merken

Von Musik und Molekülen

Ein indischer Wissenschaftler erforscht in Dresden Moleküle, aus denen das Leben besteht, und Sphären des Klangs.

© André Wirsig

Von Martin Lamß

Er spricht leise und liebt die Stille. In der indischen Heimat des Biologen und Musikers Debojyoti Chakraborty begleitet eine misstönende Sinfonie den Alltag. Die Lautstärke: Fortissimo. Die Instrumente: dröhnende Motoren im Bass, in der Melodiestimme die Marktschreierrufe der Straßenhändler, die Klingeln von Fahrradrikschas und die unvermeidlichen Autohupen. Das ist kein Klischee. „Wegen des Lärms in Kolkata habe ich mein Instrument, die Sitar, zu Hause nur nachts geübt“, sagt er in perfektem Englisch. „Dann herrscht ein paar Stunden Ruhe.“

Wandern
Schritt für Schritt
Schritt für Schritt

Gerne an der frischen Luft und immer in Bewegung? Wanderwege, Tipps und Tricks finden Sie hier.

Jetzt übt Chakraborty nur noch am Tag. Der 29-Jährige fürchtet, die Nachbarn seiner Johannstädter Wohnung könnten sich beschweren über den sphärischen Sound der Langhalslaute mit den 20 Saiten und der Verzierung aus stilisierten Pfauen, Schwänen und Lotusblüten. Sie gehört zu den populärsten Instrumenten der nordindischen Musiktradition. In der westlichen Popkultur hat die Sitar ebenfalls Karriere gemacht. Die Stones und die Beatles haben sie in einigen Songs verwendet. Debojyoti Chakraborty spielt auf seinem Instrument allerdings meist klassische Musik, die klassische Musik Nordindiens. Der Zweck einer Darbietung auf der Sitar: das Bewusstsein des Zuhörers mit den näselnden, singenden Tönen zu verändern, um ihn in einen meditativen Zustand zu versetzen, seinen Geist zu färben, wie die Inder das nennen.

Chakraborty ist Meister im Färben der Geister. Er spielt sein Instrument, seit er neun Jahre alt ist, saß bei den renommiertesten Musikwettbewerben Indiens auf der Bühne und ist befreundet mit berühmten Interpreten der Musik des Subkontinents. Auch eine eigene Radiosendung hatte er in Indien: „Zusammen mit einem anderen Musiker habe ich den Hörern Musikunterricht erteilt. Wenn sie beim Üben nicht weiterkamen, konnten sie in der Sendung anrufen, und wir haben ihnen geholfen.“ Auch in Deutschland war er musikalisch schon in den Medien präsent. In Olaf Schuberts Fernsehsendung „Olaf TV“ bekam er einen Gastauftritt. Außerdem gibt er Musikunterricht im Fach „Sitar“. Seine Schüler reisen dafür aus anderen Städten an.

Beethoven erinnert an die Heimat

Vollzeitmusiker ist Chakraborty trotzdem nicht geworden. Vor Jahren stand er am Scheideweg: Musik oder Molekularbiologie? „Ich bin zu schüchtern und introvertiert für die Bühne. Deswegen habe ich mich für die Wissenschaft entschieden.“ Die Moleküle, aus denen das Leben besteht, bestimmten von nun an seinen Lebensweg. Chakraborty gehört zur internationalen Forschungselite. 2007 flog der damalige Student erstmals von Kolkata nach Deutschland, um sich mit mehreren Nobelpreisträgern über die neuesten Erkenntnisse in seinem Fach auszutauschen. 2009 kam er nach Dresden, arbeitete am Max-Planck-Institut für Zellbiologie und schrieb innerhalb kürzester Zeit einen Beitrag für Nature Methods, dem Ableger einer der weltweit führenden Fachzeitschriften für Naturwissenschaften.

Nun steht die Verteidigung seiner Doktorarbeit an. Es geht darin um Stammzellen. Diese Urbausteine des Lebens wissen noch nicht, ob sie einmal Gehirn-, Blut- oder Leberzellen werden wollen. Richtig programmiert, können sie sich allerdings in jede Zellart verwandeln. Bis man aus ihnen aber neue Herzen oder Lebern züchten kann, wird es noch lange dauern. Chakraborty hat nun herausgefunden, wie ein bestimmtes Molekül die Vermehrung der Stammzellen beeinflusst. Damit habe er die Molekularbiologie um einen wichtigen Schritt vorangebracht, sagt sein Dresdner Doktorvater Frank Buchholz.

Wissenschaft und Musik sind für Chakraborty keine voneinander getrennten Kategorien. „Wissenschaft kümmert sich um Fragen wie: Warum ist die Welt, wie sie ist? Warum sind wir hier? Die klassische Musik Indiens ist da gar nicht so viel anders. Sie ist spirituell und wurde entwickelt, um genau solche letzten Fragen zu beantworten.“ Zusammenhänge zu erkennen, das ist der Job eines Wissenschaftlers. Und so philosophiert Chakraborty darüber, dass das Universum letztlich eine große Einheit sei. „Das zu erkennen, daran hindert uns aber häufig der I-Factor.“ Damit mein Chakraborty kein Produkt mit Apfel-Markenzeichen. Er meint, dass der Einzelne sein Ich zu oft zu wichtig nimmt und dadurch das große Ganze aus dem Blick verliert. So etwas klingt bei Chakraborty nicht nach einer esoterischen Schrulle, sondern wohldurchdacht, wie ein Vortrag über Molekularbiologie. Zur Bestätigung leuchtet unvermittelt der Bildschirm seines Handys auf. Das Hintergrundbild zeigt einen alten Inder in weißen Gewändern, den spirituellen Lehrer des Wissenschaftlers.

Chakraborty drückt eine Taste, der Bildschirm erlischt. Nun lümmelt Debo, wie Freunde ihn nennen, zurückgelehnt und im Schneidersitz auf seiner Wohnzimmercouch. In den Händen hält er ein rotes Kästchen, nicht viel größer als eine Streichholzschachtel. Eine winzige Kurbel aus Messing schaut daraus hervor. Chakraborty dreht daran, und aus der Spieluhr tropft mit leisem Glöckchenklang eine der beliebtesten Melodien westlicher Klassik: „Für Elise“ von Ludwig van Beethoven. „Mich erinnert sie an eine der bekanntesten indischen Melodien“, sagt er und singt, den Kopf wiegend, die indischen Notennamen Sa-Re-Ga-Ma. Sie bedeuten in etwa C-D-E-F. „Je länger ich mich mit Musik beschäftige, desto mehr Gemeinsamkeiten entdecke ich zwischen den Kulturen der Welt.“