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Vom Dominator zum Dramaturgen

Kurz vorm Karriereende zittert sich Olympiasieger Robert Harting zur EM. Seinem Bruder genügt ein Wurf für den Titel.

© Sven Simon/Anke Waelischmiller

Von Michaela Widder, Nürnberg

Gut geschlafen hat Robert Harting nach dem dramatischen Meisterschaftsfinale. Aber er fühlt sich erschöpft, sagt er, so sehr sogar, wie nach einem internationalen Höhepunkt. „Man steht auf, spürt nur seinen Kopf, und alles andere kommt hinterher“, erzählt er am Sonntagmorgen. Diese nationalen Titelkämpfe in Nürnberg waren besonders kraftraubend, weil sie für den Diskus-Olympiasieger eine größere Bedeutung hatten als in anderen Jahren.

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Und nun? Noch ist die Nominierung für die EM nicht offiziell, doch an Diskusstar Robert Harting dürfte nach Platz drei kein Weg vorbeiführen.
Und nun? Noch ist die Nominierung für die EM nicht offiziell, doch an Diskusstar Robert Harting dürfte nach Platz drei kein Weg vorbeiführen. © dpa/Daniel Karmann

Deutschlands prominentester Leichtathlet beendet in diesem Sommer seine Karriere, und er will das unbedingt mit einem Auftritt bei der Europameisterschaft im Berliner Olympiastadion tun, an jenem Ort, wo er mit dem WM-Titel 2009 den ersten internationalen Erfolg seiner großartigen Karriere gefeiert hatte.

Nur ist er eben nicht mehr der Dominator, der er vor seinem Kreuzbandriss 2014 war. National hat diese Rolle längst sein Bruder Christoph übernommen, dem am Samstagabend ein einziger Wurf reicht, um Meister zu werden. Für die EM war der Olympiasieger von Rio bereits nominiert.

Er lehnt sich nach dem ersten Versuch entspannt zurück und verfolgt, wie sich die Konkurrenz um die zwei weiteren Startplätze abmüht. Vier weitere deutsche Diskuswerfer, darunter eben auch sein angeschlagener Bruder, hatten die Norm erfüllt, entscheiden sollte die Platzierung bei den Meisterschaften.

Es ist als das spannendste Finale von Nürnberg angekündigt und passend zum Dokumentarfilm, der in Hartings Abschiedsjahr über ihn gedreht wird, schlüpft er in die Rolle des Dramaturgen, der unbedingt selbst an seinem Happy End mitwirken will. Dafür muss er natürlich mit einem ungültigen Versuch beginnen, und das Stirnrunzeln beim zehnmaligen deutschen Meister wird auch im Verlauf des Wettkampfs nicht weniger. Die Konkurrenten trennen Zentimeter. Gerade so schafft er es unter die Top drei, gewinnt mit 63,92 Metern hinter dem Zweitplatzierten Daniel Jasinski seine erste Bronzemedaille überhaupt.

20 Zentimeter weniger wirft Martin Wierig, der wohl nun zu Hause bleiben muss. In der Jahresbestenliste liegt der Magdeburger zwar vor Harting, aber es zählt das direkte Duell zwei Wochen vor dem Jahreshöhepunkt, wo alle unter denselben Bedingungen antreten.

„Ich glaube, dass es zu wenig war von den anderen, um hart diskutieren zu können, dass Robert zu Hause bleibt und sie dafür fahren“, sagte Harting kurz nach dem Wettkampf. Dass er trotzdem offenbar noch in der Diskussion stehe, fühle sich sehr unangenehm an, gibt er zu.

Die EM braucht Harting

Leistungssportdirektor Idriss Gonschinska brachte dann doch noch am Samstagabend Klarheit in diese knifflige Angelegenheit. „Das Trainerteam hat Daniel Jasinski und Robert Harting zur Nominierung vorgeschlagen. Die finale Entscheidung fällt am Montag“, sagt er. Dann tagt der Ausschuss Leistungssport. Eine Zustimmung gilt in diesem besonderen Fall als sicher, zwei Tage später wird dann das komplette Team für Berlin bekannt gegeben.

Eine Europameisterschaft ohne Robert Harting in seinem Wohnzimmer, wie er selbst gern das Olympiastadion nennt, wäre nur schwer vorstellbar – allein aus Marketingsicht braucht der deutsche Gastgeber sein Gesicht. Selbst wenn er am 2. September beim Istaf noch seinen großen Abschied in der Hauptstadt bekommt, bedeutet es ihm viel, seine Karriere „im Nationaltrikot ordentlich zu beenden“.

Auch Bruder Christoph, mit dem er bekanntlich ein Nicht-Verhältnis pflegt, hofft auf eine Nominierung: „Es wäre einfach nur ein schöner runder Abschluss, wenn die Geschichte da aufhört, wo sie angefangen hat“, sagt der 27-Jährige am Samstagabend im ZDF-Sportstudio. Eine gemeinsame Einladung hatten die Geschwister abgelehnt. Und der Familienvater spricht über Robert Harting, als kenne er ihn kaum. „Es ist eine Karriere, die alles hergegeben hat. Der Mensch hat alles im Sport erreicht.“

Die Interviewzone im Nürnberger Max-Marlock-Stadion hatte Christoph Harting wenige Stunden zuvor mal wieder fluchtartig und nichts sagend verlassen. Ins Stadionmikrofon sagte der Meister noch kurz. „Wenn ich sagen würde, ich will in Berlin nicht gewinnen, wäre das gelogen.“ Bei Robert Harting wäre das umgekehrt. Er haderte mit seinem Auftritt am Wochenende, auch wenn er sagt: „Ich bin besser, als ich heute gezeigt habe.“ Der dreimalige Weltmeister sei „bewusst nur mit einer Halbform angereist“, weil er sich „für die EM was aufheben will“. Doch beinahe hätte sich dieses Risiko nicht ausgezahlt.

Seit seinem Kreuzbandriss 2014 hat Harting nie wieder zu seiner alten Stärke zurückgefunden und sich auf der Zielgeraden im Frühjahr auch noch die Quadrizepssehne im rechten Knie angerissen. Auf Biegen und Brechen versucht er nun, seinen geschundenen Körper irgendwie leistungsfähig zu bekommen. Dafür will er sich sogar die lädierte Sehne „totspritzen“ lassen, wie er sagte. „Das Cortison besitzt die Nebenwirkung, dass es das Gewebe schmerzfrei, aber auch unlebendig macht.“ Ein Problem mit der Dopingliste, das ihm deshalb unterstellt worden war, gibt es nach seiner Aussage nicht.

In Nürnberg trat der Altmeister „angeschossen“ in den Ring, ihm fehlt diese absolute Körperspannung, weil der Schmerzpegel einfach zu hoch ist. Statt vollen Angriffs sind es „durchdachte Würfe“. Doch Harting ist eben auch eine „Wettkampfsau“, so darf man ihn schon mal bezeichnen, jemand der den Kampf Mann gegen Mann sucht. Und dafür hat er sich die große Bühne noch einmal verdient.