenen Krieger mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden können.

Traditionell gelten Muslime in Bosnien eher als weltoffen und liberal. Doch beim Ausbruch des Bosnien-Kriegs 1992 hatte der damalige Staatspräsident Alija Izetbegovic auch arabische Staaten um Bruderhilfe gebeten. Neben Hunderten freiwilligen Kämpfern machten sich damals Heerscharen von Missionaren und Agenten als Mitarbeiter humanitärer Organisationen nach Bosnien auf. Nach Kriegsende 1995 zogen die meisten Mudschaheddin zwar wieder ab. Doch die Saat des radikalen Islamismus war gelegt.

In den Folgejahren sollte vor allem Saudi-Arabien mit dem Bau von Moscheen und der Entsendung von Geistlichen die kleine Gemeinde der Wahhabiten stärken. Enge Kontakte unterhalten Bosniens neu entstandene Wahhabiten-Dörfer wie Gorna Maoca jedoch vor allem zu den Glaubensbrüdern in der westlichen Diaspora. In Wien und Luxemburg werden der bosnisch-serbischen Zeitung „Glas Srpske“ zufolge die wichtigsten Sponsoren von Bosniens Wahhabiten vermutet. Der in den letzten Monaten stark vermehrte Zufluss an Spendengeldern habe nur ein Ziel: Die verstärkte Rekrutierung von Kriegern für den Dschihad.