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Vom Gerichtsmediziner zum Amtsarzt

Dr. Andreas Prokop geht in den Ruhestand. Er erlebte Hochwasserkatastrophen und kontaminierte Erdbeeren.

© Dietmar Thomas

Von Sylvia Jentzsch

Döbeln. Kaum einer wird wissen, dass der langjährige Referatsleiter des Amtsärztlichen Dienstes im Gesundheitsamt des Landkreises Mittelsachsen Andreas Prokop einmal Facharzt für Gerichtliche Medizin war. Prokop studierte bis 1979 an der Karl-Marx-Universität in Leipzig Medizin. Am Institut für gerichtliche Medizin absolvierte er die Facharztausbildung, die er 1984 abschloss. Ein Jahr zuvor promovierte er. Am Institut wurde er wissenschaftlicher Assistent und kümmerte sich unter anderem um Fälle mit tödlichem Ausgang nach medizinischen Behandlungen, identifizierte unbekannte Tote, sicherte Spuren untersuchte Misshandelte, um den Juristen beweissichere Befunde zu liefern.

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„Dann kam die politische Wende. Damals war ich Ende 30 und wollte mich beruflich weiterentwickeln“, so der Amtsarzt. Eine neue Aufgabe fand er beim Aufbau einer Klinik für abhängigkeitskranke Straftäter. Das Gebiet der Psychiatrie und auch der Klinikbetrieb seien für ihn eine neue Herausforderung gewesen. Er habe viel Neues wie den Umgang mit dem Pflegepersonal oder den Patienten kennengelernt. Einher gingen Weiterbildungen im Bereich der Psychiatrie.

„Dann fand ich eines Tages im Ärzteblatt, dass der damalige Landkreis Döbeln einen stellvertretenden Amtsarzt sucht. Die Stadt war mir nicht unbekannt, da ich als Gerichtsmediziner öfter im Krematorium war“, sagte Andreas Prokop. Am 1. November 1995 begann er im Döbelner Gesundheitsamt und auch mit der Facharztausbildung für das öffentliche Gesundheitswesen. Dafür ging er ein Jahr nach München. 2003 wurde Prokop Amtsarzt. Nach der Kreisreform wurde er Referatsleiter Amtsärztlicher und Sozialpsychiatrischer Dienst, Gesundheitsberatung im Gesundheitsamt.

Sein Aufgabenbereich umfasste alles von der Schwangerschaft über die Geburt bis zum Tod. Es ging um amtsärztliche Untersuchungen, wenn jemand verbeamtet werden sollte oder ein Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes länger krank war, um Begutachtungen der Erwerbsfähigkeit oder die Feststellung, ob jemand vor Gericht verhandlungsunfähig ist. Auf dem Arbeitsplan stand auch die amtliche Leichenschau im Krematorium. Das waren jährlich etwa 4 500 bis 5 000 Fälle.

„Meine Aufgabe war es, auszuschließen, dass unerkannte nichtnatürliche Todesfälle nicht eingeäschert werden“, so der Amtsarzt. Es sei mehrfach vorgekommen, dass abweichend von den Feststellungen des Leichenschauarztes eine nichtnatürliche Todesart festgestellt wurde. „Das hatte jedoch nichts damit zu tun, dass jemand etwas vertuschen wollte. Meist handelte es sich um Fehldeutungen von Zusammenhängen oder einzelne Fälle, bei denen die Leichenschau nur oberflächlich durchgeführt wurde“, so Prokop. In seiner Tätigkeit als Gerichtsmediziner habe es durchaus Fälle, in denen Tötungsdelikte durch den Täter als Unfall, Selbsttötung oder „Herzversagen“ vertuscht werden sollten, gegeben.

Prokop geht nach einem interessanten, spannenden und abwechslungsreichen Berufsleben gern in den Ruhestand. Sein letzter offizieller Arbeitstag ist der 30. April. Schon jetzt habe er Schwierigkeiten, die danach anstehenden Termine alle unter einen Hut zu bringen, so Prokop. Er arbeitet in Gremien der Sächsischen Landesärztekammer mit und ist Vorsitzender der Prüfungskommission für das Gebiet öffentliches Gesundheitswesen. Diesen Abschluss musste er, obwohl er ein promovierter Rechtsmediziner war, selbst ablegen, als er im öffentlichen Dienst begann. Das war 1995.

„Ich habe mich während meines Arbeitslebens keinen Tag gelangweilt. Und je näher das Ende rückt, umso mehr schaue ich zurück. Jeden Tag passierte etwas Unerwartetes und ich musste mich immer neu darauf einstellen. Aber ich habe es mit Freude getan“, so Andreas Prokop (65). Deshalb würden ihm einige Leute, die ihn gut kennen, nicht so richtig abnehmen, dass er sich auf seine Zeit als Rentner freut. Doch da gebe es viele Hobbys, denen er nun endlich mit einem größeren Zeitvolumen nachgehen könne. So ist der Wahl-Döbelner Modell- und Gartenbahnfan und Mitglied des Döbelner Pferdebahnvereins. „Außerdem habe ich ganz viele Bücher, die ich erstmalig oder noch einmal lesen will“, so Prokop. Er liebe den Harz und das nicht nur wegen der Schmalspurbahn, sondern wegen des Klimas und der Natur. Deshalb haben er und seine Frau im Harz ein Feriendomizil. „Bald können wir auch kurzentschlossen dorthin fahren“, sagte Andreas Prokop. Er hat mehrere Enkel im Alter von eineinhalb bis 23 Jahren und im August werde er Ur-Opa.

„Ich freue mich auch auf den Ruhestand, weil ich Realist bin. Ich erlebe die Wirklichkeit fast täglich bei einem Teil meiner Arbeit, bei der Leichenschau im Krematorium“, sagte Anderas Prokop. Er wisse, dass er nicht mehr in Zeitabschnitten von 20 Jahren denken könne. „Dass ich meine Zeit noch nutzen kann, gibt mir ein gutes Gefühl“, sagte der Mediziner.

Das Tollste, was er während seiner Amtszeit erlebt habe, sei die Solidarität gewesen, die es nach dem Hochwasser im Jahr 2002 gab. „Ich habe jede Menge Anrufe von Leuten entgegengenommen, die helfen wollten. Es war toll, diese Solidarität zu spüren. Für mich war es eine beeindruckende Zeit“, so Andreas Prokop. Er selbst habe damals sehr wenig geschlafen.

Inzwischen hat er sich aus dem operativen Geschäft herausgenommen und räumt zurzeit sein Büro aus. Wichtig war für Prokop immer, dass es in allen ehemaligen Kreisstädten Dienststellen des Gesundheitsamtes gibt. „Wir arbeiten mit Menschen aus der Region, auch mit sozial schwachen und hilfesuchenden Bürgern. Da muss die Flächenversorgung aufrechterhalten werden.“

Im Rahmen der Bürgermeisterberatung verabschiedete Landrat Matthias Damm Dr. Andreas Prokop. „Er ist eine bedeutende Instanz des öffentlichen Gesundheitswesens in Sachsen. Mit seiner Kompetenz, Engagement und Beharrlichkeit hat er viel bewegt und war in vielen Phasen ein wichtiger Ansprechpartner für die Kommunen und die Bevölkerung“, erklärte Damm. Als Beispiele nannte er unter anderem die Hochwasserkatastrophen oder die hohe Zahl an Brech-Durchfallerkrankungen durch kontaminierte Erdbeeren. Claudia Hofmann ist Nachfolgerin von Andreas Prokop.