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Erster Vorhang im Apollo

© Sammlung Holger Naumann

Ein ehemaliger Gasthof war 66 Jahre Heimat der Staatsoperette. Die Idee hatte Fritz Randow – Chef wurde er aber nicht.

Von Ralf Hübner

Das ehemalige Haus der Staatsoperette in Leuben mit der rosa Fassade scheint gerade erst verlassen. Dabei waren die Künstler schon Ende Oktober vergangenen Jahres in ihre neue Spielstätte im Kraftwerk Mitte gezogen. Jetzt steht das Haus leer. Doch vor fast genau 70 Jahren hatte sich am 22. August 1947 mit „Ein Sommernachtstraum“ von William Shakespeare (1554–1616) und Musik von Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809–1847) der erste Vorhang gehoben.

Der damalige Ministerpräsident Max Seydewitz (SED) saß unter den Zuschauern. Vier Tage zuvor war das Apollo-Theater, wie das Haus damals hieß, vor Bauleuten, Politikern, Künstlern und geladenen Gästen feierlich eingeweiht worden. Direktor Fritz Randow hielt emotional bewegt eine Begrüßungsansprache.

Das Apollo-Theater bot 800 Zuschauern Platz, hatte einen Orchestergraben für 50 Musiker und ein kunstvoll gemauertes Bühnenportal. Es war der erste Theaterumbau Sachsens und der Schauspieler, Regisseur, Theaterunternehmer Randow hatte dazu 1945 die Idee. Er pachtete den ehemals beliebten Gasthof „Feenpalast“ in Leuben, der seit 1944 zeitweilig als Polizeikaserne diente und im Besitz der Stadt war, und wollte ihn für 100 000 Reichsmark zu einem Operettentheater umbauen.

Mit dem neuen Theater knüpfte Randow an eine Dresdner Vorkriegstradition an. Mit Alberttheater, Central-Theater und Residenztheater gab es gleich drei Häuser, in denen regelmäßig und oft Operetten gegeben wurden. Diese lagen nach dem Krieg in Schutt und Asche.

Am 1. Oktober 1945 ging der Bau für das Apollo los. Das Material beschaffte sich Randow zu einem großen Teil aus der Ruine des Central-Theaters im Zentrum der Stadt und ließ es mit Pferdewagen nach Leuben bringen – Ziegelsteine, Treppen, Bühnentechnik. Das war nicht unbedenklich. Denn auf die Hinterlassenschaften aus den Ruinen erhoben auch die Landesverwaltung und das Dresdner Amt für Wiederaufbau Anspruch. Zeitweise war deshalb die Polizei Randow auf den Fersen. Zudem liefen die Baukosten total aus dem Ruder. So musste die Stadt schließlich weitere 100 000 Mark vorschießen.

Im Oktober 1946 wurde Richtfest gefeiert. Da hatte sich das Blatt für Randow jedoch schon gewendet. Denn die neuen Kulturfunktionäre wollten die Theater in der Hand behalten und ideologisch auf Linie bringen. Für private Häuser war da kein Platz mehr und für Randow war der Traum vom eigenen Theater damit zu Ende. Ihm blieb nur noch eine Nebenrolle. Er wurde abgefunden, der Pachtvertrag gelöst. Ein neuer Vertrag machte ihn zu einem beratenden Hausdirektor. Gebrochen und herzkrank starb er am 23. Februar 1953.

Das Apollo wurde an die 1947 unter Federführung des FDGB gegründete Deutsche Volksbühne Dresden übertragen, die Bauarbeiten wurden beschleunigt, ein Ensemble und eine Theaterleitung engagiert. Allerdings war es nun zunächst kein reines Operettentheater, sondern ein Haus mit Schauspiel, Musiktheater und Ballett.

Allerdings war das Haus bei der Eröffnung noch nicht ganz fertig. So dauerte es noch bis zum 2. Oktober 1947, ehe für „Die lustige Witwe“ von Franz Lehár eine umjubelte Premiere gefeiert werden konnte. Die jetzige Staatsoperette sieht diese Aufführung als ihre Geburtsstunde.

In dem noch nicht ganz trockenen Neubau mussten die Mitarbeiter und Künstler Hunger und Kälte trotzen. Der Krankenstand stieg und die Absetzbewegung, immer mehr Künstler gingen in den Westen.

Zudem geriet das Theater in finanzielle Schieflage. Die Schauspieler wanderten zu einem Großteil in das wiedereröffnete Große Haus des Staatsschauspiels in der Innenstadt ab. Schließlich wurde die Deutsche Volksbühne Dresden aufgelöst und – Lustspiel und Operette waren bei den Menschen immer gut gefragt – in Leuben die „Bühnen des Landes Sachsen – Operette-Apollo-Theater“ gegründet – die jetzige Dresdner Staatsoperette.

Was aus dem jetzt leer stehenden Haus werden soll, steht noch nicht fest. Ein Abriss sei nicht geplant, hieß es bei der Stadt.

Im 2016 im Saxophon-Verlag erschienenen Buch „Metropole des Vergnügens“ beschreibt Andreas Schwarze auf 200 Seiten ausführlich die Geschichte der Staatsoperette.