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Von Drachen und Tritten

Als Fantasy-Autorin erschafft Sigrid Kraft magische Wesen. Als Taekwon-Do-Meisterin hat sie dagegen ganz irdische Ziele.

© Sven Ellger

Von Henry Berndt

Nach dem großen Drachenkrieg teilte ein Zauber das Land in zwei Hälften. Im Norden das magische Land der Drachen, im Süden das Land der Königreiche. Dazwischen, verborgen hinter undurchdringlichen Barrieren, liegt Nimrod, das Mittelland. Niemand weiß, was dort vor sich geht. Naja, außer Sigrid Kraft.

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Ein paar Stufen von ihrem Schreibtisch entfernt betritt sie die Welt des Taekwon-Do.
Ein paar Stufen von ihrem Schreibtisch entfernt betritt sie die Welt des Taekwon-Do. © privat
Die Ardeen-Reihe entführt die Leser in eine magische aber logische Welt.
Die Ardeen-Reihe entführt die Leser in eine magische aber logische Welt. © Sven Ellger

Die 47-Jährige hat diese Welt, in der es von Drachen, Zauberern und Kriegern nur so wimmelt, von ihrem Schreibtisch in Dresden-Seidnitz aus erschaffen. In ihrer Buchreihe „Ardeen“ beschreibt sie das Leben in und um das gleichnamige Königreich, mit all seinen Geschichten um den jungen Krieger Eryn, den edlen Prinzen Raiden und einen höchst intelligenten Forscherdrachen. Oft wirken die Wünsche und Probleme ihrer Figuren ziemlich menschlich – und genauso soll es sein.

Fantasy mit Witz und Verstand, das hat sich Sigrid Kraft vor fünf Jahren auf die Fahnen geschrieben, als sie den ersten Band „Der Kreis der Magie“ herausbrachte. Inzwischen sind 13 „Ardeen“-Bücher auf dem Markt und insgesamt rund 35 000 Exemplare verkauft, die meisten als E-Books. Klingt nach erfolgreicher Bestsellerautorin, aber so einfach ist das nicht in der ganz und gar irdischen Welt der Großverlage und Knebelverträge.

„Anfangs dachte ich mal, als Autor bekommt man vielleicht 50 Prozent der Einnahmen“, sagt Sigrid Kraft und lacht laut auf. „Ein Irrglaube.“ Recht bald entschied sie sich, ihren eigenen Weg zu gehen und einen Bogen um die mächtigen Konzerne zu machen. Praktischerweise ist ihr Verleger heute einer ihrer Kämpfer. Nein, nicht in Ardeen, sondern gleich hier in Seidnitz, unten in der Halle.

Abseits ihrer Wortgewalt ist Sigrid Kraft Großmeisterin im Taekwon-Do, einer koreanischen Kampfsportart. Seit 20 Jahren leitet sie in Dresden eine Schule, seit zehn Jahren nutzt sie dafür ihre eigene Halle.

Von ihrem Schreibtisch mit den neusten Skriptseiten und Grafiken aus sind es nur wenige Meter ein paar Stufen hinab bis zum Eingang, vor dem die Schuhe stehen bleiben müssen. Das Haus, an das sie ihre Taekwon-Do-Schule angebaut hat, ist ihr Eigentum. Früher wurden auf dem Gelände Farben produziert. Heute sind es Geschichten – und eben Schwarzgürtelträger.

Zu ihnen gehört der Grafikdesigner Tobias Fahnauer, der die „Ardeen“-Geschichten zu Büchern formt und vermarktet. Wenn möglich, auch im Ausland. Bald soll der dritte Band auf Englisch erscheinen. Die ersten Übersetzungen übernimmt die Autorin persönlich. Zu kaufen gibt es alle Bände, gleich in welcher Sprache, bislang fast ausschließlich im Internet. „Es klingt komisch, aber letztlich müssen wir Amazon dankbar sein“, sagt Sigrid Kraft. Trotz jahrelanger Versuche sei es ihr bis heute nicht gelungen, mit ihren Werken in die lokalen Buchläden zu kommen. Die Hoffnung gibt sie allerdings nicht auf, denn von der Qualität ihrer Arbeit ist sie überzeugt.

„Ardeen ist kein Mainstream“, sagt sie. Vielmehr wolle sie ihre Geschichten mit einem doppelten Boden ausstatten, der Gesellschaft den Spiegel vorhalten und das Ganze auch noch mit einer Prise Humor würzen. Wie gut ihr das gelungen ist, müssen die Leser entscheiden. Viele Rezensenten im Internet schwärmen, anderen ist ihre Sprache dagegen zu wenig bildhaft.

Mit dem Schreiben begonnen hat Sigrid Kraft als Kind. Schon damals dachte sie sich eigene Orte und Gestalten aus und verfasste Geschichten, die nicht selten 20 Seiten lang waren. „Die Kreativität hatte ich immer in mir“, sagt sie. Dennoch studierte sie zunächst BWL und arbeitete später für das Vermessungsbüro ihres Vaters. Ihre Eltern stammen aus Österreich, wie man ihr noch anhört. Aufgewachsen ist Sigrid Kraft in Freiburg im Breisgau. Nach dem Umzug der Familie gen Osten wohnten sie zunächst in Bannewitz.

Schon zu Studienzeiten entdeckte Sigrid Kraft das Taekwon-Do für sich, kämpfte sich mit maximalem Ehrgeiz durch die Gürtelgrade und eröffnete schon 1998 ihre eigene Schule. Seitdem formte sie Generationen von Schwarzgürteln. Auch heute noch spaltet sie mit gezielten Schlägen die Fichtenbretter, die kistenweise auf ihrem Hof und vor ihrer Wohnungstür stehen. Auch ihre Kicks machen noch Eindruck, nur Übertreiben darf sie es nicht. „Ich hab’s im Kreuz“, sagt sie. Nach drei Bandscheibenvorfällen musste sie 2015 operiert werden. Der Schaden blieb.

Seitdem muss sie noch besser auf ihren Körper hören. Statt früher vier Stunden am Tag, steht sie nur noch zwei in der Halle, gönnt sich mehr Pausen. Die akute Zeit vor drei Jahren habe sie psychisch sehr belastet. Sie habe ein Ventil gebraucht, eine andere sinnvolle Aufgabe. Vielleicht war das der kleine Kick, der ihr fehlte, um sie zur Autorin werden zu lassen. Zwar tut ihr auch das besonders lange Sitzen nicht gut, doch im Schreiben ihrer Geschichten fand sie den nötigen Abstand zum Taekwon-Do.

„Ich habe selbst schon viel Fantasy gelesen, als das hier noch nicht so angesagt war“, sagt sie. Dann kam „Der Herr der Ringe“, und es sei eine „brutale Schwemme“ von Fantasy-Büchern gefolgt, „eins schlechter, als das andere“. Anders als die meisten, lege sie großen Wert auf realistische Handlungen. „Meine Figuren haben Gründe, warum sie handeln, und sind nicht einfach nur gut oder böse.“ Auch die Logik liege ihr sehr am Herzen. Wenn sich zwei Feinde mit Holzkeulen verprügeln, dann dürften sie danach nicht nur blaue Flecken haben. Und mit dem Kämpfen kennt Sigrid Kraft sich aus – auch wenn ihre Magier kein Taekwon-Do beherrschen.

Noch bevor das erste „Ardeen“-Buch erschien, hatte sie schon drei Manuskripte in der Schublade. Dabei sollte es eigentlich bleiben, doch auch nach fünf Bänden hatte sie noch zahllose offene Handlungsstränge im Kopf, die sie nicht so einfach fallen lassen konnte und wollte. Gerade ist sie auf Skriptseite 20 des neusten Bandes.

„Wenn man einmal so etwas erschaffen hat, dann sagt man nicht einfach, ich gebe das alles auf.“ Auch wenn einige ihrer Stammleser inzwischen etwas müde würden und der große Durchbruch auf sich warten lässt, will Sigrid Kraft auch weiterhin über ihr Königreich Ardeen berichten.

Halbe Sachen sind eben nicht ihr Ding. Weder beim Schreiben noch beim Kämpfen. Vor wenigen Wochen eröffnete sie ihre zweite Taekwon-Do-Trainingsstätte in der Chemnitzer Straße.