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Vom Maschinenbau zum Unterricht

Seit August unterstützen 19 Hochschulabsolventen Kinder an sächsischen Brennpunktschulen. Ein Besuch.

Erik (l.) hat den Umgang mit dem Bohrer in der AG Holz an der 128. Oberschule in Dresden gelernt. Die AG leitet Tobias Schilde (r.), der Maschinenbau studiert hat und seit Beginn des Schuljahres an der Oberschule Teach-First-Fellow ist.
Erik (l.) hat den Umgang mit dem Bohrer in der AG Holz an der 128. Oberschule in Dresden gelernt. Die AG leitet Tobias Schilde (r.), der Maschinenbau studiert hat und seit Beginn des Schuljahres an der Oberschule Teach-First-Fellow ist. © Thomas Kretschel

Erik ist am Bohrer schon ein richtiger Profi. Der Fünftklässler erklärt seinen Klassenkameraden zuerst die Sicherheitsvorkehrungen: die richtige Höhe einstellen, Brille aufsetzen, keine Handschuhe, die Ärmel hochkrempeln. Gelernt hat Erik das in der AG kreative Holzgestaltung – ein Projekt von Tobias Schilde. Der 29-Jährige ist eigentlich diplomierter Maschinenbauer. Er arbeitet seit zwei Monaten an der 128. Oberschule in Dresden als Fellow der gemeinnützigen Bildungsorganisation Teach First (deutsch: unterrichte zuerst).

„Ich habe gemerkt, dass meine Talente nicht nur beim Maschinenbau liegen“, sagt Schilde. Schon während des Studiums hat er Schülern Nachhilfe gegeben. Nun ist er einer von 19 Fellows, die seit diesem Schuljahr an Grund- und Oberschulen in und um Dresden und Chemnitz tätig sind. Die Idee ist, erfolgreiche Universitätsabsolventen als Aushilfslehrer und im Ganztagsbereich an Brennpunktschulen zu schicken. Die Fellows unterstützen Schüler aus schwierigen sozialen Umfeldern. Dabei geht es etwa um Schulen, die viele Kinder mit Migrationshintergrund, Förderbedarf oder aus sozial schwachen Familien unterrichten. Das Programm ist begehrt, deutschlandweit gab es 2018 über 700 Bewerbungen. Die nächsten Fellows starten im Januar an weiteren Schulen in Dresden, Chemnitz und Leipzig. Das Kultusministerium fördert sie mit 2,7 Millionen Euro im Jahr.

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Tobias Schilde arbeitet mit den beiden fünften Klassen der Oberschule, 20 Schüler stehen besonders im Fokus – sie lernen Deutsch als Zweitsprache oder haben Lerndefizite. „Aber ich bin natürlich auch ein Ansprechpartner für alle anderen.“ Sein Ziel ist es, den Übergang von der Grund- an die Oberschule zu erleichtern. „Ich gucke, welcher Schüler Orientierung und Hilfe braucht und unterstütze die Lehrer“, sagt Schilde. In Deutsch als Zweitsprache nimmt er die Kinder bei Bedarf auch aus der Klasse und unterrichtet sie einzeln, in Biologie bereitet er gleichberechtigt mit dem Lehrer den Unterricht vor.

Insgesamt ist Schilde 21 Stunden pro Woche in den Klassen. Dazu kommen noch drei Stunden für seine beiden Arbeitsgemeinschaften. Neben Holzgestaltung lernen die Oberschüler bei ihm auch Tai-Chi und Achtsamkeit. „Das habe ich mitgebracht“, sagt Schilde. „Ich denke, das brauchen viele Schüler. Manche blühen da voll auf, andere bekomme ich auch so nicht eingefangen.“

Für Schulleiter Thomas Lorenz ist der 29-Jährige ein Gewinn. „Er kniet sich rein und kümmert sich um die Kinder mit Migrationshintergrund.“ 300 Schüler hat die 128. Oberschule, sie kommen aus allen Schichten. Da sei das Schulleben sehr vielfältig und abwechslungsreich. Unterstützung bekommen die Lehrer auch von Praxisberater, Schulsozialarbeiter und Inklusionsassistent. „Man muss sich kümmern“, sagt Lorenz. Beim Teach-First-Programm hatte er gleich zwei Fellows beantragt. Skeptisch, ob sie in die Schule passen, war er nicht. „Erst einmal gehen wir grundsätzlich vom Positiven aus.“ Die Schule sei offen und arbeite gern mit Außenstehenden zusammen. „Das Leben ist mehr als Schule.“ Außerdem habe es Vorteile, dass nicht alle Erwachsenen Lehrer sind. „Wenn Lehrer und Externe das Gleiche sagen, denken die Kinder auch mal darüber nach, dass es vielleicht stimmen könnte.“

Bevor er als Fellow an der Dresdner Oberschule anfing, hatte Tobias Schilde ganz andere Vorstellungen von Schule. „Es war klar, dass es eine Herausforderung wird“, sagt er. „Und auch manchmal anstrengend.“ Vor allem, wenn die Schüler abgeschaltet haben. „Dann ist es unheimlich schwer, sie zurückzugewinnen.“ Der gebürtige Hoyerswerdaer ist engagiert, freundlich, interessiert. Man merkt, dass ihm die Kinder wichtig sind. „Es macht einen Unterschied, mit welcher Haltung ich ihnen begegne.“

Eigentlich sollen die Fellows nach den zwei Jahren ihre Karrieren in ihren ursprünglichen Berufen fortsetzen und von dort aus ihre Schüler unterstützen. Für Tobias Schilde kommt das nicht infrage. „Ich würde gern weiter in der Schule arbeiten“, sagt er. „Aber definitiv nicht als Lehrer.“ Er plädiert für mehr Verantwortung und Selbstbestimmung. „Die Schüler sollten entscheiden können, was sie wollen und was ihnen wichtig ist.“ Das sei im sächsischen Schulsystem nur selten möglich.

Er will weg von klassischem Frontalunterricht zu mehr freiem Lernen. An der Wand über dem Schreibtisch in seinem Büro im Erdgeschoss hängen viele pinke Klebezettel. „Gesundes Essen“ steht auf einem, „Umgang miteinander“, „Schülerrat mit Wirkung“ und „Streitschlichter?“ auf anderen. „Ja, ich habe viel vor“, sagt Schilde mit einem Lachen. „Als ich hier ankam, habe ich aber gemerkt, dass ich mich erst einmal auf die Schüler und das, was sie wollen, konzentrieren muss.“ Für die anderen Projekte habe er ja noch Zeit.

Und so schafft er die Freiräume eben in seinen Klassen. In der AG Holz bietet er einen Maschinenschein an. Die Kinder lernen, wie man Maschinen verantwortungsvoll und sicher bedient, sie müssen am Ende eine Prüfung ablegen. „Da sind sie alle ganz wild drauf“, erzählt Schilde.