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Von Illusionen und anderen Wahrheiten

Als Krankenpfleger auf der Intensivstation kann Jens Kießling leider nicht zaubern – in seinem eigenen Theater schon.

© Sven Ellger

Von Henry Berndt

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Dresden. Vier Könige in einem Kaufhaus. Der eine geht aufs Dach, die anderen verteilen sich in den Stockwerken. Zumindest scheint das so. Am Ende nämlich, Simsalabim, liegen alle vier wieder ganz oben auf dem Kartenstapel.

Es war der erste Trick, den ihm sein Vater zeigte. Damals war Jens Kießling gerade sechs Jahre alt und sofort vollkommen fasziniert. Den Trick mit den Königen beherrscht er bis heute – und noch so einige mehr. Der 44-Jährige zaubert längst nicht mehr nur mit Karten, sondern genauso mit Bällen, Kisten und den Gedanken seiner Opfer. Aus dem Kind ist ein schnittiger Typ mit Zehn-Tage-Bart und einem großen Tattoo auf dem Oberarm geworden. Auch auf die Wade hat er sich ein Bild stechen lassen. Es zeigt einen gesichtslosen Zauberer mit Zylinder und Fliege – sein Lieblingskunstwerk des italienischen Zauberers Fabrini Crisci.

Vor fünf Jahren gründete Kießling sein eigenes Theater „Illusio“, in dem er den Besuchern Magie und Cocktails serviert – ein Geschäftsmodell, das er für weit und breit einmalig hält. Bühne und Bar hat er in einem urigen Gewölbekeller unter einem unscheinbaren Mietshaus in Altstrehlen. Im Oktober spielte er dort freitags und samstags sein Halloween-Special, nun wieder das Hauptprogramm „Dreams“. Wenn er von „wir“ spricht, meint er in Wahrheit sich. Einige Helfer hat er zwar an seiner Seite, doch mit ihm steht und fällt das Geschäft. Die Karten für seine Shows sind derzeit vier Wochen im Voraus ausverkauft. Er zauberte schon im Fernsehen, auf dem Stadtfest und jüngst auf der Aftershow-Party der Hope Gala. Es läuft also.

Dabei hätte sich Jens Kießling nie träumen lassen, eines Tages von seinen Illusionen leben zu können. Eine Zauberschule wie bei Harry Potter gibt es in Deutschland ja schließlich nicht. Nach der Schule lernte er stattdessen Industrieelektroniker, sattelte dann aber recht schnell auf Krankenpfleger um. Eine Herausforderung, die seinem Naturell und seinen Wünschen an das Leben viel näher kam. Zehn Jahre lang arbeitete er auf Intensivstationen in verschiedenen Dresdner Kliniken.

Die Zauberei lief lange Zeit nur nebenbei. Mal für Freunde, mal auf einer Hochzeit. Er machte Kurse als Barzauberer und Showmixer, besuchte das Dinner-Varieté Palazzo in München und kam mit einer verrückten Idee zurück: Zaubern, Cocktails und Fingerfood – das hat doch noch niemand zusammengebracht! Aber zieht das auch die Leute an? 2009 spielte er eine Probeshow im Bärenzwinger, zwei Jahre später noch einmal. Die Leute kamen, die Leute staunten, die Leute tranken.

Mithilfe eines Privatkredits verwandelte Kießling den Gewölbekeller in Strehlen in seine Höhle der Magie. Anfangs trat er schon mal vor fünf Leuten auf, doch die Mundpropaganda war schnell und gut. All das managte er immer noch neben der Arbeit in der Klinik. Zeitweise stand er abends als Zauberer auf seiner Bühne – und ging am nächsten Morgen zum Dienst auf der Intensivstation. Irgendwann signalisierten ihm sein Körper und sein Arzt, dass es nicht so weitergehen kann. „Durch einen Zusammenbruch wurde ich massiv ausgebremst“, sagt er. „Seitdem achte ich mehr auf mich.“ Heißt: Jens Kießling ist nun vor allem Zauberer.

Zauberer, wow, was für ein Wort! Wer Zauberer ist, dem steht doch die Welt offen! Die Leute veralbern – und dafür noch Geld und Applaus bekommen. Was kann es Schöneres geben? „In dieser Branche fällt es schon vielen schwer, nicht abzuheben“, sagt Kießling. Auch deshalb habe er immer diese völlig andere Welt als Krankenpfleger gebraucht, eine Umgebung, die ihn erdet. „Ich habe auf den Stationen viele Menschen leiden gesehen“, sagt er. „Kinder sind in meinen Armen gestorben.“ Solche Erfahrungen zeigten ihm, was im Leben wirklich zählt.

Auch wenn er in seinem Keller vor den Augen seiner Gäste alles Mögliche fliegen lassen kann. Er selbst will nie die Bodenhaftung verlieren. Er macht hier einen Job, der genialerweise aus einem Hobby erwachsen ist. Aber es ist ein Job, mit dem er letztlich auch das Geld für seinen dreijährigen Sohn Harro verdient.

Um in der Zwischenzeit auch einen Fuß in der Krankenpflege zu behalten, leistet Jens Kießling seit einiger Zeit zwei Dienste im Monat in der Bavaria-Klink. Langweilig würde ihm aber auch ohne diesen Nebenjob nicht werden. Kießling feilt schon an seinem Auftritt bei der Deutschen Meisterschaft der Zauberkunst – in drei Jahren. In seinem Kopf spuken bereits Pläne von einem zweiten Standort in Dresden, einem zauberhaften Laden, einer Zauberschule. Noch sind das alles Illusionen, doch die Grenzen zur Realität verschwimmen schon ein wenig.

www.illusio-theater.de