merken

Vom Stahlwerk an den Gardasee

Feralpi hat 10 Lehrlinge nach Italien geschickt. Dort ist man in einem Punkt neidisch auf Riesa.

Von Christoph Scharf

Sächsische.de zum Hören!

Zu Hause, unterwegs, in der Pause – Sächsische.de kann man nicht nur lesen, sondern auch immer und überall hören. Hier befinden sich unsere Podcasts.

Es dröhnt in den Ohren. Funken sprühen. Es ist heiß. Der Arbeitsplatz am Pfannenofen ist nichts für Schlipsträger. Christopher Abel aber fühlt sich hier wohl – auch wenn er im Sommer wegen der Hitze vier bis sechs Liter Wasser pro Schicht trinkt. Seit vier Jahren lernt der Riesaer im Stahlwerk, wo schon sein Vater arbeitet. Seine Aufgabe ist es, die chemische Zusammensetzung des flüssigen Stahls zu analysieren und Zusatzstoffe hinein zu mischen. Jetzt hat der 18-Jährige seine erste große Dienstreise hinter sich gebracht. „Zwei Wochen lang waren wir in Lonato“, sagt der angehende Verfahrensmechaniker. Zusammen mit neun weiteren Lehrlingen besuchte Abel den Firmensitz der Feralpi-Gruppe, zu der das Riesaer Werk gehört.

Verstecken mussten sich die Sachsen bei ihrer Visite nicht: In Riesa arbeiten mit gut 600 Menschen deutlich mehr Beschäftigte im Stahl- und im Drahtwerk als im Pendant von Lonato – wobei dort die nächsten Werke nicht weit entfernt sind. Vor allem aber kann man in Riesa auch in puncto Technologie gut mit Italien mithalten. „Unsere hochmoderne Entstaubungsanlage etwa macht in Italien Eindruck“, sagt Kai Holzmüller. Der Personalchef von Feralpi in Riesa hat die Lehrlinge einige Tage lang in Lonato begleitet. Dabei habe man gemerkt, dass die beiden Standorte bei den Technologien miteinander wetteifern: Mal werde in Italien eine Innovation eingeführt, mal in Riesa. Dann ziehe der andere nach. „Wenn etwas Neues in Betrieb gegangen ist, gibt es regelmäßig einen Austausch“, sagt Holzmüller. So seien jetzt drei Kollegen von den Drahtwerken in Italien.

Aber was macht ein Lehrling wie Christopher Abel am italienischen Firmensitz? Interkulturelle Kompetenz heißt das Zauberwort: Deshalb hat die EU mit dem Erasmus-Programm die Fahrt finanziert. Den Anstoß dazu hatte Michael Hampsch gegeben, der Chef des Beruflichen Schulzentrums an der Paul-Greifzu-Straße. Dort lernt nicht nur der Stahlwerks-Nachwuchs von Feralpi, sondern auch aus Gröditz und Freital. „Wir haben sogar Azubis aus Berlin bei uns, weil die Schulklassen dort alle voll sind“, sagt der 18-Jährige.

Die sechs angehenden Industriemechaniker und die vier Verfahrensmechaniker-Lehrlinge aus Riesa machten sich in zwei Kleinbussen auf die neun Stunden dauernde Fahrt nach Norditalien. Dort bezogen sie ein von der EU bezahltes Hotel und schauten sich täglich von 8 bis 17 Uhr die Arbeit der Kollegen an – im Stahlwerk, in den Walzwerken, in der Instandhaltung, der Drahtverarbeitung. Gemeinsam mit italienischen Schlossern nahmen die Sachsen eine Maschine auseinander und baute in der Werkstatt Elemente aus und ein. Selbst das Freizeitprogramm am Wochenende hatte mit der eigenen Sparte zu tun: In einem Eisenmuseum konnten die Lehrlinge zuschauen, wie schon vor Jahrhunderten mit Wasserkraft heißes Eisen gehämmert und zu Schaufelblättern verarbeitet wurde. Der Austausch lief teils auf Englisch, teils können die Italiener auch etwas Deutsch.

Und wie sind nun die Unterschiede? Wie steht es etwa um die sprichwörtliche deutsche Pünktlichkeit in einem italienischen Stahlwerk? „Da war kein Unterschied zu bemerken“, sagt der 18-Jährige. „Der Schichtwechsel dort lief genauso flüssig ab wie bei uns.“ Auch die Produkte aus Lonato sind im Prinzip dieselben wie aus Riesa. „Allerdings sind die in Italien produzierten Stahlknüppel etwas kleiner als in Riesa“, sagt Abel. Dort produziert man dafür sechs Stränge gleichzeitig – in Riesa nur fünf. Dennoch, das haben die Lehrlinge genau ausgerechnet, ist die produzierte Menge in Riesa größer als in Lonato. Dort hat man zwar den Gardasee vor der Haustür, und auch das Ferrari-Museum in Maranello ist nur anderthalb Autostunden entfernt. Wechseln möchte der Riesaer Lehrling dennoch nicht. „Ja, es ist schön am Gardasee. Aber hier ist es doch auch schön!“