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Von Roda nach Rio

Zum Kanusport kam der deutsche Cheftrainer nur durch Zufall. Trotz Rekord-Gewinn war dieses Olympia sein schlechtestes.

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© Sebastian Schultz

Von Dominique Bielmeier

Nünchritz. Will man an die Handynummer des Chefbundestrainers der deutschen Kanuten kommen, hat man zwei Möglichkeiten: Man fragt ganz offiziell beim deutschen Kanu-Verband an, dem der Trainer seit 1991 angehört. Oder – und das ist die wesentlich schnellere Variante – man ruft die nette Frau im Gasthaus Dorfkrug in Roda an. Die Nummer vom Reiner hat sie sofort parat.

Kein Wunder: Der Trainer der erfolgreichsten deutschen Olympia-Mannschaft lebt nur rund 300 Meter vom Dorfkrug entfernt, in dem kleinen Ortsteil von Nünchritz, wo die Straßen nach Wiese, Feld oder Grund benannt sind. Einwohner: keine 140. Hier kennt jeder jeden – und vor allem kennt jeder Reiner Kießler.

„Willkommen zurück in Deutschland“, ruft ein vorbeiradelnder Mann, als Kießler aus dem Haus tritt; als die Fotos für diesen Artikel entstehen, fragt ein Nachbar sofort, wo man sie sich anschauen kann. Den Chefbundestrainer kennt man hier aber nicht, weil er der Chefbundestrainer ist. Man kennt ihn, weil er ein echtes Kind der Gemeinde ist.

1951 wurde Kießler hier geboren, in dem renovierten Dreiseithof, in dessen Innenhof er nach Überqueren der Straße unter einem großen Ahornbaum Platz nimmt. Das Haus gehört heute dem jüngeren Bruder, Kießler hat vor Jahren auf dem Grundstück genau gegenüber, dem früheren Garten der Großmutter, mit seiner Frau ein Haus gebaut. Sein Sohn lebt mit den beiden kleinen Kindern nicht weit entfernt, die Tochter möchte mit ihrem Nachwuchs am liebsten auch wieder von Köln in die Heimat ziehen. Vier Enkelkinder hat Kießler, das älteste ist dreieinhalb. Wenn er über sie spricht, wirkt der 65-Jährige wie jeder glückliche Opa, der sich darauf freut, im Ruhestand Zeit mit den Enkeln zu verbringen.

Doch dann fällt der Blick des Betrachters auf das Polohemd von Reiner Kießler und auf das Logo des Deutschen Olympischen. „WIR FUER D.“ steht im Kragen des Hemdes. Und plötzlich fällt einem wieder ein, dass Kießler eben nicht nur der nette Opa von nebenan ist, sondern ein Teil von etwas ganz Großem.

Sieben Medaillen bei Olympia in Rio, darunter viermal Gold. „Beste Nation im Kanu-Rennsport, bester Verband in Deutschland – das ist ja alles bekannt“, sagt Kießler und kann sich ein stolzes Lächeln nicht verkneifen, auch wenn der Erfolg nun schon ein paar Tage alt ist. Wie hat der 65-Jährige aus dem winzigen Ort bei Riesa es in der Welt des Spitzensports bis nach oben geschafft?

Alles begann mit einem Platsch und einem unfreiwilligen Sprung ins kalte Wasser. Bei seinem ersten Versuch, in ein Kanu zu steigen, landete Reiner Kießler, damals Anfang 20, natürlich sofort in der Elbe. Zusammen mit dem Boot trieb er sogar noch etwa zwei Kilometer weit ab, bevor er sich aus dem Wasser retten konnte und sich mit dem Kanu auf dem Rücken zurückschleppen musste.

Wassersport war damals noch nicht so seins. Eigentlich wollte Kießler, der nach einer Ausbildung zum Elektromonteur im Stahl- und Walzwerk Riesa an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig studierte, Leichtathletik-Trainer und Sportlehrer werden. Auch Fußball hätte er sich vorstellen können. Gesucht wurden jedoch nur Trainer für Boxen, Fechten, Bobsport und Kanu. Weil er sich die anderen Sportarten aber noch weniger vorstellen konnte, blieb es trotz der nassen Erfahrung schließlich beim Kanu. Auch Kunstturner Fabian Hambüchen, den er gerade in Rio getroffen hat, sei bei seinen ersten Versuchen im schmalen Boot ja gleich ins Wasser gefallen, erzählt der 65-Jährige, dem die brasilianische Sonne eine gesunde Bräune verpasst hat, im Schatten des großen Baumes.

Keinen Tag arbeitslos

Die Entscheidung für Kanusport hat sich für Reiner Kießler gelohnt, von Anfang an. Nach dem Ende seines Studiums 1976 wurde er Nachwuchstrainer bei der DHfK, mit der Wende kam die Kündigung und sofortige Anstellung beim Deutschen Kanuverband. „Ich war also keinen Tag arbeitslos“, sagt Kießler. 1992 dann der Anruf vom Sportdirektor, ob er sich vorstellen könne, als Bundesdiagnosetrainer zu arbeiten. Analytik, Trainingsmethodik und -planung standen ab sofort für ihn im Vordergrund. 1992 war auch sein erster Besuch bei Olympia, damals in Barcelona, siebenmal hat er die Spiele inzwischen besucht.

Als Bundesdiagnosetrainer war er aber auch in Deutschland viel unterwegs, seine Kinder sagten damals, man kennt dich ja gar nicht richtig. Seit 2005 hat Kießler den höchsten Trainerposten bei den deutschen Kanuten: Chefbundestrainer, er sagt lieber nur kurz Cheftrainer.

Als solcher war er gerade zwei Wochen lang bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro, die wohl als bisher größte Pannen-Spiele in die Geschichte eingehen dürften. Auch für den Cheftrainer.

Kießler erzählt von dem Besuch seiner Mannschaft für einen Testwettkampf im vergangenen Herbst. Die Kanuten wurden damals von einem Meer aus Desinfektionsmittelspendern begrüßt und der Bitte, sich doch bei jedem Kontakt mit Wasser gleich zu desinfizieren. Beängstigende Aussichten für Wassersportler. Wuchernde Wasserpflanzen machten ihnen zusätzlich zu schaffen. Für einen Kanuten sei das, als würde man einem Eisschnellläufer Sand auf die Bahn streuen, erklärt Kießler.

Ganz so schlimm war es bei den richtigen Spielen dann doch nicht. Die Desinfektionsmittelspender waren verschwunden, die meisten Wasserpflanzen auch, die gefährliche Zika-Mücke stach zum Glück nicht ein einziges Mal zu. Dafür waren die Toiletten im olympischen Dorf anfangs ständig verstopft. Das aber nur, weil die europäischen Sportler nicht wussten, dass man in Südamerika das Klopapier eben nicht so einfach wegspülen kann. Trotzdem lautet Kießlers Fazit zu den Spielen: Von der Qualität der Regattastrecken war es eine der schlechtesten.

Auch aus einem anderen Grund werden die Spiele in Rio dem Kanu-Trainer in negativer Erinnerung bleiben: Am Tag vor Kießlers 65. Geburtstag erlitt Kanu-Slalom-Trainer Stefan Henze einen schweren Verkehrsunfall in einem Taxi, wenige Tage später starb er an den Folgen eines Schädel-Hirn-Traumas. Nach Feiern war Kießler nicht mehr wirklich zumute, eher kreisten seine Gedanken darum, wie er die Sportler dennoch für die anstehenden Wettkämpfe motivieren konnte. Immerhin hatten sie sich vier Jahre lang auf diese zwei Wochen in Rio vorbereitet.

Sein Geburtstag unter brasilianischer Sonne läutete für den Cheftrainer gleichzeitig eine neue Phase in seinem Leben ein: den Ruhestand. Mit 65 ist Kießler nun in bestem Pensionierungsalter und wird seinen Vertrag deshalb auch nicht verlängern. Nur bis Ende Januar wird er noch der Chefbundestrainer der deutschen Rennkanuten sein.

Danach geht es für ihn vollends zurück nach Roda, hierhin, wo alles begann und wo Kießler seit mittlerweile über 20 Jahren wieder lebt. Hier gibt es kein Kanu, kein Paddel, nicht einmal eine Pfeife für den Trainer. Nur ein Faltboot des Bruders ist auf dem Dachboden des Dreiseithofes eingelagert. Zum Selbstfahren kommt Reiner Kießler ohnehin nur noch selten.

Und wenn er sich nun im Ruhestand doch wieder öfter selbst an das Paddel setzen möchte, hat er die Elbe ja fast vor der Haustür. Keine drei Kilometer ist die Stelle entfernt, wo vor 44 Jahren alles mit einem lauten Platsch begann.