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Vor diesen Tieren hat der Wolf Respekt

Die Landwirte aus der Region setzen beim Herdenschutz neben Zäunen auf ganz unterschiedliche Strategien.

Von Manfred Müller

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Die Preise fallen wie die Blätter

Der Sommer ist vorbei und für so manchen steht ein Wechsel des Kleiderschranks an. Aber  warum denn nur den Inhalt wechseln, wenn doch der ganze Schrank ausgetauscht werden kann?

Wenn Gefahr droht, treiben Li und Lu die Schafherde in die Mitte der Umzäunung, umkreisen sie und achten darauf, dass keins der Tiere ausbricht. Macht sich ein Wolf am Weidezaun zu schaffen, schlagen sie mit lautem, durchdringendem Eselsgeschrei Alarm. Das nervt die Räuber offenbar so sehr, dass sie darauf verzichten, sich unter der Absperrung durchzugraben. Vielleicht ist es auch der Respekt vor den kräftigen Hufen, mit denen die Eselstuten, Mutter und Tochter, nach allen Seiten ausschlagen können. „Da möchte ich nicht dahinterstehen“, sagt Dieter Schneider von der gleichnamigen Kalkreuther Schäferei. Das Landwirte-Ehepaar hat sich insgesamt sechs Esel angeschafft; sie bewachen nicht nur die Schafe, sondern auch die kleine Kuh-Herde des Agrarbetriebes. „Vor allem wegen der Kälber“, erklärt Dieter Schneider. Denn im nahen Raschützwald hat sich 2016 ein Wolfsrudel angesiedelt, und da will Schneider kein Risiko eingehen. Warum er auf Esel statt auf Herdenschutzhunde setzt? Das sei einfach billiger, sagt der Kalkreuther, sowohl in der Anschaffung als auch in der Unterhaltung. Allein fürs Futter müsse man pro Hund und Jahr einen Tausender kalkulieren, nicht gerechnet die Tierarztkosten. Esel hingegen geben sich mit Gras zufrieden, auch wenn der Kauf im Gegensatz zum Herdenschutzhund nicht gefördert wird.

In Strauch schützen Lamas die Schafe von Gerd Schurig.Foto: Kristin Richter
In Strauch schützen Lamas die Schafe von Gerd Schurig.Foto: Kristin Richter
Die Eseldamen Li und Lu schützen die Schafe von Schneiders in Kalkreuth vor dem Wolf. Sie verteidigen sie, wenn es sein muss, mit ihrem Leben.Foto:  Anne Hübschmann
Die Eseldamen Li und Lu schützen die Schafe von Schneiders in Kalkreuth vor dem Wolf. Sie verteidigen sie, wenn es sein muss, mit ihrem Leben.Foto: Anne Hübschmann © Anne Hübschmann

Ein vorschriftsmäßiger Elektrozaun ist für Schäfer natürlich trotzdem ein Muss, sonst gibt es im Ernstfall keine Entschädigung. Die Schneiders haben sogar einen etwas höheren als gefordert. Ein Allheilmittel ist die Umzäunung aber nicht. Gelingt es einem Wolfsrudel, die Schafe in Panik zu versetzen, trampeln sie die Absperrung womöglich nieder und sind den cleveren Raubtieren dann schutzlos ausgeliefert. Die Schneidersche Herde blieb von Wolfsrissen bisher verschont; ihre Besitzer haben noch nicht mal Wölfe zu Gesicht bekommen. Aber Wühlspuren und Pfotenabdrücke rund um die Weiden weisen darauf hin, dass diese die Schneiderschen Schafe schon appetitlich finden. Den beruhigenden Einfluss der Esel aufs Verhalten der Herde und ihre abschreckende Wirkung auf Wölfe haben Passanten und Landwirte aus der Gegend beobachtet und den Kalkreuther Schäfern mitgeteilt.

Gerd Schurig hingegen hat es schon zweimal erwischt. Wölfe drangen in das Damwildgehege des Familienbetriebes ein und rissen mehrere Tiere. Die Straucher haben zwar einen Elektrozaun um die Hirsch-Weide am Ortsrand gezogen. Aber damit gebe es nur Ärger, sagt Schurig. Es sei unglaublich aufwendig, die Einhegung von Bewuchs freizuhalten. Und das ständige Mähen ist ein Muss, weil der Strom durch Gras und Gebüsch abgeleitet wird, was die Leistungsfähigkeit des Weidezauns beeinträchtigt und sogar Kurzschlüsse verursachen kann. Dass das Wolfsrudel aus dem nahegelegenen Raschützwald regelmäßig in der Umgebung von Strauch umherstreift, belegen Wildkamera-Aufnahmen von Jägern aus der Gegend. „Unsere Hirsche sind dadurch sehr scheu geworden“, erklärt Gerd Schurig. Damit die Tiere nicht in Panik geraten, haben die Hirschhalter vier Lamas angeschafft. Die Anden-Kamele sind keine Fluchttiere. Sie stoßen bei Gefahr einen Warnschrei aus und stellen sich zwischen Angreifer und Herde. Ganz Mutige rennen sogar auf ihn zu und versuchen, ihn mit Stampfen, Ausschlagen und Beißen zu vertreiben. Mit ihren Hufen können sie einen Wolf ernsthaft verletzen oder sogar töten. Er werde wegen der ungewöhnlichen Herdenschutztiere zwar manchmal belächelt, sagt der Straucher, aber es sei nichts mehr passiert, seit die Lamas das Gehege bewachen.

Die Schafherde von Götz Heischmann weidet sogar mitten im Territorium eines Wolfsrudels – in der Zeithainer Gohrischheide. Sie soll einen Teil des ehemaligen Truppenübungsplatzes von Baum- und Strauchbewuchs frei halten und damit die typische karge Heidelandschaft erhalten. „Wir sehen eigentlich regelmäßig Wölfe umherstreifen“, sagt der Mühlberger. Aber Heischmann hat seinen Schafen außerordentlich wirkungsvolle Bodyguards beigesellt: Französische Pyrenäen-Berghunde. Die bis zu 80 Zentimeter hohen Tiere flößen Wölfen allein schon durch ihre Größe Respekt ein. Und sie haben auch die nötige Aggressivität, um Isegrim von Grabeversuchen am Elektrozaun abzuhalten. „Hier draußen in der Heide sind sie die idealen Herdenschützer“, erklärt Heischmann. Auf den Elbwiesen hingegen, wo ebenfalls Tiere der Mühlberger Schäferei weiden, gebe es Probleme, weil dort oft Spaziergänger ihre Hunde zum Gassigehen ausführen.

Die Schäferei Hauswald lässt ihre Tiere schon seit 15 Jahren in der Gohrischheide weiden. Seit sich 2015/16 der Wolf hier angesiedelt hat, sind die Brandenburger vorsichtiger geworden. Sie ziehen einen höheren Elektrozaun um die Weideflächen – von blauer Farbe, was zusätzlich abschreckend wirkt. „Eigentlich wollten wir obendrauf noch Flatterband befestigen“, erklärt Heischmann, „aber das hat sich nicht bewährt.“ Das Band biete bei starkem Wind zu viel Widerstand, sodass der Zaun am Ende zu Boden gedrückt wird. Machen sich Wölfe an der Einhegung zu schaffen, sind Anka, Bello, Freddy und Teufel sofort zur Stelle und vertreiben die Räuber mit lautem Gebell. Insgesamt sechs Pyrenäenhunde, jeweils zur Hälfte Jungs und Mädels, bewachen die etwa 800 Bentheimer Landschafe der Mühlberger. Auch wenn bisher nichts passiert sei – ein Restrisiko bleibe natürlich immer, sagt Götz Heischmann. Im September erst haben Wölfe im benachbarten Kröbeln acht Schafe gerissen. Die kleine Herde wurde durch einen 1,40 hohen Weidezaun geschützt. Mit einem stromführenden Untergrabungsschutz, wie ihn Heischmann installiert hat, war die Einzäunung aber nicht ausgestattet.