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Bautzen

Vom Zauber der Freundschaft

Im Land des „Zauberers der Smaragdenstadt“ bezwingen Elli und Freunde mit Mut, Herz und Verstand das Böse. Auf Bautzens Bühne werden ihre Abenteuer lebendig.

Vier Freunde auf dem Weg zum „Zauberer der Smaragdenstadt“: In der Inszenierung nach dem Kinderbuch-Klassiker erlebt Elli zusammen mit dem Löwen, dem Holzfäller und der Vogelscheuche allerlei Abenteuer.
Vier Freunde auf dem Weg zum „Zauberer der Smaragdenstadt“: In der Inszenierung nach dem Kinderbuch-Klassiker erlebt Elli zusammen mit dem Löwen, dem Holzfäller und der Vogelscheuche allerlei Abenteuer. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen.  Ihre erste Begegnung ist einfach zauberhaft. Gerade noch stolpert Elli traurig durchs Wunderland, da hört sie eine Stimme. „Kannst Du mal meine Arme und Beine erlösen“, fragt es aus der Ferne des Kornfelds. Einzig eine Vogelscheuche steht dort mittendrin in dem wogenden Meer aus Getreide und schreckt die krächzenden Segler am Himmel. Natürlich geht das Mädchen nicht weiter, sonst wäre es ja kein Märchen. Stattdessen erlöst sie den Strohkopf, der das Sprechen von den Krähen gelernt hat. Seine Befreiung ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft und eines großen Abenteuers im Land des „Zauberers der Smaragdenstadt“. Am Sonntag feiert der Wolkow-Klassiker in Bautzen Premiere.

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Den zwei neuen Freunden bleibt nicht viel Zeit zum Durchatmen. Ellis Leben hat gerade ein Wirbelsturm im wahrsten Sinne des Wortes auf den Kopf gestellt. Das Unheil kündigte sich mit Donnergrollen an, der Fluch der Hexe Gingema folgte: „Ihr verfluchten Menschen, wie ich euch hasse! Ihr habt Erde und Wälder vernichtet! Ich schicke euch einen Sturm, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat“, schallt es noch nach. Der kräftige Fluch schleuderte das Mädchen samt ihres kleinen Hündchens Totoschka aus ihrer Heimat Kansas in ein Paradies voller drolliger Geschöpfe – und mit unzähligen Gefahren. Jetzt ist sie auf dem Weg zum Zauberer Goodwin.

„Kinder sind das ehrlichste Publikum“

Der mächtige Herrscher der Smargadenstadt soll Elli helfen, wieder zu ihren Eltern zurückzukehren. Aber vorher muss sie Wüsten durch- und Berge überqueren. Dunkelheit senkt sich über die Bühne. Der schwarze Wald lässt sogar dem angeblich so mutigen Scheuch, der sich so sehr ein Gehirn wünscht, die strohigen Knie schlottern. Angst hat er eigentlich nur vor einem Streichholz – eigentlich, wie gesagt. Richard Koppermann spielt den treuen Gefährten. In der Rolle der Elli feiert Maja Adler ihr Debüt am Bautzener Theater. Die Absolventin der Schauspielschule in Mainz freut sich auf die Inszenierung. „Kinder sind das ehrlichste Publikum“, sagt sie.

Die 25-Jährige hat in Vorbereitung auf das Märchen den Kinderbuchklassiker gelesen – wie viele ihrer Kollegen, die Wiesbadenerin allerdings zum ersten Mal. Zum ersten Mal hört die Schauspielerin auch von der Stadt Bautzen, als sie im April zum Vorsprechen an das hiesige Theater eingeladen wird. „Danach ging es ganz schnell mit dem Engagement“, sagt sie. Nach dem Märchen wird sie unter anderem in „Nathan der Weise“ zu erleben sein. Nun aber muss Maja Adler als Elli erst einmal allen Mut auf der Bühne zusammennehmen, denn die zwei Freunde entdecken unter den Bäumen einen eisernen, verstummten und traurig blickenden Holzfäller.

Ein Regen hat den Emsigen erst überrascht und dann rosten lassen. Mit ein paar Tropfen Öl bringen die zwei Abenteurer den eisernen Mann wieder in Gang. Gast-Schauspieler Marcus Weickert ist als quietschender Draufgänger ohne Herz zu erleben. „Ich bin eine gefühllose Maschine. Was nützt der Verstand, wenn man nicht weiß, was Liebe ist“, hadert der Eisenmann. Nummer vier im neuen Freundesquartett wird der Löwe. Der König des Waldes hat allerdings Angst vor den kleinsten Kleinigkeiten. „Für ein bisschen Mut würde ich alles tun, fast alles tun, fast gar nichts tun“, gibt sich die furchtsame Mähne ganz kleinspurig. Jurij Schiemann spielt den „Versagerlöwen“.

Märchen schon in der Grundschule gelesen

Mit ein bisschen Überredungskunst schließt sich auch der Angsthase den anderen Reisenden an, damit ihm Goodwin seinen Wunsch nach Mut erfüllt. „Das Schöne an dieser Geschichte ist, dass die vier über ihre Ängste und Sehnsüchte sprechen. Sie geben ihre Schwächen zu, und daraus wird eine Stärke“, sagt Regisseur Stefan Wolfram. Wie viele andere aus dem Bautzener Theaterensemble hat er schon in der Grundschule das Märchen gelesen. Es stammt aus der Feder von Alexander Wolkow (1891 bis 1977), der ist studierter Mathematiker und geht 1917 erste literarische Schritte. Zu Beginn der 1930er Jahre beginnt er, sich mit Englisch zu beschäftigen und Literatur in seine Muttersprache zu übersetzen.

Bei diesen Recherchen stößt Wolkow auf die Geschichte „The Wizard of Oz“ (Der Zauberer von Oz“) des Amerikaners Lyman Frank Baum. Schon während des Übersetzens lässt er seiner Fantasie freien Lauf und schreibt neue Episoden. So macht der Russe zum Beispiel aus dem Waisenkind Dorothy seine Elli mit Mutter und Vater. Den blechernen Holzfäller verwandelt er in einen eisernen Holzfäller. Schließlich weiß der Naturwissenschaftler, dass Blech nicht rosten kann. Seine Wunderland-Version erscheint erstmals 1939. Die überarbeitet er 20 Jahre später für eine Neuausgabe, Illustrator Leonid Wladimirski schafft dazu wunderbare Zeichnungen, die bis heute bekannt sind.

Kinderbuchreihe war Bückware

Diese Version avanciert zum Bestseller in den osteuropäischen Ländern und in der DDR. Aufgrund des Erfolgs schreibt Alexander Wolkow noch fünf Zauberland-Fortsetzungen. Die Kinderbuchreihe gehört in den Buchläden zur Bückware. In Bibliotheken müssen sich die jungen Leser anmelden, damit sie das Buch ausleihen können. „Viele Kollegen sagen, wir spielen jetzt das, was wir uns in der Kindheit vorgestellt haben. Es macht allen unheimlichen Spaß, an solchen Figuren zu arbeiten – mit ganz viel kindlicher Freude“, sagt Stefan Wolfram. Einer dieser Schauspieler ist Torsten Schlosser. Er wollte als Kind am liebsten immer der sympathische Scheuch sein. In der Bautzener Inszenierung ist er nun weniger der Sympathieträger, zumindest in den Augen von Elli und ihren Freunden.

Das Stück mit viel Musik „über Mut, Freundschaft, das Vertrauen in sich selbst und das Anderssein“ nimmt indes auf der Bühne seinen Lauf. Immer wieder stehen die Freunde füreinander ein, auch wenn sie dafür über ihren Schatten springen müssen. Denn wer legt sich zum Beispiel schon gern mit Menschenfressern an? Auf eine große Probe stellt dann Zauberer Goodwin ihre Freundschaft. Der Mächtige erfüllt keine Wünsche ohne Gegenleistung. Er schickt das Quartett ins Land der Zwinkerer. Die vier sollen es von der Herrschaft der bösen Hexe Bastinda befreien. „Wir gehen alle oder keiner“, beschließen sie. Die Freunde wissen, wenn sie sich gemeinsam gegen das Böse stellen, können ihre Wünsche Wirklichkeit im Wunderland werden.

28 Vorstellungen bis Jahresende

Jene wunderbare Welt voller Poesie lässt das Bautzener Theater nach der Premiere bis zum Jahresende in 28 Vorstellungen entstehen. Auf ihrer abenteuerlichen Reise schickt Ausstatterin Katharina Lorenz die vier Freunde durch wogendes Korn, dunkle Wälder und Mohnfelder mit wippenden roten Blüten. Auch im Fantasia-Land Käuer sowie im Land der Zwinkerer macht das tapfere Vierer-Gespann einen mehr oder weniger gewollten Zwischenstopp. Zu den märchenhaften Kostümen und knapp 30 Perücken gibt es zudem viel Theaterzauber aus den Werkstätten. „Wir lassen Hexen und sprechende Zauberbücher verschwinden. Wir erzählen ein richtiges Roadmovie. Bekanntlich gibt es für Märchen keine Altersgrenzen“, sagt Regisseur Stefan Wolfram.

Genauso bekannt ist, dass im Wunderland neben Hexen immer und vor allem, wenn man nicht mehr daran glaubt, gute Feen auftauchen. Im Land des „Zauberers der Smaragdenstadt“ hat Zauberin Stella ganz in Rosa für die vier Freunde noch ein Ass im Ärmel. Und so endet für Elli, den schlauen Scheuch, den beherzten Holzfäller und den mutigen Löwen dieses Abenteuer wie so viele andere Märchen: Ende gut, alles gut.

Premiere am 13. Oktober, 17 Uhr, im großen Haus, weitere Termine: 16. Oktober, 10 Uhr, und 16. Oktober, 17 Uhr. Karten unter www.theater-bautzen.de

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