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Von Luftsprüngen und Zukunftssorgen

Paul Jäschke aus Mücka ist Waggonbauer. Erst im November wurde der Schweißer in Niesky fest angestellt.

© André Schulze

Von Carla Mattern

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Mücka/Niesky. Ab diesem Montag lässt es Paul Jäschke ruhiger angehen, jedenfalls was seine Arbeit betrifft. Tatsächlich wird der Schweißer aber das Tempo erhöhen – beim Snowboardfahren mit Freunden im österreichischen Ischgl. Vielleicht bekommt er dann in frischer Luft beim Sport den Kopf frei. Frei von den Gedanken, die seit Jahresbeginn eigentlich nicht auszuschalten gehen.

Denn Paul Jäschke gehört zu den Waggonbauern, die an ihrem ersten Arbeitstag in diesem Jahr mit der Nachricht von der Insolvenz ihres Arbeitgebers tatsächlich überrascht wurden. Als die Belegschaftsversammlung begann, hatte der 29-Jährige gerade seine erste Frühschicht des Jahres geschafft. Schon am Morgen, als vor Schichtbeginn alle Kollegen zusammen einen Kaffee tranken, wurde nicht wie sonst über privates geredet oder über das Wetter. Es wurde spekuliert, was es mit der kurzfristigen Einladung der Geschäftsführung auf sich haben könnte. Das Wort Insolvenz sei schon durch den Pausenraum gegeistert, erzählt Paul Jäschke. Aber wahrhaben wollte es keiner so richtig.

Gar nicht viele Tage vor diesem Kaffeetrinken vor dem Beginn der Schicht hatte der 29-Jährige seinen Kollegen Bockwurst ausgegeben. Der Anlass dafür war für den Schweißer ein ganz besonderer. Die Augen des Mückaers leuchten, wenn er von dem Anruf seines Chefs aus der Cottbuser Zeitarbeitsfirma berichtet. Der hatte angedeutet, dass es demnächst ein Gespräch im Personalbüro im Nieskyer Waggonbau geben könnte. „Ein paar Tage später wurde ich hochbestellt und gefragt, ob ich mir vorstellen könne, in der Firma zu arbeiten“, erzählt der 29-Jährige. Er hatte etwa ein Jahr zuvor eine Bewerbung im Waggonbau abgegeben, auf gut Glück sozusagen. Jetzt also diese Frage! „Ich glaube, ich habe nur kurz gesagt: Definitiv ja“, so der Mückaer. Innerlich habe er Luftsprünge gemacht.

Dabei gibt es zumindest zwischen den Mitarbeitern und Leiharbeitern keine Zwei-Klassen-Gesellschaft und Kastenbildung, bestätigt Peter Jurke. Er ist als Betriebsrat aufgrund der Mitarbeiteranzahl zwar freigestellt, das heißt, dass er sich allein um die Aufgaben als Betriebsratsvorsitzender kümmern könnte. Doch er will den Kontakt zu den Kollegen in den Werkhallen nicht verlieren, leitet deshalb selbst noch etwa 30 Mitarbeiter an. Paul Jäschke bestätigt dieses Zusammengehörigkeitsgefühl. „Man wurde trotzdem in alles einbezogen und genauso behandelt wie die anderen“, sagt der Schweißer. Aber beim Lohn macht sich der Unterschied deutlich bemerkbar. Mehrere hundert Euro mehr hat er jetzt am Monatsende, als Mitarbeiter des Waggonbaus Niesky mit einem noch frischen Arbeitsvertrag mit Eintrittsdatum November 2017.

Einmal hat er schon diese neue Summe bekommen. Jetzt wird Paul Jäschke wie den anderen Männern und Frauen, die zur Stammbelegschaft gehören, Insolvenzgeld ausgezahlt. Als Leiharbeiter wäre er schon nicht mehr im Nieskyer Waggonbau im Einsatz. Denn die etwa 100 Mann wurden schon zu Monatsbeginn abgezogen. Daran denkt der Mückaer oft. Und auch daran, dass es die Regel gibt, wer zuletzt kommt, muss zuerst gehen, wenn Stellen abgebaut werden. Aber auch Freunde fragen ihn das, Bekannte, Verwandte. Eigentlich immer und überall werden die Waggonbauer zurzeit darauf angesprochen, hat der Mückaer festgestellt. Auf der einen Seite sei das ein Zeichen für Interesse und Unterstützung, auf der anderen Seite aber auch anstrengend. Aber eigentlich, so gibt er unumwunden zu, kreisen die Gedanken sowieso meist um die Frage, wie es mit dem Waggonbau weitergeht.

Jäschkes Vater und Bruder leben nicht mehr. Schwere Verluste, die er mit seiner Mutter teilt. Mit dem Hund wohnen sie gemeinsam in Paul Jäschkes Elternhaus. Hier wegzugehen, weil als Schweißer keine Arbeit zu finden ist, würde dem Mückaer sehr schwer fallen. Auch, weil er dann die Feuerwehr See im Stich lassen müsste.

So bleibt das Hoffen. Und sich engagieren. Als Wirtschaftsminister Martin Dulig in Niesky war, stand Paul Jäschke mit anderen Waggonbauern vor dem Bürgerhaus. Dass noch vieles ungeklärt ist und schon wieder von Finanzinvestoren die Rede ist, macht die Sorgen nicht wirklich kleiner.