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Wirtschaft

Von wegen "Taxifahrer Dr. phil"

Deutschlands Geisteswissenschaftler stehen zwei neuen Studien zufolge auf dem Arbeitsmarkt gut da. Zumindest überwiegend. 

Wer Soziologie oder Germanistik studiert, fährt später Taxi oder ist gar arbeitslos? Ein volkstümlicher Irrglaube, der mit der Realität wenig zu tun hat.
Wer Soziologie oder Germanistik studiert, fährt später Taxi oder ist gar arbeitslos? Ein volkstümlicher Irrglaube, der mit der Realität wenig zu tun hat. © dpa/Swen Pförtner

Köln/Düsseldorf. Geisteswissenschaftler mögen beruflich durchschnittlich schlechter dastehen als andere Akademiker, doch von einer problematischen Lage kann nach Ansicht des Kölner Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) nicht die Rede sein. Die Erwerbslosigkeit liege im Durchschnitt der Bevölkerung, die Mehrheit der Geisteswissenschaftler sei weder geringfügig noch befristet beschäftigt, lauten zentrale Ergebnisse des am Mittwoch veröffentlichten IW-Reports "Geisteswissenschaftler auf dem Arbeitsmarkt". Der früher sprichwörtliche "Taxifahrer Dr. phil" habe mit der Realität wenig zu tun.

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Von den rund 505.000 Geisteswissenschaftlern in Deutschland arbeiteten im Jahr 2016 der Studie zufolge immerhin rund 140.000 als Führungskräfte. Insgesamt gestalte sich die Beschäftigungssituation der Literatur- und Sprachwissenschaftler, Ethnologen, Soziologen, Philosophen, Historiker oder Theologen höchst unterschiedlich, betonten die Forscher, die sich in einer zweiten Untersuchung auch mit der Bedeutung von IT-Kenntnissen für Beruf und Karriere auseinandersetzten.

Promotion bringt meist gutes Gehalt

Geisteswissenschaftler seien insgesamt häufiger als der Durchschnitt der Akademiker inadäquat beschäftigt, stellten die Autoren fest. Würden allerdings nur die in Vollzeit Erwerbstätigen betrachtet, dann erreichten die Geisteswissenschaftler nahezu ebenso häufig ein der akademischen Ausbildung entsprechendes Anforderungsniveau wie der Durchschnitt der Akademiker. Bei den Karrierepositionen und vor allem beim Einkommen seien die Unterschiede zwar größer, die Mehrheit der Geisteswissenschaftler finde sich aber ebenso wie die Mehrheit der Akademiker in einer mittleren Einkommensgruppe wieder.

Gemessen am Anforderungsniveau der Tätigkeit, an Führungsaufgaben und am monatlichen Nettoeinkommen stehen den Studien zufolge vor allem männliche und berufserfahrene Geisteswissenschaftler nahezu ebenso gut da wie der Durchschnitt aller Akademiker. Überdurchschnittlich gut schneiden demnach promovierte Geisteswissenschaftler ab. Von ihnen komme jeder Dritte auf ein monatliches Nettoeinkommen von 4.000 Euro und mehr, hieß es. Junge geisteswissenschaftliche Berufsanfänger mit Bachelor-Abschluss dagegen verdienten meist weniger als der Durchschnitt aller Akademiker, übernähmen seltener Führungsaufgaben und arbeiteten an weniger anspruchsvollen Aufgaben.

Viele Jobs haben mit Studium wenig zu tun

Besonders schwer haben es Geisteswissenschaftlerinnen, wie Studienautorin Christiane Konegen-Grenier erklärte. Sie schafften es meist nicht in für Akademiker übliche Positionen, selbst wenn sie Vollzeit arbeiten. Es gelinge nur einem kleinen Teil der jungen Bachelor-Absolventinnen und der Geisteswissenschaftlerinnen, in gut dotierte Karrierepositionen aufzusteigen.

Etwa jeder Zweite arbeitet den Angaben zufolge in Berufen und Branchen, die nichts mehr mit dem Studium zu tun haben. Besonders groß sei der Sprung bei den rund 12.000 Geisteswissenschaftlern, die in naturwissenschaftliche und informationstechnische Berufe gewechselt seien, hieß es. Auch in der Wirtschaft eröffneten sich Chancen. Mittlerweile seien Geisteswissenschaftler in jedem vierten Unternehmen anzutreffen. Allerdings hätten sie bei IT-Kenntnissen im betriebswirtschaftlichen Einsatz nach Ansicht der Unternehmen einen deutlichen Nachholbedarf und sollten sich bereits während des Studiums Kenntnisse aneignen, empfahlen die Studienautoren.

Die Untersuchungen, die von der Gerda Henkel Stiftung gefördert wurden, basieren den Angaben nach auf Daten des Mikrozensus'. Zu den künftigen Beschäftigungschancen wurden 1.100 Unternehmen im Rahmen des IW-Personalpanels befragt. (epd)