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Waggonbau verliert Spezialisten durch Bombardier-Krise

Der Betriebsrat sieht durch das jüngste Spitzengespräch wenig geklärt. Sein Vorsitzender René Straube erklärt in der SZ, wie die Stimmung im Görlitzer Werk ist.

© privat

Sind Sie klüger über die Zukunftsstrategie von Bombardier nach dem Spitzengespräch im Berliner Wirtschaftsministerium?

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Wir sind Görlitz

Görlitz ist Vielfalt. Wie viel, dass zeigen ganz unterschiedliche Personen sowie Unternehmen und ihre ganz individuellen Geschichten.

Außer dass Standortschließungen in Deutschland offiziell nicht geplant zu sein scheinen, liegt den Beschäftigten nach wie vor nichts Greifbares im Hinblick auf die Strategien von Bombardier vor. Durch unbestätigte Pressemeldungen sind natürlich große Ängste unter der Belegschaft geschürt worden.

Sind Sie enttäuscht darüber?

Ja, seit Monaten leben alle Beschäftigten mit der Ungewissheit, wie es weitergehen wird. Das steckt jeder anders weg. Aber der Frust wächst natürlich.

Sind Sie denn mit der Politik zufrieden, wie sie sich für die Bombardier-Werke und die Tausende Mitarbeiter einsetzt?

Es ist gut, dass sich sowohl die sächsische Landesregierung als auch die Bundesregierung für die Interessen der Bombardier-Mitarbeiter einsetzen. Ich hoffe, dass die Gespräche nur der Auftakt für einen weiteren Dialog sind. Es muss weitergehen.

Das sagt man auch über den Görlitzer Waggonbau in allen Krisen seit 1990?

Jüngeren Kollegen erzähle ich oft, dass wir als Waggonbau selbst unter der Regie der Treuhand, welche ja durchaus auch in dem Ruf stand, im Osten die Industrien platt zu machen, um Konkurrenten für die westdeutsche Wirtschaft zu eliminieren, weiterbestehen konnten. Auch die Übernahme durch Bombardier hatte durchaus positive Aspekte. Aktuell allerdings sind die Zweifel groß, ob mit der aktuellen Firmenphilosophie neue Projekte konkurrenzfähig angeboten, konstruiert, gefertigt und am Ende termin- und qualitätsgerecht an den Kunden geliefert werden können. Und dies sicher nicht, weil die Kollegen verlernt haben, wie man Fahrzeuge baut.

Am kommenden Dienstag gibt es eine IG-Metall-Mitgliederversammlung im Görlitzer Bombardier-Werk. Der IG-Metall-Chef von Ostsachsen sagt, da würde auch über Streik gesprochen. Ist die Zeit dafür reif?

Die Zeit ist allemal reif dafür, streikfähig sind wir aber nur zur Durchsetzung tariflicher Forderungen, nötigenfalls auch einem Sozialvertrag. Dies gilt für mögliche Entlassungen sowie Ausgliederungen von Fertigungsbereichen und ähnlicher struktureller Maßnahmen.

Was erwarten Sie am Dienstag, wie wird die Versammlung der IG-Metallmitglieder unter den Görlitzer Waggonbauern verlaufen?

Zunächst erwarten wir eine rege Beteiligung der Mitglieder. Wir haben sie auch gebeten, schon vorab uns ein Meinungsbild abzugeben. Ich bin mir sicher, dass die überwiegende Mehrheit der Belegschaft kampf- und streikbereit ist. Das ist auch meine persönliche Erwartung.

Die Probleme bei Bombardier haben in der Branche längst die Runde gemacht, Stadler-Rail wirbt mit Stellenanzeigen gezielt Personal ab, die Lieferverzögerungen beispielsweise beim Schweiz-Auftrag sind bekannt. Schadet diese Krise auch langfristig dem Ansehen von Bombardier und damit auch dem Görlitzer Waggonbau?

Das ist definitiv so. Die Entscheidungen des Konzerns sind nachteilig für uns. Dazu zählt, die Konstruktionsabteilung in Hennigsdorf zu konzentrieren. Wenn in Görlitz auch weiterhin Fahrzeuge gebaut werden sollen, dann müssen auch Konstrukteure hier vor Ort sein. Zudem sind viele Mitarbeiter aus der Konstruktion zu Mitbewerbern gegangen, das sind gesuchte Spezialisten. Da haben wir unglaublich viel Know-how verloren.

Der Görlitzer Oberbürgermeister Siegfried Deinege, selbst langjähriger Bombardier-Mitarbeiter, hat die Belegschaft aufgerufen, den Kopf nicht in den Sand zu stecken und fleißig weiter zu arbeiten. Ist das so ohne weiteres möglich?

Die Einsatzbereitschaft der Mitarbeiter ist unverändert groß, sie arbeiten an den Aufträgen mit großer Disziplin und Akribie. Da gibt es trotz der schwierigen Situation keine Abstriche.

Was wünschen Sie sich als Görlitzer Betriebsratsvorsitzender, wie die Krise gelöst werden kann?

Am besten wäre, die Hütte ist voll mit Arbeit, und allen geht es wieder gut.

Gespräch: Sebastian Beutler