Partner im RedaktionsNetzwerk Deutschland
Merken

Wahnsdorf putzt sich raus

Zum 666. Gründungsjubiläum war der ganze Ort auf den Beinen – und zum Teil mit besonders schmucken Schätzchen unterwegs.

Teilen
Folgen
NEU!
© André Wirsig

Von Ulrike Keller

Wahnsdorf. Mit schickem Hemd auf die Maschine: Christoph Menzel und Lucas Ollhoff haben sich in Schale geworfen zur großen Traktorparade. Die 17-Jährigen sind die jüngsten der etwa 20 Teilnehmer auf den landwirtschaftlichen PS-Oldies, die zur Eröffnung des Wahnsdorfer Festwochenendes eine ausgiebige Ehrenrunde durch den Radebeuler Ortsteil drehen. Ganz gemächlich. Immerhin sind die wuchtigen Schätzchen sehr betagt und meist pensioniert.

Auch das 35-PS-Gefährt der Familie Menzel hütet normalerweise nur noch die Scheune, erzählt Christoph. Allerdings hat dieser Traktor mit seinen 50 Jahren sogar ein eigenes Jubiläum vorzuweisen.

Christoph und seine Freunde genießen das Festwochenende. „Sonst ist in Wahnsdorf nicht viel los“, sagt der Abiturient. Weil es so ein Jubiläum nicht alle Tage gibt, ließ er sich auch zur Vorbereitung einspannen. „Meine Oma hatte Tränen in den Augen, als sie sah, wie schön unsere Nachbarn die Vorgärten und Zäune zurechtmachen.“

Davon angesteckt, instruierte sie Christoph und seinen jüngeren Bruder David, dem eigenen Hof ebenfalls ein besonders einladendes Äußeres zu verpassen. Die Enkel zupften Unkraut, hängten Wimpel, dekorierten mit Kürbissen und Zucchini und platzierten eine Pflanzschale vorm Hoftor. Vor dieser Schmuckansicht parkt nun der Schmucktraktor der Familie neben einer Reihe anderer Oldtimer für Acker und Feld, die am Dorfteich ausgestellt werden.

Tatsächlich hat sich das Gros der Häuser, die an den Straßen liegen, herausgeputzt. Wimpel, Girlanden und Luftballons zieren Zäune, ländliche Puppen und bepflanzte Kreationen viele Vorgärten.

Und noch etwas fällt auf: offene Hoftore und ein reges Kommen und Gehen in den Höfen. Holzgestalter Holger Enders hat mit so viel Andrang gar nicht gerechnet. Etwa 300 Gäste besuchen in nur zwei Stunden sein Refugium mit Werkstatt, Freilichtausstellung und Bastelstrecke. „Eigentlich ist Wahnsdorf ein Dorf, aber viele – auch Einheimische – kennen mich noch nicht“, stellt er fest. Er nutzt die Gelegenheit, um bei Kindern das Interesse fürs Handwerk zu wecken. „Sie müssen schleifen, bohren und klopfen können und ihre Kreativität ausleben.“ Darum hat er Holzstücke vorbereitet, die zum Stiftehalter, Kerzenständer und Spielzeugholzwürfel vollendet werden können. Gleich zum Mitnehmen.

Viel Betrieb auch im Hof von Töpferin Sylvia Biebach-Mutke, wo es originelle Gartenkeramik gibt. Die einen kaufen oder bestellen ihr individuelles Wunschfabrikat, die anderen kosten von Kaffee und Keksen. Beides hat die Künstlerin extra herausgestellt. Sie freut sich über die enorme Resonanz zur Jubiläumsfeier. „Ich bin ein Dorfkind. Das Fest ist für mich etwas Besonderes“, sagt Sylvia Biebach-Mutke. Gern hat sie sich deshalb mit eingebracht.

Ein kleines Mädchen im Sonntagskleid schlendert mit seiner Mutter durch das offene Tor. „Wo gehen wir jetzt hin?“, will es wissen. Die beiden biegen in jene Richtung ab, wo Floristin Sylke John geöffnet hat.

Die junge Blumen- und Deko-Expertin ist angetan von der Atmosphäre des Festtages. „Die Leute bringen Zeit mit und sind entspannter als sonst“, erzählt sie. „Man kann gut miteinander ins Gespräch kommen.“ Der Großteil ihrer Besucher sind Einheimische. Wie zwei ältere Damen. „Es steckt so viel Arbeit drin“, würdigen sie die Vorbereitung des Jubiläumswochenendes. „Alles ist mal offen.“ Eine Gelegenheit, die sie sich nicht entgehen lassen.

Am Hofeingang marschiert ein junges Paar mit Rucksack und Karte vorbei. Kaum zu überhören, treibt sie speziell eine Frage um: Wo sind denn jetzt die Traktoren hin?