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Von Sarrasani Scheitern lernen

Bei der Flip-the-Flop-Nacht erzählen Unternehmer von Bruchlandungen. In Dresdens Gründerszene wird das Veranstaltungsformat Kult.

© Paul Kuchel

Von Jana Mundus

Das Wörtchen „Fuck“ ist schwierig. Vor allem für Sören Frost. Schon sieben Mal hat er seine Fuck-up-Night in Dresden organisiert. Die Nacht, in der gescheiterte Unternehmer auf der Bühne erzählen, was sie zur Bruchlandung brachte. Doch Facebook mag „Fuck“ gar nicht. Auch dann nicht, wenn es mit „up“ eben „versauen“ heißt. Weil aber gerade über das soziale Netzwerk Leute zur Veranstaltung eingeladen werden, bekommt Frosts Baby nun einen neuen Namen: Flip-the-Flop-Night, heißt „Wende den Misserfolg“. Wie das funktioniert, erklärte diesmal André Sarrasani. Die Insolvenz des bekannten Zirkusdirektors sorgte vor über einem Jahr für Schlagzeilen.

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Die Nacht ist zum Kult geworden. Gerade unter Selbstständigen, jungen Gründern und schon gewachsenen Start-ups verbreiten sich neue Termine recht schnell. Von anderen Unternehmern zu hören, wie sie es besser nicht machen sollten, bringt viele weiter, sagt Sören Frost. In der St. Pauli Ruine sind diesmal 200 Zuhörer dabei. Anfangs dachte Frost, er müsste Referenten einladen, die richtig viel Geld verloren haben, die Millionen verbrannt haben. „Jetzt weiß ich, das ist gar nicht wichtig“, sagt er. Es zählt viel mehr, dass der Vortrag emotional ist. Dass sich die Gescheiterten wirklich in die Seele schauen lassen und so zeigen, was solch eine Pleite mit einem macht.

Zu Fehlern stehen

Der Bühnenprofi André Sarrasani fühlt sich anfangs auf dieser Bühne gar nicht wohl. Wenn er in seinem Trocadero ist, dann ist er der Leiter eines Varietés, dann sorgen Artisten, Glitzer und bunte Lichter für magische Momente. Jetzt steht er vor 200 Augenpaaren, denen er ganz ohne Glitter über seine Insolvenz erzählen soll. „Man muss dazu stehen, dass man etwas falsch gemacht hat“, sagt er und erzählt von Fehlentscheidungen, Problemen mit dem Finanzamt und 600 000 Euro Schulden. Jahrelang wollte er alles allein machen, hielt neben anderen Geschäftsbereichen wie dem Varieté auch am traditionellen Zirkus fest. Ein Fehler, wie er sagt. Den Mut ihn aufzugeben, hatte er nicht. „Heute würde ich vieles anders machen.“

Die Geschichte des Zirkusdirektors hilft weiter. Auch wenn eine Firma ganz ohne Glamour Geld verdient. Gregor Wendt und Richard Vetter sitzen im Publikum. Mit Freunden gründeten sie vor viereinhalb Jahren CarlundCarla.de, einen Vermietungsservice für Kleinbusse und Transporter. Sie sind regelmäßig Besucher der bisherigen Fuck-up-Night. „Die Geschichten auf der Bühne faszinieren immer“, erzählt Wendt. Jeder könne sich fürs eigene Unternehmen etwas mitnehmen. „Es ist manchmal unglaublich, durch welche harten Zeiten sich mancher kämpfen musste“, ergänzt Vetter. Besonders wichtig seien bei der Nacht aber auch die Pausen. Dann ist Zeit zum Netzwerken. Treffen Gründerwillige auf etablierte Firmenbesitzer, ist der Austausch das, was alle weiterbringt.

Im zweiten Teil der Veranstaltung berichtet Simone Saloßnick von ihrem Scheitern. Die Pächterin der Dynamo-Tankstelle kennen heute viele als schwarz-gelbe Powerfrau. Dass sie nach der Trennung von ihrem Ex-Mann vor Jahren mit einer ersten Tankstelle in Hoyerswerda vor dem Ruin stand, wissen im Saal nur wenige. 80 000 Euro Schulden hatte sie damals bei der Bank. „Ich wollte nicht aufgeben, schon wegen meiner beiden Kinder nicht.“ Ihre Geschichte berührt, gerade weil sie ehrlich ist. Am Ende gibt es viel Applaus für viel Willensstärke und Mut.

Phil Schwarick hört bei den Vorträgen genau hin, während er eine Eiskugel in ein Waffelhörnchen drückt. Bei der Flip-the-Flop-Night verschenkt er sein Eis kostenlos ans Publikum. Werbung für sein Restaurant „mit Stil“, das er vor wenigen Wochen in Blasewitz eröffnet hat. Der 27-Jährige ist ein gutes Beispiel für den Traum vom eigenen Unternehmen, den sich in Dresden immer mehr Leute zutrauen. Mit Start-up-Hochburgen wie Berlin oder München müsste es Dresden dabei nicht aufnehmen, sagt Sören Frost. „Die Stadt steht erst am Anfang, muss sich ein eigenes Profil geben.“ Klasse statt Masse – das wäre zum Beispiel eins.