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Wachwitzer Nadel konkurriert mit Turm am Alex

© Repro aus „Dresden in den 60er Jahren“

Vor 50 Jahren war Richtfest für den Dresdner Fernsehturm. Geplant war eigentlich, dass zum höchsten Bauwerk der Stadt eine Seilbahn fährt.

Von Lars Kühl

Einen Grund zum Anstoßen gibt es nicht. Dabei wäre das so naheliegend. Denn am 15. Dezember vor 50 Jahren war Richtfest für den Dresdner Fernsehturm. Sein Aussehen ist inspiriert von einem Sektglas. Doch der Wächter über dem Elbtal, liebevoll die „Wachwitzer Nadel“ genannt, hat seit 1991 keinen Besuch mehr. Damals wurde die Aussichtsplattform gesperrt. Arbeitslos ist der Turm dennoch nicht. Betrieben von der Deutschen Funkturm GmbH, sendet und empfängt er weiter Signale. Von Weitem trotzig-trutzig anzuschauen, immer noch der beste Referenzpunkt, um sich auf den Höhenzügen rund um die Stadt zu orientieren. Von Nahem ein trauriger Anblick.

Das Experiment mit einem wärmenden Ballon scheiterte dagegen. Nach einem Sturm hing der Dederon in Fetzen herunter. © Repro aus „Dresden in den 60er Jahren“

Am 16. Dezember 1965 berichtete die Sächsische Zeitung noch auf Seite 1 groß über das Richtfest: „Die Höhe des Turmes beträgt jetzt 167,15 Meter. Der Betonbau ist damit fertiggestellt. Mit allen Aufbauten der Antenne wird das Bauwerk insgesamt 252 Meter hoch werden.“

Die Dresdner hofften, nun endlich bald nicht mehr im Tal der Ahnungslosen zu leben. Mit „Ochsenkopf-Antennen“ auf den Dächern, später versteckt in den Wohnungen, hatten sie versucht, das Erste Fernsehprogramm der ARD, ausgestrahlt vom Bayerischen Rundfunk, zu sehen. Mit einem Fernsehturm sollte „Westempfang“ eigentlich gar kein Problem mehr sein.

Inspiration beim Klassenfeind

Ein Irrtum, wie sich aber erst später herausstellen wird. Als das Bau- und Montagekombinat Kohle und Energie im Auftrag der Deutschen Post der DDR den Turm am Oberwachwitzer Weg 37 ab 1963 errichten ließ, war die Hoffnung der Dresdner noch groß. Die Architekten Kurt Nowotny, Herrmann Rühle, der insbesondere die großen statischen Herausforderungen meisterte, und Johannes Braune hatten sich für ihren Entwurf ausgerechnet beim Klassenfeind Inspirationen geholt. In Stuttgart war 1956 ein Fernsehturm eröffnet worden, der zum Vorbild wurde.

Zu den Spezialisten des größten Baukombinats der DDR gehörten auch zwei Einheimische: Horst Beranek aus der Johannstadt und Wolfgang Schneider aus Pillnitz (Jürgen Richter, „Dresden in den 60er Jahren“). Beide waren später auch in Berlin am Alexanderplatz im Einsatz. Dort wurde fast gleichzeitig, nämlich von 1965 bis 1969, ein Fernsehturm errichtet: Mit 368 Metern viel höher als der in Elbflorenz – es konnte natürlich nicht sein, dass die „Provinz“ die Hauptstadt ausstach.

Der Berliner Turm ist heute immer noch das höchste Bauwerk Deutschlands. Eröffnet wurde er am 3. Oktober 1969, obwohl der in Dresden eher fertig war. Doch die Hauptstadt beanspruchte die ungeteilte Aufmerksamkeit für sich, deshalb wurde der hiesige Fernsehturm erst am 7. Oktober übergeben. Bedenkt man aber Dresdens Lage mit 112 Metern über dem Meeresspiegel, ragt die Spitze mehr als 370 Meter über der Elbe – schöngerechnet, bedeutet dies einen kleinen Sieg über die preußische Höhenhatz. Lange bevor es so weit war, wurde zunächst ab 1963 das Fundament im felsigen Wachwitzer Untergrund verankert. Der Stahlbeton-Ring hat einen Durchmesser von 21 Metern. Nach dem Start wuchs die Betonnadel rasant in den Himmel, war im Dezember 1964 schon 85 Meter hoch.

Doch dann wurde es klirrend kalt. Deshalb wagten die Bauleute ein Experiment. Um die Betonarbeiten nicht zu stoppen, bekam der Turmschaft in einer Höhe von etwa 100 Metern eine wärmende Schutzhülle aus Dederon. Die war mit Druckluft gefüllt und sah aus wie ein Ballon. Doch am 28. Februar 1965 zog ein Sturm auf, mit orkanartigen Böen und Windstärke 12 (Uwe Schieferdecker, „Das war das 20. Jahrhundert in Dresden“). Um die Mittagszeit gelang es nicht mehr, den Innendruck aufrechtzuerhalten. Der Ballon erschlaffte, schlug gegen das Gerüst und wurde zerfetzt. Glücklicherweise wurde kein Arbeiter verletzt.

Ein zweiter Versuch mit so einem Stoffschutz scheiterte ebenfalls an Wetterunbilden. Bauverzug war demnach unvermeidlich. Das Richtfest wurde so erst am 15. Dezember 1965 gefeiert.

Zwar hatte man die Zufahrtsstraße zwischen Gönnsdorf und Pappritz ausgebaut, doch eigentlich sollten die Besucher mit einer Seilbahn zum Fernsehturm hochfahren. Allerdings fehlte dafür Geld, obwohl die Bahn bereits fertig war. Später wurde sie im Harz zwischen Thale und dem Hexentanzplatz errichtet. 1966 passierte auf der Baustelle ein Unglück, als der Innenausbau lief. Ein Monteur fiel in den 120 Meter tiefen Aufzugsschacht und starb dabei.

Drei Jahre später waren der 85 Meter hohe Antennenmast angebracht, die Aussichtsplattform für über 100 Besucher fertiggestellt und das Turmcafé mit seinen 132 Plätzen in luftiger Höhe von 145 Metern eingerichtet. Zum 20. Jahrestag der Republik wurde das Bauwerk eröffnet. Schon vorher war es sendebereit, wie ein Bericht in der SZ vom 19. September 1965 zeigt: „Die Versammelten sind sich der Bedeutung des Augenblicks bewusst, als Genosse Kaune dem Minister für Post und Fernmeldewesen der DDR, Rudolph Schulze, den neuen Sender als betriebsbereit meldet und ihn bittet, die Anweisung zum Sendebeginn zu geben. Die Weisung wird telefonisch in das Technische Zenrum übermittelt, und auf den Bildschirmen der aufgestellten Fernsehempfänger leuchtet zum ersten Mal das vom Wachwitzer Fernsehturm gesendete Bild auf.“ Auf derselben Zeitungsseite findet sich zudem eine ausführliche Anweisung, wie die Antennenanlagen an die neuen Bedingungen anzupassen sind. Wie „Westfernsehen“ zu empfangen ist, wird natürlich nicht beschrieben. Diese Hoffnung vieler erfüllte sich auch mit dem neuen Turm nicht, Dresden blieb das „Tal der Ahnungslosen“.

200 000 Besucher im Jahr

Das „Sektglas“ wird dagegen zur Touristenattraktion. In Spitzenzeiten kamen rund 200 000 Besucher im Jahr. In 25 Sekunden waren sie in einem der beiden Schnellaufzüge auf der Plattform oder im zweistöckigen Café. Wer wollte, konnte auch die 752 Stufen zu Fuß nehmen.

Nach der Wende ging es nicht mehr lange hinauf, sondern steil bergab mit dem Turm. Zwar wurde schon bald Westfernsehen ausgestrahlt. Viele Dresdner hatten sich aber bereits in den späten 1980er-Jahren in Kabelgemeinschaften organisiert und sahen längst auch Privatsender. Die Telekom übernahm das Bauwerk 1991. Seitdem ist es geschlossen. Alle Pläne, es wieder zu betreiben, scheiterten. Vor elf Jahren gründete sich der Förderverein Fernsehturm Dresden. Er versucht behutsam, aber beharrlich, dem „langen Kerl wieder Leben einzuhauchen“. Am Dienstag waren Mitglieder bei Oberbürgermeister Dirk Hilbert. Als Nächstes soll eine Machbarkeitsstudie erstellt werden. Erklärtes Ziel ist, dass der Turm zu seinem 50. Geburtstag wieder offensteht. Das wäre in nicht einmal vier Jahren …