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Von den Nazis um Gold betrogen

Die Jüdin Gretel Bergmann galt 1936 als beste Hochspringerin der Welt, durfte aber nicht bei Olympia in Berlin starten. Sie feiert morgen 100. Geburtstag.

© dpa

Von Kristof Stühm

Noch immer bewahrt sie den Brief in ihrem Schreibtisch auf. Ein Dokument, das vor 28.392 Tagen ihr Leben in ein Davor und ein Danach unterteilte. „Frl. Gretel Bergmann“, schrieb ihr Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten am 16. Juli 1936 und erklärte der damals besten Hochspringerin der Welt, dass sie, die Jüdin, für Deutschland nicht an den Olympischen Sommerspielen in Berlin teilnehme.

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„Sie haben aufgrund der zuletzt gezeigten Leistungen wohl nicht mit einer Aufstellung gerechnet.“ Kurz zuvor hatte Bergmann den deutschen Rekord auf 1,60 Meter gesteigert. „Heil Hitler!“, endet das Schreiben. Morgen wird Bergmann 100.

„Alles hätten sie mir sagen können, aber nicht, dass ich nicht gut genug sei. Ich war besser als die meisten anderen“, sagt Bergmann, die 1937 mit vier Dollar in der Tasche in die USA auswanderte und so den Holocaust überlebte: „Das hat mich sehr wütend gemacht. Ich hätte die Bande umbringen mögen.“ Es gelang ihr, ihren späteren Ehemann Bruno Lambert und auch ihre Familie rechtzeitig aus Nazi-Deutschland herauszuholen: „Ich kann nicht sagen, dass Gott gut zu mir war, denn ich glaube nicht mehr an ihn, seitdem über sechs Millionen Juden im Zweiten Weltkrieg ermordet wurden.“

Die Tochter eines Unternehmers träumte von Gold: „Ich wollte den Deutschen und der Welt beweisen, dass Juden nicht diese schrecklichen Menschen waren, nicht so fett, hässlich, widerlich, wie sie uns darstellten. Ich wollte zeigen, dass ein jüdisches Mädchen die Deutschen besiegen kann.“ Aber das durfte sie nicht.

Bergmann kam am 12. April 1914 in Laupheim zur Welt und hieß eigentlich Margaret. Sie war groß, schlank, sportlich und hatte lange Beine – beste Voraussetzungen für eine Hochspringerin. Nach der Machtübernahme der Nazis wurde sie in einem Akt vorauseilenden Gehorsams aus ihrem Klub FV Ulm geworfen. Bergmann ging zum Studium nach Großbritannien: „Die Nazis zwangen mich aber, wieder zurückzukommen, da die US-Amerikaner forderten, dass deutsche Juden bei Olympia starten müssen, ansonsten würden sie die Sommerspiele boykottieren. So wurde ich zum Lockvogel.“ Am 15. Juli 1936 bestiegen die US-Amerikaner das Schiff nach Deutschland. Am nächsten Tag ging der Brief an Bergmann in die Post.

Gold holte die Ungarin Ibolya Csak – mit 1,60 Meter. „Eine Jüdin“, sagt Bergmann. Für Deutschland sprang Dora Ratjen – in Wahrheit ein Mann – auf Platz vier. Gut 60 Jahre weigerte sich Bergmann, deutschen Boden zu betreten. Erst 1999 reiste sie in ihre Heimatstadt, die ihr zu Ehren ein Stadion nach ihr benannte.

Heute lebt Bergmann in New York. Gut 75 Jahre war sie mit Bruno Lambert verheiratet. Vor einem halben Jahr starb er mit 103 Jahren: „Er fehlt mir so sehr. Manchmal wache ich nachts auf, um ihm zu sagen, dass er nicht so schnarchen soll. Leider ist es immer nur ein Traum.“ (sid)