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Vorhof zur Hölle

Mit den Novemberpogromen beginnt vor 80 Jahren die systematische Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten. Der Mob wütetet auch in Bautzen, Wilthen und Großröhrsdorf.

Von Miriam Schönbach

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Der Sommer ist vorbei und für so manchen steht ein Wechsel des Kleiderschranks an. Aber  warum denn nur den Inhalt wechseln, wenn doch der ganze Schrank ausgetauscht werden kann?

Aus ihren Blicken spricht Verzweiflung und Pein. Manche der Menschen im Zug über die Schulstraße tragen Schilder um den Hals mit der Aufschrift „Saujude“. Umringt werden sie von Männern, Frauen, sogar Mädchen und Jungen halten lachend Schritt. Das Bild entstand am 10. November 1938. Geschichtsbücher beschreiben diese Tage als Novemberpogrome. Mit geplünderten Geschäften, verwüsteten Wohnungen und brennenden Synagogen kündigen sie die Vernichtung der Juden an.

Eine Meute treibt Bautzener Juden durch die Schulstraße. Sie müssen Pappen um den Hals tragen. Die Inschriften, wie auch die auf dem Transparent der Anführer, sind retuschiert worden. Doch Augenzeugen berichten von Aufschriften wie „Saujude“ und „Jude“. F
Eine Meute treibt Bautzener Juden durch die Schulstraße. Sie müssen Pappen um den Hals tragen. Die Inschriften, wie auch die auf dem Transparent der Anführer, sind retuschiert worden. Doch Augenzeugen berichten von Aufschriften wie „Saujude“ und „Jude“. F

Bautzen ist nach aktuellen Recherchen des Historikers Daniel Ristau nur einer von knapp 60 Orten im heutigen Sachsen, wo es in den Novembertagen vor 80 Jahren Ausschreitungen gegen die jüdischen Nachbarn gab. Für das Projekt „BruchStücke – die Novemberpogrome in Sachsen“ hat der 38-Jährige bereits bekannte Quelle zusammengeführt, die Berichterstattung gut 60 lokaler ausgewertet, Gerichtsakten gelesen und vor allem auch noch mit einigen, wenigen Zeitzeugen gesprochen. „Vor allem wollte ich die Geschichte der Verfolgten, der Zuschauer, der Helfer und der Täter untersuchen, weil sie eine Antwort zum Umgang der Menschen miteinander gibt“, sagt der Dresdner.

In den Vorhof zur Hölle kommen die Menschen jüdischer Abstammung mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933. Bereits am 1. April 1933 folgt der erste offizielle Aufruf zum reichsweiten Boykott gegen jüdische Geschäfte und Waren, Ärzte und Anwälte. Die Ausführung folgt prompt. In Bautzen beziehen SA-Leute vor jüdischen Geschäften Stellung, um Einkaufenden den Eintritt zu verwehren. Wer sich widersetzt, wird fotografiert und im sogenannten Stürmerkasten öffentlich an den Pranger gestellt. Dem ersten Terror schließen sich schnell weitere Restriktionen an.

Die Nürnberger Rassengesetze schaffen 1935 die Grundlagen für den systematischen Ausschluss der Juden aus dem öffentlichen und wirtschaftlichen Leben. Gleichzeitig schüren Hetzredner bei reichsweiten Massenversammlungen die Angst vor„der jüdischen Weltpest“. Die Gestapo führt zudem eine Kartei, die alle Juden für die „Endlösung“ erfasst. Zu diesem Zeitpunkt glauben viele Juden noch, dass der Spuk bald vorbei sei, erinnert sich der gebürtige Bautzener Ari Großmann (1924 – 2012) in der Publikation „Juden in der Oberlausitz“.

Ein Ereignis sorgt schließlich für die Eskalation. Am späten Morgen des 7. November 1938 erschießt der 17-jährige Herschel Grynszpan, dessen Eltern wegen ihrer jüdischen Abstammung von Hannover in ihr Herkunftsland Polen abgeschoben wurden, in Paris den Legationsrat Ernst von Rath. Mit der Verzweiflungstat in der Botschaft wollte der junge Mann die Welt auf die Judenverfolgung aufmerksam machen, vermutet Daniel Ristau. Der NS-Propaganda aber liefert das Attentat die Rechtfertigung für die Pogrome. Die bereits klimmende „antisemitische Glut“ in der Bevölkerung wird zum Feuer. Schnell rotten sich an einigen Orten Deutsche zusammen. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels ist gerade in München und notiert nach dem Tod Ernst von Raths und einem Gespräch mit Adolf Hitler am Abend des 9. Novembers in sein Tagebuch: „Demonstrationen weiterlaufen lassen. Polizei zurückziehen. Die Juden sollen einmal den Volkszorn zu verspüren bekommen“.

Per Telefon erreichen die lokalen Funktionäre der Sturmabteilung (SA) die Anweisungen zu ihrem Plan. In Bautzen erreicht ein solches Telefonat in der Nacht den SA-Sturmführer Georg Rafelt. Jener gibt den Befehl weiter an SA-Truppführer Arthur Domschke, wie Rafelt bei einer Gerichtsverhandlung 1949 aussagen wird. Ohne Uniform lässt die Schlägertruppe schon in den Morgenstunden des 10. Novembers ab 7 Uhr auf der Reichenstraße Scheiben jüdischer Geschäfte zu Bruch gehen. Wenig später jagen sie die letzten verbliebenen Juden an der Spree aus ihren Häusern. Sie werden im Garagenhof Brückner, der heutigen Neusalzaer Straße 7, zusammengetrieben. Von dort treibt der Mob mit den Rufen „Juda verrecke“ die überwiegend älteren Frauen und Männer sieben Stunden lang durch die Straßen, während andere ihre Wohnungen, Geschäfte und den Gebetsraum in der Töpferstraße verwüsten.

Niemand scheut sich, mit Steinen zu werfen, zu spucken und Beine zu stellen. Auf dem Kornmarkt zwingt sie die Meute zu Kniebeugen und ähnlichen „Übungen“. Laut Aussagen Domschkes, ein Klempner von Beruf, habe es sogar den Befehl gegeben, die Juden den Gerberberg hinunterzuführen, um sie im Tal in die Spree zu stürzen. Diese Ungeheuerlichkeit unterbleibt wohl in letzter Sekunde.

Im Bautzener Zug der Diffamierten befinden sich auch Gertrud Joachimsthal und Hugo Rosenthal. Die Geschwister erleben an diesem 10. November gleich eine doppelte Demütigung. Ein Fotodokument zeigt sie in einem Leiterwagen sitzend inmitten zahlreicher Menschen vor dem Gasthaus „Goldener Engel“ in Wilthen, einige von ihnen grinsen in die Kamera. „Die Aufnahme erweckt fast den Eindruck einer Volksfeststimmung; Uniformen sind nicht zu erkennen“, sagt Daniel Ristau.

Auf Anordnung des NSDAP-Ortsgruppenleiters Alwin Neumann treiben die Wilthener Gertrud Joachimsthal, die Eigentümerin einer Scheuertuchfabrik, gemeinsam mit ihrem Bruder Hugo Rosenthal – ein Invalide aus dem Ersten Weltkrieg - aus ihrer Villa und dem Betrieb. Nach den demütigenden Stunden nimmt der Bürgermeister die zwei in Schutzhaft und lässt sie nach Bautzen bringen, wo die Tortur für sie von Neuem beginnt. Wie viele Juden nach Bautzen gebracht wurden, ist unklar. Das Beispiel Wilthen zeigt, dass Juden auch in kleineren Ort der Hass entgegenschlug.

Ein solcher Fall ist aus Großröhrsdorf bekannt. Dort betreiben Regina und Curt Schönwald ein Kaufhaus. In die Lausitz zogen sie 1911 von Berlin. Den jüdischen Glauben leben sie, wie übrigens viele der später Verfolgten, nicht mehr. Als Teilnehmer des Ersten Weltkriegs gilt der Unternehmer wie Rosenthal als „guter, patriotischer Deutscher“. Mit der Spende der Kaufhausbesitzer kann unter anderem das Masseneibad eröffnet werden. Die Schönwalds sind angesehene Bürger. Bis zum Morgen des 10. November 1938.

Um halb drei am Morgen wird das Ehepaar von ein paar Nazis mit der im Haus lebenden Schwiegermutter Johanna Pleß aus den Betten geholt. Bei Fackelschein unter Kirchturmglockenläuten und „Juden-raus“-Rufe werden sie bis zum Bahnhaltepunkt Kleinröhrsdorf getrieben. Die Gehetzten kommen zuerst ins Gefängnis, später in ein Judenhaus in Berlin. Ihre Spuren verlieren sich mit dem Transport ins Ghetto Piaski. Entkommen können dagegen Gertrud Joachimsthal und Hugo Rosenthal. Über Kolumbien wandern sie nach Amerika aus, wo die Unternehmerin 1976 und ihr Bruder 1965 sterben. Das Fabrikgrundstück und die Villa in Wilthen wurden nach 1989 an die Erben rückübertragen.

Doch die lachenden Gesichter auf beiden raren Fotografien zu den Novemberpogromen bleiben im Gedächtnis. Dem staatlich verordneten Terror stellen sich auch nur wenige entgegen. Widerstand leistete zum Beispiel August Scheffler in Weißwasser. Der Witwer nahm die als Jüdin verfolgte Margarete Pese und deren Tochter Gerda in sein Haus auf – aus Dankbarkeit, weil Peses seine Familie in der Weltwirtschaftskrise mit Lebensmitteln versorgte. Für die Zivilcourage am 10. November kommt Scheffler ins Stadtgefängnis. Seine Schützlinge auf Zeit dagegen sterben wahrscheinlich im Vernichtungslager Belzec.

Auch die Biografien hat Daniel Ristau für die „BruchStücke“ zusammengetragen. Zum Projekt gehört eine kostenfrei zugängliche Datenbank Interessierte können mit ihrer Hilfe Publikationen zum Thema, aber auch Orte und Namen recherchieren und mit dieser Grundlage lokale Forschungen weiter vorantreiben. Außerdem gibt es eine Wanderausstellung zu den Regionen Dresden, Leipzig und Chemnitz. Auch Fotografien zu den Ereignissen und Zeitzeugen sucht der Historiker noch. „Bald gibt es niemanden mehr, der sich erinnert“, sagt er. Dabei bringen die Novemberpogrome etwa 30 000 Juden ins Konzentrationslager. Über 1 400 Synagogen, Betstuben und Versammlungsräume sowie tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe werden zerstört. Der Holocaust wirft in diesem Augenblick seinen Schatten voraus – mit letztlich sechs Millionen Opfern.