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Von den Brettern aufs Rad

Als Skispringer war Primoz Roglic sehr erfolgreich. Nach einem Sturz sattelte der Slowene um und fährt nun bei der Tour de France um den Gesamtsieg mit.

© Kim Luudbrook/REX/Shutterstock

Von Christoph Leuchtenberg und Emanuel Reinke

Dass er das mit dem Bergauf womöglich weitaus besser beherrscht als das mit dem Bergab, musste Primoz Roglic schmerzhaft am eigenen Leib erfahren. Im März 2007 war das, lange bevor der Slowene nun die Tour de France aufmischt. In seinem ersten Sportlerleben als Skispringer verwehte eine Windböe den frischgebackenen Junioren-Weltmeister beim Training zum Weltcup-Fliegen in Planica, er landete unkontrolliert im Hang.

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Für leidenschaftliche Sportler gilt: Es gibt kein schlechtes Wetter und auch nicht zu wenig Licht, nur falsche Kleidung.

Wie durch ein Wunder überstand der 17-Jährige dies ohne schwere Verletzungen, jedoch verlor Roglic danach den Anschluss an die Spitze. „Ich wollte der beste Skispringer der Welt werden, der Traum hat sich nicht erfüllt. Deshalb habe ich umgedacht und etwas anderes gemacht“, erzählt Roglic. Vor sechs Jahren begann er mit dem Radsport, vor fünf wurde er Profi – und mittlerweile hat er es auf dem zweiten Bildungsweg zu einem der Weltbesten seines Fachs gebracht.

Nach einer Karriere wie aus dem Märchenbuch ist der 28-Jährige nun Vierter der Tour-Gesamtwertung und damit erster Verfolger des Führungstrios Geraint Thomas, Chris Froome und Tom Dumoulin. Dass es sein Jahr werden könnte, hatte Roglic bereits als Sieger der Baskenland-Rundfahrt und der Tour de Romandie angedeutet. Dennoch müssen sich selbst die Verantwortlichen seines LottoNL-Teams regelmäßig kneifen. „Sein Weg als Radsportler ist phänomenal“, erklärt der Sportliche Leiter Merijn Zeeman: „Für uns ist es traumhaft zu sehen, wie er sich entwickelt.“

Wenn Roglic den Wechsel von den Brettern auf die Reifen schildert, klingt es hingegen wie das Normalste auf der Welt. „Nachdem ich mit dem Skispringen aufgehört hatte, habe ich Duathlons, eine Kombination aus Laufen und Radfahren, bestritten. Im Ausdauersport war ich immer gut, bin aber vornehmlich gelaufen.“ Ein eigenes Rad besaß er nicht einmal. „Das habe ich mir von meinem Nachbarn geliehen. Es war kein Renn-, sondern ein normales Straßenrad. Im Wettkampf war das fürchterlich.“ Also ging Roglic in ein Fachgeschäft und legte richtig los. So einfach.

So einfach? Fachleute sehen die Entwicklung des Slowenen als bemerkenswert, aber nachvollziehbar an. „Wenn die körperlichen Grundlagen stimmen, braucht es ein, zwei Jahre, um die Techniken zu lernen“, sagt Jean-Jacques Henry, Trainer am World Cycling Centre des Rad-Weltverbandes UCI in der Schweiz: „Das Glück von Roglic war, dass er als Slowene selbst mit 22 Jahren noch ein kleines Profiteam finden konnte. In Frankreich, Spanien oder Italien wäre das viel komplizierter gewesen.“

Und auch Roglic sieht seinen Umstieg nicht als Weltsensation an. „Ich konnte vieles vom Skispringen mitnehmen, Koordination oder Flexibilität – ich probiere, alles Gelernte von damals heute zu nutzen. Es ist alles sehr schnell gegangen, aber ich versuche, keine Lernschritte auszulassen.“

Dabei ist Roglic bereits sehr weit, stark im Anstieg wie im Zeitfahren, ein perfekter Rundfahrer in spe. Schon bei der laufenden Tour ist bei gut zweieinhalb Minuten Rückstand auf Gelb vor den Pyrenäen ein ganz großer Coup nicht unmöglich. Dazu muss der Skispringer von einst aber diesmal die Berge hinauffliegen. (sid)