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Vom Dorf nach China

Albrecht Anton spricht fließend Chinesisch. Gerade ist er wieder im Reich der Mitte. Und schätzt auch deshalb seine Heimat.

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© Jürgen Müller

Von Jürgen Müller

Löthain. Die Sonne scheint, die Luft ist klar, die Vögel zwitschern, nebenan in einem großen Teich plätschert kristallklares Wasser. Ruhe, Natur, Dorfidylle pur. Albrecht Anton genießt die Zeit auf dem Grundstück seiner Eltern in Löthain. So oft ist er nicht mehr hier. Vor allem weiß der 24-Jährige, dass diese Natur, dies klare Luft, dieses saubere Wasser keine Selbstverständlichkeit ist. Er hat ein T-Shirt mit chinesischen Schriftzeichen an. Doch er korrigiert: „Das ist Japanisch“, sagt er und lacht. Beides ist irgendwie richtig. Denn die Schriftzeichen sind identisch oder zumindest ähnlich, haben aber in den Sprachen unterschiedliche Aussprachen und Bedeutungen.

Albrecht Anton ist trotz seiner erst 24 Jahre schon viel rumgekommen in der Welt. Zunächst als Kanute, der er wie sein Bruder und Olympiateilnehmer Franz war, und später auch. Mehrere Monate hat sich der Löthainer in Taiwan und in China aufgehalten. Und dort geht er jetzt auch wieder hin. Denn er spricht fließend Chinesisch. Das hat schon zeitig angefangen. Seit der dritten Klasse hat er die Sprache gelernt, zunächst in einer Arbeitsgemeinschaft, später im Privatunterricht. „Ich war in der Grundschule nicht ausgelastet, habe mich für alles Mögliche interessiert, vor allem für asiatische Actionfilme und eben auch die chinesische Sprache“, sagt er. Doch dann kam der Sport dazu, das Abi. Chinesisch habe so dahingedümpelt. „Ich musste Prioritäten setzen: erst Schule, dann Kanu, dann Chinesisch“, sagt er.

Das bequemste Land der Welt

In der 11. Klasse schafft er es, für die Juniorennationalmannschaft im Kanuslalom nominiert zu werden. Doch dann legt er mehr Wert auf ein gutes Abitur. Im vorolympischen Jahr bewirbt er sich für die Sportfördergruppe der Bundeswehr in Leipzig. Nebenher macht er sich Gedanken, was er einmal studieren möchte. „Viele Mitschüler sind erst mal ins Ausland gegangen. Das wollte ich auch, vor allem, um mein Chinesisch auf ein höheres Level zu bringen“, sagt er. Und so geht er vor dem Studium für mehrere Monate nach Taiwan, nach Taichung, belegt an der Uni einen Sprachkurs. Nach drei Monaten kann er sich gut verständigen, nach sechs Monaten flüssig unterhalten. Dann studiert er in Passau, belegt ein Semester in China, macht ein Praktikum im Konsulat in der 14-Millionen-Stadt Chengdu. Nach dem Studienabschluss in Passau geht es wieder zum Praktikum nach China, diesmal in der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit. Seine Bachelorarbeit schreibt er über die Umwelt in China unter dem Titel „Kein blauer Himmel in Sicht?“

Längst wieder in Deutschland, schwärmt er immer noch von Taiwan. „Das ist das bequemste Land der Welt“, sagt er und lacht wieder. Selbst in kleinsten Dörfern gebe es kleine Geschäfte, die 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr geöffnet haben. Dort gibt es nicht nur alles zu kaufen, was man fürs Leben braucht, sondern auch beispielsweise Flugtickets. Und auch seine Steuern kann man dort bezahlen. „In meinem ganzen Leben habe ich noch nie so freundliche und hilfsbereite Menschen erlebt wie in Taiwan“, sagt Albrecht Anton. Einmal habe er sich in den Straßen verlaufen. Eine Mutter, die mit ihrem Sohn auf dem Moped ankam, sei extra umgedreht, habe mit Freunden telefoniert und ihm weitergeholfen. Auch an das Essen hat er sich schnell gewöhnt. „Vor allem im Winter ist es oft neblig. Da essen die Leute sehr scharf, vor allem Chili, um das innere Feuer in sich zu entfachen, wie sie sagen. Und es funktioniert“, sagt er. Er habe auch alles probiert, was ihm vorgesetzt wurde. Doch damit ist es jetzt vorbei. Seit drei Jahren ist er strenger Vegetarier.

Derzeit ist er wieder für sieben Monate in China, auch, um sein Chinesisch weiter zu vervollkommnen. Da ist noch Luft nach oben. Etwa 50 000 Schriftzeichen gibt es, etwa 3 000 benötigt man, um Zeitunglesen zu können. Albrecht Anton beherrscht rund 5 000 Zeichen.

Zu den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro hat Albrecht Anton mit der ganzen Familie seinen Bruder Franz begleitet, ihm die Daumen gedrückt, sich mit ihm über den vierten Platz gefreut. Ärgert er sich, dass er dem Leistungssport so zeitig den Rücken gekehrt hat? „Nein, ich bedauere es nicht, dass ich andere Prämissen gesetzt habe. Ärgerlich ist nur, dass ich meine sportliche Laufbahn bei der Junioren-Europameisterschaft nicht gut zu Ende gebracht habe“, sagt er rückblickend.

Seine Eltern werden ihn wie auch seinen Bruder nun wieder für einige Monate nicht in Löthain sehen. Wie schwer ist das für sie? „Das ist nun mal der Lauf der Welt, dass die Kinder flügge werden und das Haus verlassen. Wir haben mit Franz und Albrecht zwei Botschafter in der Welt. Das ist doch sehr schön“, sagt der Vater, der ebenfalls Franz heißt.

Was sein Sohn Albrecht beruflich einmal machen möchte, ist noch nicht klar. „Auswärtiges Amt wäre eine Option, aber da ist es sehr schwer reinzukommen“, sagt er. Für 40 Plätze gäbe es rund 1 000 Bewerber. Könnte er sich vorstellen, einmal ganz nach China zu gehen? „Für eine gewisse Zeit vielleicht. Aber meinen Lebensabend möchte ich dort nicht verbringen.“ Der Straßenverkehr, die Umwelt, die Lebensmittelsicherheit, dies alles sei in China nicht so gut. Und vielleicht ist er ja auch ein kleines bisschen verwöhnt von Löthain. Von dem Sonnenschein, von der klaren Luft, dem Vogelgezwitscher, dem kristallklaren Wasser, der Ruhe, der Natur, der Dorfidylle.