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Vorher – nachher im Ströma-Koloss

Aus dem Ex-Verwaltungsbau auf dem Sonnenstein ist ein Wohnhaus geworden, alle Quartiere sind belegt. Ein Detail ließ sich aber nicht retten.

© Daniel Förster

Von Thomas Möckel

Pirna. Noch vor vier, fünf Jahren sah es ziemlich wüst aus im Ströma-Haus auf dem Sonnenstein. Die Etagen in dem über 100 Meter langen Verwaltungsbau des früheren VEB Strömungsmaschinen erweckten den Eindruck, als sei jemand mit dem Traktor einmal von vorn nach hinten gefahren. Die hölzernen Zwischenwände waren zerdroschen, in den Scheiben klafften Löcher, alles lag in Trümmern. Im Rest des Hauses sah es nicht besser aus. Ein Großteil der Fenster war eingeschlagen, der Wind pfiff durch die Etagen, die Farbe rollte sich von den Wänden. Doch die heruntergekommen Zeiten sind vorbei.

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Einst und heute

Früher gab es in den Ströma-Büros einzelne Waschbecken … in den Wohnungen hielten nun geräumige Bäder Einzug.
Früher gab es in den Ströma-Büros einzelne Waschbecken … in den Wohnungen hielten nun geräumige Bäder Einzug.
In den verwaisten Zeiten rollte sich Farbe von Decken und Wänden … nun zeigen sich Hausflur und Innentüren vorgerichtet und neu getüncht.
In den verwaisten Zeiten rollte sich Farbe von Decken und Wänden … nun zeigen sich Hausflur und Innentüren vorgerichtet und neu getüncht.
Randalierer hatten die frühere Inneneinrichtung zu Stückgut zerlegt … die Sanierer schufen an deren Stelle helle Wohnungen mit Parkett.
Randalierer hatten die frühere Inneneinrichtung zu Stückgut zerlegt … die Sanierer schufen an deren Stelle helle Wohnungen mit Parkett.
Während der Sanierung war noch die verblichene Außenfarbe zu sehen … nach der Sanierung zeigt sich der Block in frischer Optik.
Während der Sanierung war noch die verblichene Außenfarbe zu sehen … nach der Sanierung zeigt sich der Block in frischer Optik.

Frische Farbe auf der Außenhaut, kleine Sandkästen in Muschelform in den Gärten und Grills auf den früher nicht vorhandenen Balkonen zeugen inzwischen vom neuen Leben in dem denkmalgeschützten Giganten, der hinter dem Schlosspark hoch über der Elbe thront. In dem kantigen Kasten, eines der letzten Überbleibsel einer industriellen Hochzeit in Pirna, tüfteln längst keine Ingenieure mehr, hier wird jetzt gewohnt.

Dafür vollzog der einstige Büro-Koloss im Innern seinen größten Wandel. Die Dresdner Immobilienfirma Fira Grundbesitz, die das Objekt 2016 erwarb, ließ das Gebäude zu einem Wohnhaus umrüsten. Insgesamt entstanden 75 neue Wohnungen, mehr als ursprünglich geplant. Die Quartiere haben zwei bis vier Zimmer. Beim Bau, sagt Fira-Prokurist Mario Jacob, habe sich allerdings herausgestellt, das Vierraum-Wohnungen nicht sonderlich stark nachgefragt waren. Der Bauherr ließ daher mehrere der großen Wohnungen zu Drei- und Zweizimmer-Wohnungen umrüsten, die letzten fertigen 32 Quartiere gingen im Mai an den Start. Die umstrukturierten Pläne des Investors haben sich als erfolgreich erwiesen: „Alle 75 Wohnungen“, sagt Jacob, „sind mittlerweile vermietet.“ Selbst die große Penthouse-Wohnung über dem rechten Treppenhaus, 148 Quadratmeter groß, mit einer Fernsicht von der Sächsischen Schweiz über Pirna bis nach Dresden, ist nun weg. Die Kaltmiete für die Quartiere liegt bei 7,20 Euro je Quadratmeter.

Fira investierte nach eigenen Angaben rund 18 Millionen Euro in das Vorhaben. Handwerker sanierten das Haus abschnittsweise, der frühere Büro-Gigant wurde dafür in drei Bereiche unterteilt, die nacheinander fertig wurden. Um sämtliche Wohnungen erreichen zu können, fügten die Fachleute von der Elbseite aus noch ein drittes Treppenhaus ein – was den Vorteil hat, dass die denkmalgeschützte Fassade an der Vorderseite weitgehend frei von baulichen Eingriffen blieb. Die Quartiere sind barrierefrei, in allen drei Treppenhäusern befördert zudem je ein Lift die Bewohner in die oberen Etagen. „Vor allem wegen der Aufzüge konnten wir viele Mieter gewinnen“, sagt Jacob. Die Struktur der Neu-Strömaer ist gemischt, die Wohnungen gingen nahezu ausschließlich an Pärchen sowie Familien mit Kindern. Der überwiegende Teil der Mieter kommt aus Pirna und der Region drumherum. Es gibt aber auch eine Reihe Rückkehrer – Menschen, die aus Pirna stammen, später gen Westen gingen, nun aber ihren Lebensherbst wieder in der alten Heimat verbringen wollen.

Damit füllt sich das Haus nach stillen Jahren wieder neu mit Leben. Das frühere Verwaltungsgebäude war um 1960 herum errichtet worden und galt es herausragendes Zeugnis der DDR-Industriearchitektur. Ingenieure und Konstrukteure des VEB Strömungsmaschinen entwarfen hier einst technische Lösungen. 1990 wurde der Betrieb privatisiert, fünf Jahre später ging das Unternehmen in die Insolvenz. Das Haus selbst diente noch bis Ende der 1990er-Jahre als Behördensitz, beispielsweise fanden hier Staatsanwaltschaft und Landestalsperrenverwaltung vorübergehend eine Heimat. Seit 2000 allerdings stand der wuchtige Kasten endgültig leer.

Nun ist das Haus saniert, ein prägnantes Detail ließ sich jedoch nicht retten. Früher brachte einmal ein Paternoster die Angestellten rauf und runter. Nach Jahren des Stillstands darf dieser hölzerne Dauerfahrstuhl aber nicht mehr rotieren. Kabinen und Technik sind noch vorhanden, ruhen aber verborgen hinter Trockenbauwänden.