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Vom erfundenen Tod eines Syrers

Die Nachricht schlug hohe Wellen: In Berlin soll ein Flüchtling gestorben sein, nachdem er krank vor dem Amt ausharrte. Doch ein Flüchtlingshelfer hat den Fall erfunden.

© dpa

Von Peter Heimann, Berlin

Der Beitrag im sozialen Netzwerk Facebook, neudeutsch Post, war dramatisch und bestürzend: „Jetzt ist es geschehen. Soeben ist ein 24-jähriger Syrer, der tagelang am Lageso bei Minusgraden im Schneematsch angestanden hat, nach Fieber, Schüttelfrost, dann Herzstillstand im Krankenwagen, dann in der Notaufnahme – VERSTORBEN.“

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Über das Internet verbreitete sich die traurige Nachricht vom frühen Morgen rasant. Wohl auch, weil die Situation am Lageso seit Monaten Symbol für das völlige Scheitern der Berliner Verwaltung und Politik in der Flüchtlingskrise ist. Und grundlegend hat sich die verheerende Situation am Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales, kurz Lageso, auch nicht geändert. Noch immer harren dort viele Flüchtlinge in der Kälte aus. Voriges Jahr hatten Flüchtlinge tage- und wochenlang in der Hitze auf ihre Registrierung gewartet. Zuletzt klagten Leiter von Flüchtlingsunterkünften, dass das Amt Flüchtlingen kein Essensgeld mehr auszahle und die Menschen hungern müssten – wegen des hohen Krankenstands in der Verwaltung.

Vor dem Lageso war im Herbst der vierjährige Mohammed, Flüchtlingskind aus Bosnien-Herzegowina, verschwunden. Er war entführt und getötet worden. Später gab es, vor allem von ehrenamtlichen Helfern, öffentliche Warnungen vor Kältetoten: „Wir können nicht mehr ausschließen, dass Menschen sterben.“ Viele Nächte, auch bei Minusgraden, bildeten sich vor dem Lageso Warteschlangen, in denen auch „zitternde und blau angelaufene“ Kleinkinder stünden. Regierungschef Michael Müller (SPD) muss mit Blick auf die Abgeordnetenhauswahl im Herbst inzwischen befürchten, von den Hiobsbotschaften rund um das Lageso und dessen arg lädiertem Image selbst beschädigt zu werden. In Medien ist schon von der „Failed City“ die Rede.

Der Dialog, den eine Theater-Regisseurin und ein PR-Berater, beide engagierte Flüchtlingshelfer, nun gestern ins Netz stellten, klang bei der Vorgeschichte also durchaus plausibel. „Was hat er?“, wurde der ehrenamtliche Helfer, der den angeblich kranken Syrer angeblich mit nach Hause genommen hatte, nachts gegen zwei gefragt. „Ich weiß es nicht, er hat 39,4 Fieber, Schüttelfrost und kann nicht mehr sprechen. Ich denke, ich rufe einen Krankenwagen jetzt.“ Später heißt es: „Ok, sitze im krankenwagen herzstillstand.“ und noch etwas später: „Er stirbt, kann nicht telenieren.“ Und am Schluss: „Er ist gerade verstorben Ich melde mich offiziell ab.“

Schon am Morgen macht die traurige Nachricht die Runde – und wird natürlich politisch angeheizt. Der Tod eines 24-jährigen Syrers sei eine „direkte Folge von der Wartesituation am Lageso“, sagt etwa Diana Henniges von der Initiative „Moabit hilft“ zu Spiegel Online. Der junge Mann habe seit Wochen immer wieder beim Lageso vorstellig werden müssen, um Krankenscheine und andere Leistungen dort abzuholen. „Er war vom Warten in der Kälte ausgelaugt, hatte einen grippalen Infekt. Am Ende hat er sich auch mit Fieber am Lageso anstellen müssen.“ Er habe zudem nichts zu essen gehabt, weil das Lageso das Geld dafür nicht auszahle, so Henniges.

„Wir wissen gar nichts“

Berlins Integrationssenatorin Dilek Kolat von der SPD: „Ich habe noch keine Informationen, aber ich bin natürlich unendlich traurig.“ Ramona Pop von den Grünen sagt: „Wenn sich der Fall bestätigt, glaube ich nicht, dass Senator Czaja zu halten ist. Er ist nicht schuldig, aber verantwortlich. Wir haben es alle kommen sehen.“ Auch die Sprecherin von „Moabit hilft“ betonte, man habe keinen Anlass, die Angaben des Helferkollegen anzuzweifeln. Wenn sich der Fall bewahrheite, müsse „die direkte Konsequenz“ der Rücktritt von Sozialsenator Mario Czaja (CDU) sein.

Doch irgendetwas war komisch. Die Behörden nämlich wussten von nichts. Auch das ist für Berlin nicht gänzlich auszuschließen, aber schon merkwürdig. Die Berliner Feuerwehr konnte einen Notarzteinsatz in der Nacht („zwischen 1 und 3 Uhr“) nicht bestätigen. Keine Rettungsstelle konnte den Tod eines Syrers bestätigen. Die Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales ließ alle Kliniken überprüfen. „Wir haben alle Aufnahme-Krankenhäuser abgefragt“, sagte eine Sprecherin der SZ am Nachmittag: „Dort gibt es keine Informationen darüber.“

Und plötzlich wurde auch die „Moabit hilft“-Sprecherin außerordentlich vorsichtig: „Wir wissen gar nichts.“ Der Helfer, der die Quelle aller Aufregung war, war abgetaucht, hatte „sich in seiner Wohnung verbarrikadiert“, so seine Freunde. Aber nur er kannte die ganze Wahrheit. Am Abend dann wurde klar: Der Flüchtlingshelfer hatte den Todesfall erfunden. „Er hat in der Vernehmung zugegeben, dass er alles frei erfunden hat“, sagte ein Behördensprecher nach der Vernehmung des Mannes.