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Waffenloser Dienst fürs Vaterland

Vor 50 Jahren wurde das Bausoldatengesetz in der DDR beschlossen. Rund 15.000 junge Männer verweigerten so in der NVA den Dienst an der Waffe. Die Gewissenskonflikte der Betroffenen reflektiert eine Ausstellung.

© dpa

Von Martina Rathke

Prora. Als Bausoldaten konnten sie dem Dienst an der Waffe entrinnen, aber nicht den militärischen Strukturen und der Überwachung durch die Stasi. Zweieinhalb Jahre nach der Einführung der Wehrpflicht in der DDR beschloss der Nationale Verteidigungsrat am 7. September 1964 eine Anordnung über die Aufstellung von waffenlosen Baueinheiten. Sie galt für jene, „die aus religiösen Anschauungen oder aus ähnlichen Gründen“ den Waffendienst ablehnten. Einen zivilen Friedensdienst, wie von vielen Bausoldaten seit den 1960-er Jahren immer wieder eingeklagt, gab es erst nach dem Fall der Mauer.

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„Der SED-Staat hat mit dem Gesetz eine Kompromissvariante gefunden und versucht, auf diese Art die Oppositionsfront zu befrieden“, sagt der frühere DDR-Oppositionelle Heiko Lietz. Als Totalverweigerer wurde Lietz 1967 in Rostock in Untersuchungshaft genommen. Später leistete er seine Wehrpflicht bis 1969 als Bausoldat in Torgelow ab. „Der Dienst als Bausoldat war ein schlechter Kompromiss, da die Ambivalenz blieb“, resümiert Lietz heute. Seine Zeit als Bausoldat habe er als sehr problematisch empfunden.

Einblick in Alltag der Waffenverweigerer

Rund 15.000 junge Männer verweigerten als Bausoldaten in der DDR den Dienst an der Waffe - 3.300 von ihnen in Prora auf der Insel Rügen. Eine Ausstellung im Prora-Zentrum dokumentiert erstmals ab Sonntag umfassend die Geschichte des Bausoldaten-Standortes an der Ostseeküste.

In einem Forschungsprojekt hatte das Prora-Zentrum seit 2012 mit Unterstützung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Landesbeauftragten für Stasiunterlagen Interviews mit Zeitzeugen geführt, die Einblick in den Alltag der Waffenverweigerer geben und beschreiben, welchen Repressalien Bausoldaten ausgesetzt waren - von der kurzfristig verhängten Ausgangs- und Urlaubssperre bis zum Arrest bei Verstößen.

Zudem werden Ausschnitte aus Dokumenten der Stasi-Unterlagenbehörde gezeigt, die belegen, wie der Geheimdienst Informationen unter den regimekritischen Soldaten abschöpfte, die als Teil der Oppositionsbewegung in der DDR gesehen wurden. Bei der Operation „Pazifist I/84“ gab die Stasi einem hauptamtlichen Mitarbeiter mit dem Decknamen „Reinhard Kopernikus“ eine neue Identität als Bausoldat, um das Ohr nah an den potenziellen Staatsfeinden zu haben, wie die Leiterin des Prora-Zentrums, Susanna Misgajski sagte.

Der später als IM-Informant enttarnte Rechtsanwalt Wolfgang Schnur betrieb von 1973 bis 1978 seine Kanzlei in Binz. Als IM „Dr. Ralf Schirmer“ hat er engen Kontakt zu den Bausoldaten in Prora aufgebaut. Im Jahr 1984 verhinderte er durch seinen Einfluss auf die Bausoldaten, dass ein Wahlbetrug bekannt wurde. Die Mitarbeiter des Prora-Zentrums recherchierten für die Ausstellung in verschiedenen Archiven, unter anderem, im Militärarchiv oder dem Deutschen Historischen Museum.

Bau des Alternativweges in die SU

Ab 1982 wuchs Prora aus militärstrategischen Gründen zum größten Bausoldaten-Standort in der DDR. In unmittelbarer Nähe des NVA-Stützpunktes wurde der Fährhafen Sassnitz-Mukran errichtet, der der DDR nach den aufkeimenden Protestbewegungen in Polen einen alternativen Transportweg in die Sowjetunion sichern sollte. „Aus den Berichten wissen wir, dass die Tätigkeiten auf der Baustelle eine körperlich sehr schwere Arbeit waren“, sagte Misgajski. „Das Ausheben der Kabelschächte mit Spitzhacke und Spaten wurde von den Bausoldaten als Repressionen empfunden, weil die NVA-Führung ganz bewusst auf den Einsatz von schwerer Technik verzichtet hatte.“

Bereits 1964 wurden erste Bausoldaten stationiert, zunächst nur kleinere Gruppen, um militärische Anlagen wie Panzerschießplätze zu errichten. Ab 1975 zeichnete sich sogar eine gewisse Lockerung ab. Bausoldaten wurden unter anderem als Hausmeister und Dienstpersonal im NVA-Erholungsheim eingesetzt, wie Misgajski sagte. Radikal habe sich die Situation dann ab 1982 mit dem Baustart für den Fährhafen geändert.

Die Ausstellung ist bis 28. August in Prora zu sehen. Danach wird sie Anfang September auf dem Bausoldatenkongress in Wittenberg gezeigt. (dpa)