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Von der Gastwirtschaft zum Kunsthaus

Auch ein Starkoch konnte ein Restaurant in Schellerhau nicht mehr retten. Dann hatten die Einwohner eine Idee.

© Frank Baldauf

Von Mandy Schaks

Altenberg. Manche Schellerhauer konnten sich nur schwer damit abfinden, dass die traditionsreiche Gaststätte „Heimatstuben“ mitten im Ort ihre besten Zeiten hinter sich hat. Schließlich kehrten Generationen hier an der Hauptstraße ein, kamen auf ein Bier oder feierten ihre Familienfeste in dem Haus, das in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts gebaut worden war. Und ein Teil davon, das weiß der Schellerhauer Un-Ruheständler Dietrich Papsch, war von Anfang an Gaststätte, mit oft wechselnden Betreibern. Doch was sollte nun werden?

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Der Keramikzirkel von Schellerhau hat sein Domizil in den Heimatstuben. Seit vielen Jahren treffen sich die Mitglieder montags hier. Ein Teil ihrer Arbeiten wird jetzt ausgestellt.
Der Keramikzirkel von Schellerhau hat sein Domizil in den Heimatstuben. Seit vielen Jahren treffen sich die Mitglieder montags hier. Ein Teil ihrer Arbeiten wird jetzt ausgestellt. © Karl-Ludwig Oberthür
Willi Schönenberger steckt die Kunst im Blut. Der 83-Jährige ist Diplomdesigner und Innenarchitekt. Neben der Jagd ist das Malen seine zweite Leidenschaft.
Willi Schönenberger steckt die Kunst im Blut. Der 83-Jährige ist Diplomdesigner und Innenarchitekt. Neben der Jagd ist das Malen seine zweite Leidenschaft. © Egbert Kamprath
Grafikerin Johanna Schmidt (li.) lebte in Schellerhau (1893-1966).
Grafikerin Johanna Schmidt (li.) lebte in Schellerhau (1893-1966). © Foto: privat

Zuletzt war die Gastwirtschaft mehr zu als offen. Und das auch noch vis-à-vis vom größten Hotel des oberen Osterzgebirges, vom Ahorn Waldhotel. Nicht gerade ein Aushängeschild für einen staatlich anerkannten Erholungsort. Daran vermochte auch der Starkoch und TV-bekannte Restaurant-Retter Christian Rach nicht mehr viel zu ändern, der Ende 2012 in der Not gerufen wurde. Er krempelte den Laden um, verpasste der Gaststätte als „Jägerstube“ ein neues Konzept. Den Niedergang des Lokals konnte er kurzzeitig aufhalten, aber nicht wirklich stoppen.

„Allein seit der Wende gab es zehn Besitzerwechsel“, erinnert sich Papsch. „Nun steht die Gaststätte schon zwei Jahre leer.“ Damit ist auch das kleine Heimatmuseum, das der Heimatverein vor vielen Jahren im Obergeschoss des städtischen Gebäudes eingerichtet hat, nicht mehr für Besucher zugänglich. Die Schellerhauer hofften und hofften, es möge sich wieder ein Gastwirt finden. Doch es tat sich nichts. Papsch wollte dem Dahinsiechen nicht länger zusehen. „Es hat mir unheimlich wehgetan, wie der Eingang verfiel“, sagt er. Und er wollte der Schenke ohne Wirt auch nicht weiter hinterhertrauern, sondern zählte eins und eins zusammen. „Wir haben in Schellerhau immer noch sieben gastronomische Einrichtungen und das bei 400 Einwohnern. Wo gibt es das noch in Deutschland?“

Deshalb schlug er im vergangenen Jahr dem Ortschaftsrat vor, das Museum wieder zu öffnen und die Räume der Gastwirtschaft in eine Galerie, in ein Haus der Kunst, Kultur und Begegnung, zu verwandeln. So etwas fehle dem Ort, wäre noch ein zusätzliches Ziel für die Zehntausenden Urlauber und Ausflügler, die jährlich Schellerhau besuchen. Papsch kennt sich da aus, ist selbst freiberuflich Maler und Grafiker, seine Frau Christa hat Keramikwerkstatt und Brennofen im eigenen Haus. Die Argumente überzeugten Ortschaftsrat und Stadtverwaltung, auch weil Papsch kein Schwätzer ist. Er packt an, organisiert und streckt schon mal Geld vor – in Summe knapp 3 000 Euro –, wenn öffentliche Kassen klamm sind. „Wir kriegen keine Kulturförderung“, sagt er. Die Stadt unterstützte das Vorhaben nach ihren Kräften, ebenso der Heimatverein, Helfer richteten in rund 800 Stunden die Räume her. So können pünktlich zum 475-jährigen Ortsjubiläum, das Mitte Juni gefeiert wird, die Heimatstuben als Galerie, Museum und Vereinszimmer eingeweiht werden.

Die erste Ausstellung, die am Sonnabend eröffnet wird, zeigt eine ganz andere Seite von Schellerhau. Die Schau, die so noch nie zu sehen war, ist ein Streifzug durch über 400 Jahre Kunst. Der Ort mit seiner hübschen Dorfkirche – wegen ihrer Malereien selbst ein Kunstwerk – und mit der bezaubernden Landschaft zog immer wieder Künstler an, vor allem Maler. Manche sind geblieben. Und bis heute lebt die Kunst in Schellerhau. Keramiker, Holzgestalter, Maler, ja sogar eine Schmuckdesignerin sind hier zu Hause. Sie alle zeigen jetzt dort ihre Kunstwerke, wo über Jahrzehnte Bier ausgeschenkt wurde.

Vernissage, 26. Mai, 16 Uhr, Heimatstuben Schellerhau mit Buchpräsentation von Dietrich Papsch „Entdeckungen über 400 Jahre Kunst in einem liebenswerten Ort“