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Von Kroattch, Hacken und Chemie

Supermärkte verpacken Radieschen in Plaste. Von der Gärtnerei Meyrich in Zittau gibt es das Gemüse weiter mit Blättern.

© Rafael Sampedro

Von Mario Heinke

Gern zeigt Melanie Quietzsch die frischen Radieschen mit Blattwerk, gezogen in der Gärtnerei Meyrich in der Dornspachstraße. Kunden haben ihr jetzt erzählt, dass Radieschen in den Supermärkten in den vergangenen Wochen ohne Blätter im Plastikbecher verkauft wurden.

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Hintergrund der sonderlichen und wenig umweltfreundlichen Verpackung: Die Europäische Union hatte das Radieschen zu Jahresgebinn der Kulturgruppe Grünkohl zugeordnet. Eine Entscheidung mit Folgen: Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit empfahl deshalb, Rettiche und Radieschen vorerst ohne Blätter zu verkaufen, weil nicht klar war, in welcher Dosis sich Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in den Blättern wiederfinden würden. Inzwischen dürfen die Supermärkte die Radieschen zwar wieder mit Blattwerk anbieten, eine endgültige Entscheidung soll erst fallen, wenn genügend Daten zu den Pflanzenschutzmittel-Rückständen in den Blättern vorliegen.

Mit Kopfschütteln hat Melanie Quietzsch die Wirren um das „Kroattch“, wie sie das Blattwerk in Oberlausitzer Mundart bezeichnet, verfolgt. Sie hat wenig Verständnis dafür, dass Obst und Gemüse, das auch in der Region wächst, Tausende Kilometer durch Europa oder die Welt transportiert wird, nur damit der Kunde im Supermarkt ein paar Cent spart. Tatsächlich kostet das Bund Radieschen mit rund 50 Cent im Discounter weniger als die Hälfte dessen, was ein Bund aus einer der wenigen verbliebenen, heimischen Gärtnereien kostet. „Für 50 Cent können wir das Bund nicht anbieten“, sagt Inhaberin Andrea Päsler mit Verweis auf die Kosten. Sie bietet ihre Produkte deshalb hauptsächlich im eigenen Hofladen und auf dem Markt in Zittau an. Die mit der Hand gezogenen Radieschen kommen frisch und ohne Sprühmittelrückstände direkt aus dem Frühbeet oder Folienzelt zu den Kunden. „Diese Radieschen haben wir im Januar eingesetzt“, sagt sie und zeigt auf die Bünde im Regal. Damit die zarten Pflanzen im Frühbeet nicht erfrieren, werden die Frühbeete jeden Abend mit Holzbrettern abgedeckt. Sind die Winternächte besonders kalt, legen die Gärtner noch eine Noppenschutzfolie dazwischen. Das bedeutet, jeden Morgen müssen die Bretter runter und am Abend wieder aufgelegt werden. Dem Radieschen ist nicht anzusehen, wie viel harte Arbeit in ihm steckt.

Mit Pflanzenschutzmitteln arbeitet Andrea Päsler, wenn überhaupt, nur im Sommer und nur im Notfall, weil die Chemikalien nicht nur gesundheitlich bedenklich, sondern auch teuer sind. Die verwendete Dosis sei dann so gering, dass sie von der Pflanze abgebaut werden kann. „Alles, was wir anbauen, essen wir und unsere Kinder auch selbst“, sagt sie. Pflanzenschutz heißt in der traditionellen Gärtnerei zuallererst: Unkraut mit der Hand oder Hacke beseitigen. Die Bodendesinfektion erfolgt durch das Dämpfen, eine alternative Sterilisationsmethode für Böden im Gartenbau. Die Anwendung von Heißdampf gilt als wirksamstes Mittel zur Abtötung von Pilzen, Bakterien und Viren in Anzucht-Erden.

Die Gemüsepflanzen werden aus hochwertigem Saatgut in Handarbeit, im eigenen Boden angezogen. Bei Meyrichs ist aber nicht nur das fertige Gemüse erhältlich. Wer will, kann auch alle Gemüsepflanzen kaufen, selbst pflegen und ernten. Dazu gehören Kohlrabi, Salat, Blumenkohl bis zu Gurken-, Tomaten- oder Paprikapflanzen.

Andrea Päsler beschäftigt neben ihrer Tochter Melanie Quietzsch noch einen Angestellten in dem kleinen Familienbetrieb, der außer Gemüse auch Beet- und Balkonpflanzen anbietet. Im Jahre 2005 übernahm sie die Gärtnerei von ihren Eltern Ingrid und Gottfried Meyrich, die trotz Rentenalter weiterhin mit Hand anlegen. Friedrich August Meyrich gründete im Jahre 1871 die Gärtnerei, deren Fläche heute zwei Hektar beträgt. Auch in Zukunft soll es die Radieschen aus der Gärtnerei mit Blattwerk geben, egal was die Studien der EU herausfinden.