merken

Vom Schaf zum Pulli

Handarbeiten ist ein großer Trend. Ina Winkler stellt in Großschweidnitz Garn dafür her. Nicht nur von Schafen.

© www.foto-sampedro.de

Von Romy Altmann-Kühr

Arbeiten in Görlitz

Ob Arbeitsplatz, Ausbildung, Studium, Job für zwischendurch, Freiwilligendienst oder Ehrenamt: In Görlitz gibt es jede Menge gute Jobs!

Die Meute blökt und rennt begeistert auf die junge Frau mit den leuchtend roten Haaren zu. Sie hat einen großen Eimer, randvoll gefüllt mit Äpfeln, dabei. „Die fressen sie liebend gern, damit kann man sie gut locken“, erzählt die junge Frau. Gerade sollen die zehn Schafe von Ina Winkler in Großschweidnitz gelockt werden, um fürs Foto zu posieren. Klappt prima. Schnell ist Ina Winkler umringt von dunklem, hellem und geflecktem Fell.

Die Schafe sind ein Hobby für die 30-Jährige. Ein Hobby, das sie zum Beruf machen will. Damit hat sie bereits begonnen – auch, wenn sie davon noch nicht leben kann, wie sie sagt. Das Geschäftsmodell: Ina Winkler gewinnt die Wolle ihrer Schafe oder nimmt Roh-Wolle an, die andere abgeben. Daraus fertigt sie Garn und Strickwaren. Vom Schaf bis zum Pulli sozusagen nutzt sie den Rohstoff, den die Tiere liefern. Auf die Idee kam sie, als sie merkte, dass die Halter heimischer Schafe für deren Wolle oft gar keine Verwendung haben. „Schafe müssen einmal im Jahr geschoren werden“, erklärt Ina Winkler. Die Wolle wird meist einfach entsorgt. Weiterverarbeitet zu Garn wird sie kaum, weiß Frau Winkler. Die Industrie verwendet zur Herstellung von Strickwaren oft Wolle von Schafen aus Australien oder Neuseeland. „Was man als Garn zu kaufen bekommt, stammt meist aus diesen Ländern“, so Ina Winkler. Der Grund: Allgemein herrscht die Meinung vor, dass die Wolle heimischer Schafe kratzen würde. „Natürlich ist die Wolle aus anderen Regionen feiner“, bestätigt die Großschweidnitzerin. Verwenden könne man die einheimische dennoch. Besonders gut sei zum Beispiel die Wolle von Heidschnucken.

Als Ina Winkler vor drei Jahren aus Braunschweig nach Großschweidnitz zog, hielt sie die Schafe zunächst als natürliche Rasenmäher. Bis sie auf den Umstand aufmerksam wurde, dass viel Wolle entsorgt wird. „Das ist schade drum“, befand sie. Und nahm den Schafhaltern die Wolle ab. Sie brachte sich selbst bei, wie man daraus Garn herstellt. Einzig zum sogenannten Kardieren gibt sie die Wolle an eine Firma, die das professionell erledigt. Beim Kardieren wird die Wolle lange und ausgiebig gekämmt, sodass breite Stränge daraus entstehen. Das kann man mühsam und langwierig mit der Hand machen. Es gibt aber auch Maschinen, erzählt die Schafhalterin. Die sind teuer. Für die Wollmengen, die sie verarbeitet, lohnt die Anschaffung nicht.

Vor dem Kardieren heißt es aber: sortieren und waschen. Denn natürlich ist die Wolle, die frisch vom Schaf kommt, nicht sauber. Beim Waschen kann auch gleich Farbe hinzugegeben werden, falls das Garn nicht weiß, grau, braun sein soll – je nachdem, welche Farbe das Schaf eben hatte. Bekommt Ina Winkler die Wolle vom Kardieren zurück, setzt sie sich ans Spinnrad. Mittlerweile gibt es Spinnräder auch aus Metall oder Kunststoff und mit elektrischem Antrieb. Ina Winkler hat eins aus Holz – und muss es per Fußpedal selbst antreiben. „Das ist reine Übungssache“, sagt sie über das Spinnen. Die handgefertigten Garne verkauft sie im Internet. Manchmal bestellen Kunden aber auch fertige Pullover oder andere Strickwaren, weil sie nicht selbst stricken können oder wollen. Die meisten ihrer Kunden stricken aber selbst. Der Trend, so beobachtet Ina Winkler, geht eindeutig wieder hin zu mehr Handgemachtem. Ein weiterer Trend, den sie entdeckt hat: Garn oder Strickwaren aus der Wolle eigener Haustiere ist gefragt. Tierbesitzer schicken Ina Winkler Unterwolle, die sie Hund oder Katze ausgekämmt haben. Auch daraus kann die Großschweidnitzerin Wolle beziehungsweise Garn herstellen. „Die Haare von Hunden und Katzen sind fein, da braucht man für einen Schal schon an die 200 Gramm Wolle.“ Und dafür muss ein Hundebesitzer ziemlich lange bürsten. Zum Vergleich: Drei Kilo Wolle auf einmal sind der Rekord von einem ihrer Schafe. Da werden am Ende vier Durchschnittspullover draus. „Viele Hunde- und Katzenbesitzer sammeln übers Jahr und schicken mir dann die Wolle zu“, so Ina Winkler. Aus den Haaren fast aller Tiere könne man Garn gewinnen. „Nur Pferd geht nicht“, sagt Ina Winkler. Auch dafür hatte sie schon Anfragen. Pferdehaar sei aber zu kurz und glatt.

Bald will die 30-Jährige wieder etwas Neues wagen. Für sich, ihre Tiere und die Nachbarin, die mit im Haus wohnt, sucht sie derzeit eine neue Bleibe. Nach Querelen mit dem Hausbesitzer, der inzwischen verstorben ist, will sie gern umziehen. Das Haus ist in keinem guten Zustand. Am liebsten wäre Ina Winkler ein Hof mit kleinem Wohnhaus, wo sie genügend Weidefläche für ihre Tiere hat. In der Oberlausitz will sie auf jeden Fall bleiben. „Hier gefällt es mir und ich habe mir Kontakte aufgebaut für mein kleines Unternehmen.“

www.muehlezumlamm.de