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Von Wein bis Schwein

Ein Professor tourt mit seinen Studenten durch Meißen. Im Gepäck: ein Spiel, in dem hiesige Spezialitäten vorkommen.

Von Christoph Scharf

Es gibt Anfängerfragen. Es gibt Fragen für die breite Masse. Und es gibt Fragen auf Profiniveau. Das verkündet Professor Rüdiger Ulrich schon mal, bevor er im Biergarten auf dem Markt die erste Ratekarte zieht. „Welcher Fluss fließt durch Meißen?“ – das kann in der Stadt wohl jedes Kind beantworten. Zumal es mehr als eine richtige Antwort gibt. „Wann wurde die Porzellanmanufaktur gegründet?“ – das ist schon etwas kniffliger. „Wie hießen die drei Fürstenschulen, die Moritz von Sachsen nach der Reformation gründen ließ?“ – das wird zum Fall fürs Bildungsbürgertum.

„Bei diesem Spiel lernt man richtig was“, sagt der 49-Jährige, der an der Leipziger Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) unterrichtet. In den vergangenen Jahren hat er mit seinen Studenten und Kollegen das Brettspiel „Mitte Deutschland“ entwickelt. Wirtschaftswissenschaftler waren daran beteiligt, die Fakultät Medien, Spiele-Spezialisten. Entstanden ist eine Art Monopoly – außer dass man nicht von der Badstraße zur Schlossallee vorrückt, sondern auf einem Rundkurs durch Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Statt Geld zu scheffeln, geht es darum eine von vier Residenzen aufzubauen – Dresden, Leipzig, Erfurt oder Magdeburg.

Meißen ist leider nur als ein Zwischenpunkt auf der Route vorgesehen. Hier landet, wer von Dresden aus eine Eins würfelt. Mit der Zwei käme man nach Dippoldiswalde, mit der Drei nach Freiberg. Überall gilt es, Fragen zu beantworten oder Aufgaben zu lösen: Etwa den Fehler auf skizzierten Sehenswürdigkeiten zu entdecken oder Lieder mit lokalem Bezug so zu pfeifen, dass sie für die Mitspieler erkennbar sind. Meißens OB Olaf Raschke (parteilos) probiert eine der Aufgaben aus – und löst sie mit Bravour. Nicht mal zwei Takte muss er pfeifen, da hat einer der zwei Dutzend mitgereisten Leipziger Studenten das Lied schon entschlüsselt: „Der Steigermarsch!“

Trotz des Erfolgs meldete der Oberbürgermeister Verbesserungsbedarf für das Spiel an. Auf die Frage „Für welches kulinarische Produkt ist Meißen bekannt?“ ist nämlich nur der Wein als Antwort vorgesehen. „Aber da gibt es doch noch die Meißner Fummel. Und nicht zu vergessen das Meißner Schwein!“ Professor Ulrich nimmt die Ergänzung gern zur Kenntnis. „Wir wollen das Spiel noch weiter ausbauen!“

Denn nach der fast ausverkaufen Erprobungsserie – es wurden 50 Prototypen per Hand angefertigt, die für je 99 Euro zu haben waren – ist jetzt eine erste richtige Serie geplant. Mitte September sollen nunmehr 1.000 Exemplare in den Handel gehen. Dann kosten sie auch „nur“ noch 79 Euro pro Stück, als Einführungspreis sind vorübergehend 69 Euro angesetzt. „Für weitere Auflagen laden wir gern Ortskundige aus Mitteldeutschland ein, uns mit Fragen und Antworten zu unterstützen“, sagt der Professor. Dann hätten auch Meißner Fummel und Landschwein eine Chance. Das Handbuch mit den Lösungen ließe sich leicht auf 500 Seiten vergrößern.

Eine Änderung gibt es aber jetzt schon: Von den vier hölzernen Spielerfiguren der Null-Serie fliegt eine schon wieder raus. Immerhin stammt Napoleon gar nicht aus Mitteldeutschland, auch wenn er hier deutliche Spuren hinterließ. Goethe, August der Starke und Luther dürfen bleiben – und werden des Geschlechterproporzes wegen durch Elisabeth von Thüringen ergänzt.

Diesen Namen sollte man schon gehört haben, wenn man es bei „Mitte Deutschland“ weit bringen will. Aber falls man an Fragen scheitert, hilft das Lösungsbuch – so auch mit den Namen der drei Fürstenschulen: Schulpforta, St. Afra und St. Augustin. „Bei welchem anderen Spiel erlebt man nach drei Stunden einen Quantensprung beim Wissen zur Region?“, fragt Professor Ulrich. Dann radelt er mit seinen Studenten weiter – zur nächsten Station.

www.mittedeutschland.de