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Vom Dosendeckel zum Fürstenzug

Eine Ausstellung in Schmeckwitz würdigt den Historienmaler, Zeichner und Lehrer Wilhelm Walther.

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© Andreas Kirschke

Von Andreas Kirschke

Schmeckwitz. Sein bekanntestes Werk ist der Fürstenzug in Dresden von 1876. Es zeigt die sächsischen Regenten 1127 bis 1904. Historienmaler, Zeichner und Lehrer Professor Wilhelm Walther (1826-1913) hinterließ, in Sachsen, in Böhmen und in der Schweiz, tiefe Spuren. „Er war eine vielseitige, weltoffene, kreative Persönlichkeit. In unserer Kirche hängt sein Ölgemälde Der gute Hirte aus dem Jahr 1901“, sagt Eberhard Zobel (67) aus Kamenz. Er ist aktiv im Kirchenvorstand der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde Schmeckwitz bei Kamenz. Bis Jahresende würdigt jetzt eine Ausstellung in der Schmeckwitzer Kirche Leben und Werk von Wilhelm Walther.

Die Gastgeber erhielten sie als Leihgabe von der Kirchgemeinde Seiffen (Erzgebirge). Dort engagiert sich Christian Gabler für die Ausstellung. Erstaunliches förderten seine Nachforschungen zutage. Die Kirche in Deutscheinsiedel bei Seiffen (1905) und die Kirche in Schmeckwitz bei Kamenz (1901) hatten mit Woldemar Kandler (1866-1929) den gleichen Architekten. In beiden Kirchen hängen Bilder von Wilhelm Walther (1826-1913). „Ein häufiges Phänomen“, so Zobel. „Dort wo Kandler Kirchen gebaut hat, dort hat Walther sie mit Bildern belebt. Immer wieder gibt es Parallelen.“

Die aktuelle Ausstellung verweist darauf. Sie schildert Wilhelm Walthers tiefe Verwurzelung im Glauben. Er wuchs als viertes Kind und einziger Sohn eines Wirtschaftsbesitzers und Jägers im erzgebirgischen Cämmerswalde auf. Sein zeichnerisches Talent fiel den Lehrern frühzeitig auf. Sie förderten den begabten Jungen. Schon mit 16 Jahren malte Wilhelm Walther 1842 „Die Binge von Seiffen“. Jenes Zinn-Bergwerk ist heute ein Freiluft-Natur-Theater. Seine künstlerische Laufbahn begann Walther als Dosenmaler in Zöblitz. Später studierte er an der Kunstakademie Dresden Malerei. Dort förderten ihn die Professoren Julius Hübner, Gottfried Semper und Carl-Gottlieb Peschel. Unter Anleitung Gottfried Sempers erlernte er die aus dem 14. Jahrhundert stammende Technik des italienischen Sgraffito. Wilhelm Walther wandte sie später bei der Gestaltung der Fassade der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich und bei der Gestaltung des Dresdener Fürstenzuges an.

Fokus auf Studien und Familie

Seit 1855 war er freischaffender Maler. 1878 bis 1900 lehrte Wilhelm Walther, inzwischen verheiratet und dreifacher Familienvater, als Professor an der Kunstakademie Dresden. In jener Zeit entstanden viele seiner Altarbilder und Glasfenster. Sie hängen heute in sächsischen und in böhmischen Kirchen. Walther entwarf und schuf nicht nur den Dresdener Fürstenzug. 1906 leitete er auch dessen notwendige Erneuerung. Viele seiner Werke beleben heute Kirchen. Eben diese religiösen Bilder und sein Tagebuch zeugen von seiner tiefen Verwurzelung im evangelischen Glauben. „Wo ich meinen Blick hinwende, sehe ich Gottes Segen“, freute sich der Maler nach Vollendung des Fürstenzuges. Diesen prägen heute 23 000 Fliesen aus Meißener Porzellan. Auf 102 Metern Länge sind die sächsischen Regenten dargestellt. „Der Fürstenzug ist heute das größte Keramik-Wandbild der Welt. Wilhelm Walther hat sich darin mit der Geschichte des Herrscherhauses der Wettiner beschäftigt“, sagt Zobel.

Die aktuelle Ausstellung würdigt Wilhelm Walther als Menschen und Christen. Sie würdigt seine Familie. Sie geht auf Studien in seiner Arbeit ein. Gleich zu Beginn zeigt sie drei Bilder aus der Kirche Deutsch-einsiedel. Es sind die beiden Kanzelbilder „Der greise Pharisäer Oberst Nikodemus“ (Öl aus Leinwand, 1904) und „Maria im Freundeshaus zu Bethanien“ (Öl auf Leinwand, 1904) sowie ein Altarbild. „Er malte gern Bilder für seine Heimat. Das war ihm sicher ein tiefes Bedürfnis“, sagt Eberhard Zobel. „Es waren seine letzten Werke.“ Die Ausstellung erinnert daran. Sie verweist auch auf Walthers Bild in der Schmeckwitzer Kirche. „Der gute Hirte“ heißt es. 1901 schuf es der Maler. Es zeigt Jesu Liebe und Sorge zu jedem einzelnen Schaf. Keines gibt er verloren. Jedes ist ihm wichtig. Bei Verschwinden sucht er so lange, bis er das einzelne Schaf wiedergefunden hat.

Vielfalt des Künstlers im Fokus

„Unser Wilhelm-Walther-Bild reiht sich ein in sein vielfältiges Schaffen“, sagt Eberhard Zobel. „Es umfasst auch Skizzen. Sie zeigen unter anderem seinen Malerkollegen Ludwig Richter. Wilhelm Walther war ihm sehr verbunden.“ So entstand eine Porträtzeichnung 1876 mit Ludwig Richter. Aus dem gleichen Jahr stammt auch ein Porträt mit Wilhelm Walther selbst. Sein Sohn Johannes schuf es. Auch dies kann der Gast in der Ausstellung entdecken. „Wir wollen das vielfältige Schaffen des Malers nahebringen. Wir wollen seine Verbindung mit Architekt Kandler zeigen“, sagt Eberhard Zobel. Bis Ende des Jahres ist die Ausstellung täglich in der Schmeckwitzer Kirche zu sehen. Mag sein, dass künftig mancher beim Besuch in Dresden sorgfältiger auf den Fürstenzug achtet. Ganz am Ende, fast unbemerkt, taucht darin Wilhelm Walther auf. „Und das mitten im Volk, das den Fürstenzug begleitet.“