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Vom langen Weg einer syrischen Familie

Aus dem zerbombten Damaskus flüchtet Issa Agana nach Deutschland. Nieder Seifersdorfer helfen ihm, Fuß zu fassen.

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© SZ/Steffen Gerhardt

Von Steffen Gerhardt

Nieder Seifersdorf. Die Hobby-Werkstatt von Reinhard Müller in Nieder Seifersdorf ist für Issa Agana inzwischen sein zweites Zuhause. Morgens steigt er in den Keller hinab und auch abends brennt Licht, wenn er mit dem Schnitzmesser noch hantiert. Denn Issa Agana ist von Beruf Holzkünstler. Das ist nichts Ungewöhnliches, aber wie er in die Werkstatt von Müllers kommt, das schon.

Der junge Mann ist Syrer und seine Heimatstadt heißt Damaskus. Dort lebt er zusammen mit seiner Familie, den Eltern und acht weiteren Geschwistern. Seine Schnitzkünste und Chauffeurdienste sorgen für den Unterhalt der Familie, denn die Touristen kauften gern seine hölzernen Produkte. Aber auch für Möbelhersteller schnitzt er Ornamente, Knaufe und Zierleisten. Das geht solange gut, bis der Krieg Damaskus erreicht. „Ich verlor mein Haus, Werkstatt und Auto, alles war zerbombt. Noch größer ist der Schmerz über den Tod meiner Schwester, ihren Mann und zwei ihrer vier Kinder“, lässt er ins Deutsche übersetzen.

Darauf hin fliehen er, seine Frau Hanna, die als Lehrerin tätig war, und die vier Kinder nach Jordanien. Viel bleibt ihnen nicht zum Mitnehmen, dafür haben sie großes Glück. Die Zelte der Flüchtlingscamps bleiben ihnen erspart. Ein Jordanier nimmt sie in sein Haus nahe der Hauptstadt Amman auf. Dort kommt ihr fünftes Kind zur Welt: Ein Junge, der jetzt zwei Jahre alt ist. Aber Issa Agana zieht es weiter, nach Europa, nach Deutschland, um seiner Familie Sicherheit, Arbeit und eine Wohnung zu bieten. Mit weiteren Flüchtlingen nimmt er vor eineinhalb Jahren den gefährlichen Weg auf sich: Von Jordanien in die Türkei, mit dem Boot nach Griechenland und schließlich über die Balkanroute nach Österreich, um schließlich Deutschland zu erreichen. Zu einer Zeit, als noch alles offen ist.

Erste Station für den Syrier ist das Erstaufnahmelager in Chemnitz, von dort geht es in die Flüchtlingsunterkunft in der Nieskyer Klenke-Straße. Dort wartet Issa Agana auf die Anerkennung seines Asylantrages. Im Mai dieses Jahres hält er die Bestätigung in der Hand. „Es ist eine große Freude für mich, drei Jahre in Deutschland bleiben zu dürfen.“ An dieser Freude lässt er per Handy seine Familie teilhaben. Denn mit dem Bleiberecht kann Issa Agana seine Familie nach Deutschland holen und sich eine Arbeit suchen. Zugleich ist er fortan auf sich allein gestellt. Und hier kommt das Pfarrerehepaar Müller ins Spiel. Über das Willkommensbündnis Niesky lernen Müllers Issa Agana kennen und erfahren von seinem Schicksal. Sie wissen auch, dass mit der Genehmigung des Asylantrages jeder Flüchtling sich selbst überlassen ist, wenn sich nicht Menschen um ihn kümmern, so wie Katrin und Reinhard Müller.

Issa Agana hat inzwischen eine Einraumwohnung in Niesky bezogen und lebt als Hartz-IV-Empfänger. Dieser Lebensunterhalt steht jedem genehmigten Asylbewerber in Deutschland laut Gesetz zu. Zusammen mit ihm kämpfen Müllers um die Ausreise seiner Frau und der Kinder aus Jordanien. Zweieinhalb Monate ziehen sich die Formalitäten hin, bis der Flieger mit ihnen am 13. November in Berlin landet. Nach eineinhalb Jahren kann Issa Agana seine Frau und Kinder in die Arme schließen. „Das Video, dass seine Landsleute auf dem Flughafen aufnahmen, rührt uns immer noch zu Tränen“, erzählt Katrin Müller. Und auch davon, dass ihn sein jüngster Sohn nicht erkannt hat, weil sein Vater kurz nach der Geburt nach Europa aufgebrochen war.

„Doch nun müssen wir ein weiteres Problem lösen. Die Nieskyer Wohnung ist für sieben Leute zu klein“, berichtet Reinhard Müller. Also gehen sie auf Wohnungssuche. Doch bis eine gefunden und von den Behörden genehmigt ist, wo soll die Familie wohnen? Also entschließen sich Müllers, dass Aganas in ihre Ferienwohnung auf dem Gehöft in Nieder Seifersdorf einziehen. Katrin Müller spricht von einer guten Beziehung zu ihren Mitbewohnern: „Die Mahlzeiten nehmen wir gemeinsam ein und auch das Tischgebet sprechen wir zusammen. Mit dem Kochen wechsel ich mich mit Issas Frau ab. So gibt es mal deutsche und mal arabische Küche bei uns.“

Reinhard Müller hat inzwischen seine Werkstatt mit Werkzeug für die Holzbearbeitung aufgerüstet und Issa Agana ist ihm sehr dankbar dafür, dass er etwas arbeiten kann. Als Dank hat er nicht nur Müllers eine seiner Holzskulpturen geschenkt. Denn Müllers haben mit ihm endlich eine Vierraum-Wohnung in Görlitz gefunden. Dort wollen Aganas noch vor Weihnachten einziehen. Ihr Umzug hat bereits begonnen.