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Von der Gartenanlage zum Aufmarschplatz

© Sammlung Holger Naumann

Das Königsufer ist in der NS-Zeit gebaut worden. Vor der Altstadtkulisse fanden dort Kundgebungen statt. Was bedeutet das für die geplante Neugestaltung?

Von Ralf Hübner

Das Königsufer zwischen Finanzministerium und dem Hotel Bellevue sowie der Neustädter Markt sollen neu gestaltet werden. Bei so sensiblen Orten in der Innenstadt sind heiße Diskussionen programmiert. Im April soll es eine Vorbesprechung des Preigerichtes geben, dann werden Büros und Arbeitsgemeinschaften um Vorschläge gebeten. Der Gewinner des Wettbewerbs soll im Februar 2019 feststehen und dessen Konzept als Vorlage für einen späteren Bebauungsplan dienen.

Sicher scheint zunächst nur so viel: Das Narrenhäusel an der Augustusbrücke soll wieder entstehen. Möglicherweise werden auch einige im Zweiten Weltkrieg zerstörte Bürgerhäuser wiederaufgebaut.

Das Königsufer zwischen Rosengarten und Marienbrücke ist vor allem während der Zeit des Nationalsozialismus angelegt worden. Auf dem einstigen Platz für Kundgebungen vor dem Finanzministerium genießen jetzt während des Sommers Cineasten die Filmnächte am Elbufer, geben
Stars Konzerte. Die Anlage gilt dennoch als eine bedeutende städtebaulich-gartengestalterische Leistung der 1930er-Jahren in Dresden.

Mit ersten Planungen war schon lange zuvor begonnen worden. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts war das Gebiet auf der rechten Elbseite städtebaulich noch unsortiert. Von der Altstädter Seite aus gesehen bestimmte ein Gewirr von Häusern, Höfen und Uferanlagen das Bild. Allerdings war es der Stadt gelungen, die Auenlandschaft mit den Elbwiesen bis zum Stadtkern zu bewahren. Als jedoch von 1890 bis 1906 dort repräsentative neue Ministeriumsgebäude im Stil der Neo-Renaissance entstanden, rückte das Gebiet in den Fokus der Stadtplaner. Am Neustädter Ufer sollte zur barocken Silhouette auf der Altstädter Seite des Flusses ein Pendant entstehen. 1910 gab es einen Wettbewerb. Den hatte der damaligen Stadtbaurat Hans Erlwein zwar nicht gewonnen. Dennoch erhielt sein Vorschlag, der breiten Straßen und monumentale Bauten vorsah, den Zuschlag. Doch der Erste Weltkrieg und der Tod Erlweins 1914 bei einem Autounfall machten alle Pläne zunichte.

Erst Anfang der 1930er-Jahre rückte das Areal unter Erlweins Nachfolger Paul Wolf wieder mehr in das öffentliche Interesse. Stadtgartendirektor Heinrich Balke entwarf für das Gebiet eine grüne Landschaft zum Erholen und Ausspannen mit terrassenartigen Freitreppen, Pavillons und Plastiken zwischen Staudenanlagen und Bäumen. Treppenanlagen sollten das ansteigende Terrain kraftvoll in Szene setzen.

Doch abermals blieben die Vorschläge zunächst in der Schublade. Das änderte sich, als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen. NS-Oberbürgermeister Ernst Zörner machte aus dem Projekt eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme und veranlasste die Umgestaltung der Uferzone in einen Landschaftsgarten. Im Herbst 1933 war der erste Spatenstich. Vor dem Rathaus wurde die Verteilung der Arbeitsgeräte an propagandistisch in Szene gesetzt.

Bis 1936 entstand so auf etwa zwei Kilometern Länge am Ufer ein Grünzug. Bei der Gestaltung wurde weitgehend auf die Pläne von Balke zurückgegriffen. Er legte den Rosengarten mit 6 000 Rosenstöcken an mit Beeten, Sandsteinstufen, Ruhebänken und Bäumen an den Wegen, der sich bis heute in jedem Frühjahr in einen Blütentraum verwandelt. Stilkonform gab und gibt es dort auch eine Gaststätte mit Pergola, Vorgarten und Terrasse zur Elbe. Westlich der Albertbrücke zielt der auf einem etwa fünf Meter hohen Sandsteinsockel stehende bronzene Bogenschütze auf einen unsichtbaren Feind. Er ist der Nachguss einer 1902 von Ernst Moritz Geyger geschaffenen Monomentalfigur. Ihm schließt sich ein Staudengarten an, der in den vergangenen Jahren originalgetreu wiederhergestellt wurde.

Eine Attraktion war der Pavillon mit Glockenspiel vor dem Japanischen Palais. Aus den Fenstern heraus verkaufte die Molkerei Pfunds ihre Produkte. Die Parkanlage vor dem Palais orientiert sich in ihrer geometrischen Form an den Barockgärten.

Der Entwurf Balkes war um die NS-typischen Plätze für Aufmärsche und Kundgebungen ergänzt worden. Auch die damaligen Machthaber wussten um den Reiz von Veranstaltungen vor der Altstadtkulisse. So entstand vor dem Finanzministerium jene zur Elbe offene Freilichtbühne – ein „Forum für nationale Kundgebungen“ – mit Sitzreihen und einem steinernen Rednerpult, flankiert von wuchtigen Unterbauten für Fahnenmasten. Neben dem Kopf der Augustusbrücke war ein Ensemble mit einem Ehrenmal für die Opfer des Ersten Weltkrieges und ein gigantisches Mahnmal des „nationalen Aufbruchs“ geplant, das jedoch nie gebaut wurde.

Am 5. Juni 1936 eröffnete der damalige Reichsinnenminister Wilhelm Frick den Rosengarten, von dem die Dresdner so begeistert waren, dass schon an eine Erweiterung gedacht wurde. Ebenfalls 1936 machte das olympische Feuer auch in Dresden Station und wurde am Königsufer präsentiert. Im Zweiten Weltkrieg fiel die Anlage den Bomben zum Opfer. Dann bauten die Dresdner dort zunächst Gemüse an. Erst in den 1950er-Jahren wurde das Areal rekonstruiert. Alte Zeichnungen, Schriftstücke und Fotos wurden zurate gezogen und Mitarbeiter befragt. Jetzt erscheinen vor allem die Gärten wieder im einstigen Gewand.