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Vom Mut, sein eigener Chef zu sein

Die Zahl der Gründer geht zurück. Wie es eine Neustädterin trotzdem schaffen will.

© Meinig

Von Sarah Herrmann

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Schmökern und Geschenke

Ins Haus des Buches kommt der Engel sogar am Sonntag.

Mit dem schönsten Tag des Lebens fing alles an. Nicht dem eigenen, sondern dem von Freunden. Bei deren Hochzeit half Angela Pannier bei der Tischdekoration. Die Neustädterin bedruckte Papiertüten mit den Gesichtern des Paars. Als Vorlage benutzte sie ein Foto. Die Tüten kamen an. Die Idee von der Selbstständigkeit war geboren. Seitdem vertreibt die 37-Jährige ihre Produkte übers Internet. Zur Fototüte sind noch weitere dazugekommen. Nur der Mut, ganz der eigene Chef zu sein, der fehlt der Unternehmerin noch.

20 Stunden die Woche arbeitet Pannier in einem Dresdner Forschungsinstitut. Sie ist studierte Bioverfahrenstechnikerin. „Ich hatte schon immer ein Faible für Bastelei“, erklärt sie ihre Gewerbeanmeldung in einer ganz anderen Branche. „Ich habe aber die Sorge, dass es nicht reicht.“ Zwar läuft das Geschäft bisher gut. Etwa 3 000 Euro Umsatz kann Pannier pro Monat einfahren. Die Produkte, zu denen jetzt unter anderem auch Fotostempel, Einladungskarten oder filigran aus Holz geschnitzte Namen für den Tisch gehören, werden deutschlandweit vertrieben. „Die meisten meiner Kunden kommen aus den alten Bundesländern“, sagt Pannier.

Ob Hochzeiten, Taufen oder Geburten – die persönliche Deko ist beliebt. Auch wenn sie nicht für jeden Geldbeutel erschwinglich sind. Ein Stempel in der Standardgröße kostet 60 Euro. Dennoch plagen Pannier Sorgen, dass die Nachfrage irgendwann vorbei sein könnte. Das dritte Kind ist gerade unterwegs. Noch reiche das Geld nicht, um davon die Familie zu versorgen. Schließlich müssen von dem Umsatz auch die Produktionskosten abgezogen werden. Gelegentlich erhält die Neustädterin auch Unterstützung von Studenten, die ebenfalls bezahlt werden müssen.

Toni Großmann kennt solche Sorgen zu Genüge. Er ist Unternehmensberater und steht monatlich im Schnitt vier neuen Gründern zur Seite. „Ängste sind immer dabei“, sagt er. „Bei der Hälfte der Fälle geht es darum, Geld zu beschaffen.“ Das ist Großmann bislang so gut wie immer gelungen. Generell meint der Berater: „Das Argument, wegen der Finanzen nicht gründen zu wollen, ist in Sachsen nicht haltbar.“ Im Freistaat gebe es zahlreiche verschiedene Programme, um Selbstständige zu unterstützen. Auch seine Arbeit wird gefördert. Teilweise bekommen seine Kunden sogar das ganze Honorar zurück, das sie Großmann zahlen. Dann müssen sie allerdings zunächst in Vorkasse gehen. Wer das nicht kann, bekommt vom Freistaat 80 Prozent der Kosten sofort.

Dennoch geht die Zahl der Gewerbeanmeldungen in Dresden zurück, wie Stadtsprecherin Diana Petters im Auftrag der Gewerbeaufsicht mitteilt. Demnach gab es 2010 noch 7 181 Anmeldungen, 2016 waren es nur noch 5 031 und im vergangenen Jahr wieder fast 600 Anmeldungen weniger. „Dies ist ein Indikator dafür, dass der Arbeitsmarkt derzeit stabil ist“, sagt Petters. „Der Bedarf, ein eigenes Gewerbe zu gründen ist weniger vorhanden, da ein großes Angebot an Arbeitgebern besteht.“ Die meisten Unternehmer gebe es in der Dienstleistungsbranche. Meist sind es Männer zwischen 25 und 50 Jahren, die den Schritt in die Selbstständigkeit wagen. „Das Verhältnis Frauen zu Männern ist ungefähr 1:3“, sagt die Stadtsprecherin.

Dieses Missverhältnis kennt auch der Unternehmenberater Toni Großmann aus seiner alltäglichen Arbeit. Er macht dafür zwei Sachen verantwortlich: Einerseits die unterschiedlichen Interessen von Männern und Frauen. „Ich beobachte unterschiedliche Arten der Gründung“, sagt er. So kämen die meisten Frauen mit dem Wunsch nach einem eigenen Friseursalon, einem Blumenladen oder einem Bastelshop zu ihm. Das rechnet sich nicht immer.

Hin und wieder muss Großmann auch vom Anmelden eines Gewerbes abraten. Denn für das Scheitern seiner Kunden möchte er nicht verantwortlich gemacht werden. Laut Europäischem Zentrum für Wirtschaftsforschung schließen deutschlandweit jährlich rund 100 000 junge Unternehmen. Daneben macht Großmann auch die Biologie verantwortlich. „Dass Frauen mit drei Kindern, wie Frau Pannier, sich selbstständig machen, ist selten“, sagt er. Die lässt sich von ihrem Schwangerschaftsbauch nicht ausbremsen. Nur der Mut, ganz der eigene Chef zu sein, der fehlt der Unternehmerin noch.

Infos zur Gewerbeanmeldung gibt es online unter: www.dresden.de/gewerbe-anmelden.php